Mi­ni­mal­ziel er­reicht – ma­xi­ma­le Fei­er

Der Ham­bur­ger SV ent­geht mit ei­nem 2:1-Sieg dem Ab­stieg und der Re­le­ga­ti­on

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Der Ham­bur­ger SV ist ge­ret­tet – und zwar end­gül­tig. Nach dem 2:1-Sieg ge­gen den VfL Wolfs­burg sind die Han­sea­ten so­gar der Re­le­ga­ti­on ent­gan­gen. Mann­schaft, Ver­ant­wort­li­che und Fans fei­er­ten, als hät­te das Ur­ge­stein der Fuß­ball-Bun­des­li­ga die Meis­ter­schaft er­run­gen. Doch das ist schon lan­ge her.

Von Hen­drik Buch­he­is­ter

HAM­BURG. Als der einst­mals gro­ße Ham­bur­ger SV sei­nen bis­lang letz­ten Ti­tel ge­wann, den DFB-Po­kal 1987, war Lu­ca Wald­schmidt noch nicht ge­bo­ren, er kam am 19. Mai 1996 zur Welt. Für Ver­tre­ter sei­ner Ge­ne­ra­ti­on ist der HSV kein Klub, der An­er­ken­nung und Be­wun­de­rung her­vor­ruft, son­dern ein Ver­ein, über den sich die Re­pu­blik je­des Jahr aufs Neue lus­tig macht, weil je­des Jahr aufs Neue trotz gro­ßer In­ves­ti­tio­nen der Ab­stieg droht.

Zwei­mal sind die Ham­bur­ger der Ver­set­zung ins Un­ter­haus in letz­ter Se­kun­de ent­gan­gen, in der Re­le­ga­ti­on, und auch zum En­de die­ser Sai­son sah es so aus, als müss­te der Klub wie­der ein­mal ei­ne Ex­tra-Run­de dre­hen, 1:1 stand es bis kurz vor Schluss im so­ge­nann­ten An­ti-Re­le­ga­ti­ons-Fi­na­le ge­gen den VfL Wolfs­burg. Dann kam Wald­schmidt – und si­cher­te sich sei­nen Platz in der Ge­schich­te des Ver­eins.

In der 86. Mi­nu­te wur­de er ein­ge­wech­selt, zwei Mi­nu­ten spä­ter stand er da, wo ein Of­fen­siv­spie­ler eben ste­hen muss. Ei­ne Flan­ke von Fi­lip Kostic ver­wer­te er per Kopf zum 2:1-Sieg­tref­fer – das Er­geb­nis reich­te dem HSV zur di­rek­ten Ret­tung und schick­te den VfL in die Re­le­ga­ti­on – und ver­setz­te die Be­su­cher im Volks­park­sta­di­on in ei­nen Tau­mel wie zu bes­ten Eu­ro­pa­po­kal-Ta­gen.

Nach dem Schluss­pfiff stürm­ten die Fans den Ra­sen und funk­tio­nier­ten die Spiel­flä­che zu ei­ner ge­wal­ti­gen Par­ty-Zo­ne um. „Nie­mals Zwei­te Li­ga!“, san­gen sie. Die Ham­bur­ger Pro­fis di­ri­gier­ten die Fei­er­lich­kei­ten, auf ei­nem Tisch ste­hend und mit Bier­fla­schen in der Hand. Di­rekt nach dem 2:1 war der ver­letz­te Pier­re-Mi­chel La­sog­ga auf das Feld ge­lau­fen, um zu ju­beln. Ord­ner, die den HSV-Pro­fi in Zi­vil nicht er­kann­ten, führ­ten ihn recht un­sanft ab.

