Mut­maß­li­che Put­schis­ten vor Ge­richt

Tür­ki­sche Ex-Ge­ne­rä­le müs­sen mit le­bens­lan­ger Haft rech­nen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Susanne Güsten

Ei­ne lan­ge Ko­lon­ne von An­ge­klag­ten in Hand­schel­len, be­glei­tet von schwer be­waff­ne­ten Sol­da­ten: Auf dem Ge­län­de ei­nes Ge­fäng­nis­ses in An­ka­ra hat am Mon­tag der Pro­zess ge­gen die mut­maß­li­chen Mi­li­tär­chefs des Putsch­ver­su­ches vom vo­ri­gen Jahr be­gon­nen. Die 221 An­ge­klag­ten sind größ­ten­teils Ex-Of­fi­zie­re, die in der Put­sch­nacht des 15. Ju­li die auf­stän­di­schen Trup­pen be­feh­ligt ha­ben sol­len. Ob in dem Ver­fah­ren die gan­ze Wahr­heit über den Um­sturz­ver­such ans Licht kom­men wird, ist frag­lich.

Der Haupt­be­schul­dig­te fehl­te bei der Er­öff­nung des Mam­mut­pro­zes­ses: Der in den USA le­ben­de is­la­mi­sche Geist­li­che Fe­thul­lah Gü­len gilt bei Jus­tiz und Re­gie­rung der Tür­kei als Draht­zie­her des Putsch­ver­su­ches. Al­les an­de­re als lan­ge Haft­stra­fen für die An­ge­klag­ten wä­re ei­ne Sen­sa­ti­on; seit dem ver­such­ten Staats­streich reicht oft schon der Vor­wurf ei­ner Mit­glied­schaft in der Gü­lenBe­we­gung aus, um ei­nen Be­trof­fe­nen ins Ge­fäng­nis zu brin­gen. Am Mon­tag for­der­ten An­ge­hö­ri­ge der Op­fer vor und im Ge­richts­saal die Hin­rich­tung der An­ge­klag­ten; ei­ni­ge tru­gen Sei­le mit Gal­gen­kno­ten bei sich. Bei dem Um­sturz­ver­such star­ben rund 250 Men­schen, wei­te­re 2700 wur­den ver­letzt.

An der Spit­ze der Be­schul­dig­ten wur­de Akin Öz­türk ins Ge­richt ge­führt, ein ehe­ma­li­ger Kom­man­dant der Luft­waf­fe. Akin soll in der Put­sch­nacht Macht­de­mons­tra­ti­on: die ent­schei­den­den Be­feh­le ge­ge­ben ha­ben – er selbst be­strei­tet ei­ne Ver­wick­lung. Kurz nach dem Putsch wa­ren Fo­tos des Viers­ter­ne-Ge­ne­rals mit Ver­let­zun­gen im Ge­sicht und am Kopf auf­ge­taucht, die Spe­ku­la­tio­nen über ei­ne Miss­hand­lung des Of­fi­ziers nach sei­ner Fest­nah­me nähr­ten.

Nach Pres­se­be­rich­ten war der tür­ki­sche Ge­heim­dienst MIT be­reits St­un­den vor Be­ginn des Auf­stan­des am Abend des 15. Ju­li über die Plä­ne der Auf­rüh­rer in­for­miert. Ge­heim­dienst­chef Ha­kan Fi­dan soll stun­den­lang mit Ge­ne­ral­stabs­chef Hu­lu­si Akar kon­fe­riert ha­ben. War­um nichts ge­tan wur­de, um den Putsch zu ver­hin­dern, ist bis heute un­ge­klärt.

Dass der Putsch als An­lass für ei­ne He­xen­jagd auf mut­maß­li­che Geg­ner von Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan dient, steht für die tür­ki­sche Op­po­si­ti­on, west­li­che Re­gie­run­gen und Men­schen­recht­ler fest. Am­nes­ty In­ter­na­tio­nal kri­ti­sier­te am Mon­tag die Will­kür der Be­hör­den beim Um­gang mit mut­maß­li­chen Gü­len-An­hän­gern. Vie­le Op­fer der Ent­las­sungs­wel­le im öf­fent­li­chen Di­enst seit Ju­li 2016 hät­ten kei­ne Chan­ce auf ei­ne neue An­stel­lung, weil sie als „Terroristen“ge­brand­markt sei­en.

Bis­her än­dert die Kri­tik aber nichts am Vor­ge­hen des Staa­tes. Die Po­li­zei nahm jetzt zwei Aka­de­mi­ker fest, die mit ei­nem Hungerstreik ge­gen ih­re Ent­las­sung aus dem Staats­dienst pro­tes­tiert und lan­des­weit für Auf­se­hen ge­sorgt hat­ten.

Po­li­zis­ten und Sol­da­ten es­kor­tie­ren den ehe­ma­li­gen Luft­waf­fen­ge­ne­ral Akin Öz­türk (Mit­te) zum Pro­zess.

Fo­to: dpa

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