Wie­der ein­mal hat­te der HSV ge­zeigt, dass er nicht tot­zu­krie­gen ist, wie­der ein­mal bleibt er trotz ei­ner chao­ti­schen Sai­son in der Bun­des­li­ga. Trai­ner Mar­kus Gis­dol wirk­te hin­ter­her er­schöpft wie nach ei­nem Marsch durch die Sa­ha­ra. Er hat­te die Mann­schaft zum sechs­ten Spiel­tag über­nom­men, nach acht Par­ti­en stand sie mit ge­ra­de ein­mal zwei Punk­ten am Ta­bel­len­en­de, der Ab­stieg schien un­aus­weich­lich. Dass der HSV dank ei­ner star­ken Rück­run­de den di­rek­ten Klas­sen­ver­bleib ge­schafft hat, ist zu ei­nem gro­ßen Teil Gis­dols Werk.

Fei­ern las­sen woll­te er sich da­für aber nicht. „Wir ha­ben die­ser un­glaub­lich emo­tio­na­len Si­tua­ti­on stand­ge­hal­ten. Je­de Wo­che wur­de die Fra­ge nach dem End­spiel ge­stellt, wir muss­ten uns im­mer wie­der auf­rich­ten“, be­schrieb er die jüngs­ten Stra­pa­zen und gab an, „ir­gend­wie froh, aber auch leer“zu sein. Es war nicht ganz klar, wer hier wen ge­schafft hat­te: Gis­dol den Ab­stiegs­kampf – oder der Ab­stiegs­kampf Gis­dol. In je­dem Fall will der Trai­ner ei­ne Sai­son wie die­se nicht noch ein­mal er­le­ben. „Noch so ein Jahr geht nicht“, sag­te er.

Bei den Ver­ant­wort­li­chen herrscht Ei­nig­keit dar­über, dass sich der HSV kurz und in­ten­siv über den Klas­sen­er­halt freu­en darf, dar­über hin­aus aber kein Grund zum Ju­beln be­steht. Sport­chef Jens Todt sprach da­von, dass „wir nur un­ser Mi­ni­mal­ziel er­reicht ha­ben“, näm­lich den Nicht­Ab­stieg. „Wir sind nicht so na­iv, dass wir aus die­ser Sai­son nicht auch Kon­se­quen­zen zie­hen müss­ten“, sag­te Klub­chef He­ri­bert Bruch­ha­gen.

Die Ham­bur­ger ha­ben wie­der ein­mal viel Geld in den Ka­der ge­steckt, was vor al­lem dank In­ves­tor Klaus-Micha­el Küh­ne mög­lich war, doch sport­lich ging es wie­der ein­mal nicht vor­an. Wes­halb zur neu­en Spiel­zeit wie­der ein­mal al­les bes­ser wer­den soll. Ein Licht­blick für die Zu­kunft ist Wald­schmidt, der Sieg­tor­schüt­ze. Er ist jung, preis­wert und of­fen­kun­dig zu Hel­den­ta­ten fä­hig. Sol­che Pro­fis wün­schen sich vie­le Fans des HSV.

„Ich ha­be Lu­ca vor zwei­ein­halb Jah­ren in Frank­furt sei­nen ers­ten Pro­fi­ver­trag ge­ge­ben, in der Hoff­nung, dass er heu­te in der 88. Mi­nu­te das Tor schießt. Man muss eben auch lang­fris­tig den­ken“, wit­zel­te Bruch­ha­gen über den Match­win­ner.

Doch ihm und der Füh­rungs­rie­ge dürf­te auch klar sein, dass jun­ges Per­so­nal wie Gi­de­on Jung, 22, Va­si­li­je Jan­ji­cic, Ba­ke­ry Jat­ta, bei­de 18, oder eben Wald­schmidt, 21, nicht aus­reicht, um den Klub nach Jah­ren des Nie­der­gangs auf Kurs zu be­kom­men.

Par­ty­stim­mung beim HSV: Le­wis Holt­by (oben) und Trai­ner Mar­kus Gis­dol (l.) fei­er­ten mit den Fans, die aufs Feld ge­stürmt wa­ren. Das woll­te auch Pier­re-Mi­chel La­sog­ga (3. v. l.) nach dem 2:1 von Lu­ca Wald­schmidt (2. v. l.). Er wur­de von den Ord­nern je­doch nicht er­kannt. Fotos: Wit­ter (4), dpa

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