„Wir sind kei­ne Hei­li­gen, aber wir ha­ben Idea­le“

St. Pau­lis Coach Ewald Lie­nen spricht über sein Ver­hält­nis zu den Fans, zum mo­der­nen Fuß­ball und den Be­griff „Kult-Trai­ner“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Chris­toph Fi­scher

HAM­BURG. Beim FC St. Pau­li ist er Kult. Ob­wohl er die Be­zeich­nung „Kult-Trai­ner“gar nicht mag. Ewald Lie­nen ist seit über 40 Jah­ren im Ge­schäft, schon als Fuß­ball­pro­fi in Bie­le­feld, Mön­chen­glad­bach und Duis­burg war er in je­der Hin­sicht Links­au­ßen. In Ham­burg stand er vor der Ent­las­sung, doch Lie­nen blieb und führ­te den Zweit­li­gis­ten vom letz­ten Rang mit 34 Punk­ten in der Rück­run­de auf Platz sie­ben. Auf dem Kiez lie­ben ihn die Fans.

Herr Lie­nen, was be­deu­ten Ih­nen Fans, was der Club? Fans be­deu­ten mir viel. Das ist Le­bens­qua­li­tät für mich. Wie ein Wan­der­vo­gel von ei­nem Club zum nächs­ten zu zie­hen und kei­ne Bin­dung zu den Fans auf­zu­bau­en, kann ich mir nicht vor­stel­len. Man hat mit Men­schen zu tun. Mir war und ist es wich­tig, den Fans mei­nen Re­spekt zu zei­gen. Viel­leicht ist das der Grund, dass da im­mer et­was zu­rück­kommt. Weil sich die Men­schen ernst ge­nom­men füh­len. Was be­deu­tet das für Spie­ler?

Bei uns beim FC St. Pau­li geht es nicht nur um Fuß­ball, son­dern auch um die Idee, die da­hin­ter­steckt. Das ist auch für mich ei­ne an­de­re Qua­li­tät. Nicht zu kämp­fen, nicht zu lau­fen, das geht nicht. Das Pu­bli­kum hat je­des Recht, kri­tisch zu sein. Zu un­se­ren Spie­len und Ver­an­stal­tun­gen wie dem Ho­lo­caust-Ge­denk­tag kom­men Fans aus al­ler Welt, aus Süd­ame­ri­ka, Po­len, Groß­bri­tan­ni­en, Skan­di­na­vi­en, Spa­ni­en und Uru­gu­ay. Leu­te, die ei­ne Mei­nung ver­tre­ten, ei­ne Mei­nung ha­ben, ein Welt­bild. Und die Leu­te wis­sen von mir, dass ich nicht ge­ra­de ein An­hän­ger der Phi­lo­so­phie der Deut­schen Bank bin.

Was macht das mit dem Fuß­ball, mit dem Trai­ner? Der Fuß­ball an sich funk­tio­niert in St. Pau­li ge­nau­so wie in Mün­chen oder Köln oder Bochum. Auch hier muss Geld er­wirt­schaf­tet wer­den. Hier wird viel­leicht an­ders ver­mark­tet als an an­de­ren Stand­or­ten. Mit Rüs­tungs­un­ter­neh­men kön­nen wir

nicht ko­ope­rie­ren. Mei­ne Mo­ti­va­ti­on ist, die Idea­le die­ses Clubs auf dem Ra­sen zu ver­tei­di­gen, den Traum zu ha­ben, mit die­sem Club noch ein­mal in der Ers­ten Li­ga zu spie­len. Wir sind kei­ne Hei­li­gen, aber wir ha­ben Idea­le. Wir be­mü­hen uns. Auf je­der Ebe­ne. Des­halb kom­men Spie­ler aber nicht zu uns, weil sie An­ti­fa­schis­ten sind. Die Sehn­sucht, die Ro­man­tik muss man re­la­ti­vie­ren, auch auf dem Kiez.

Sind Sie ein Kult-Trai­ner? Das sind Zu­schrei­bun­gen, was fan­ge ich da­mit an? Ich bin ger­ne ein Teil ei­ner Kul­tur. Ein Teil von Wer­ten, die ich le­be, die ich ver­tre­te. Ich ver­su­che, den Spie­lern zu ver­mit­teln, dass Er­folg nicht nur auf dem Platz statt­fin­det, son­dern durch Men­ta­li­tät, Wer­te, Le­bens­re­geln. Das Le­ben ist ein Ma­ra­thon­lauf, man kann nur er­folg­reich sein, wenn man sich an die ge­sell­schaft­li­chen Re­geln hält. Re­spekt zeigt. Wenn das da­zu führt, dass ich ein Kult­Trai­ner bin, dann ist das okay, aber nicht weil ich seit Jahr­zehn­ten im Fuß­ball durch die Ge­gend ren­ne.

Ins­ge­samt hat man den Ein­druck, dass die Din­ge im Fuß­ball aus dem Ru­der ge­lau­fen sind. Rich­tig? Schwer zu sa­gen. Wir müs­sen un­be­dingt auf­pas­sen, dass wir die Men­schen mit­neh­men. Uns nicht ab­kop­peln. Ein Pro­fi­fuß­ball, der in Län­dern statt­fin­det, in de­nen Leu­te nicht wis­sen, ob sie den mor­gi­gen Tag er­le­ben, geht für mich nicht. Sta­di­en in die Welt zu set­zen wie beim Afri­ka Cup, bei der Welt­meis­ter­schaft in Bra­si­li­en, Olym­pia in Rio oder in At­hen, die ver­fal­len, weil man sie nicht braucht, auch nicht. Das fliegt uns ir­gend­wann um die Oh­ren, Sport zu fi­nan­zie­ren, den die Welt nicht braucht. Ab­seits je­der ge­sell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung.

Hat der Fuß­ball ei­ne Zu­kunft?

Wir müs­sen schau­en, dass der Fuß­ball nicht ab­hebt. 100 Mil­lio­nen Eu­ro für ei­nen Fuß­bal­ler, 75 Mil­lio­nen, 50 Mil­lio­nen, 40 Mil­lio­nen, da hört es für mich auf, nach­voll­zieh­bar und se­ri­ös zu sein. Im­mer mehr Leu­te, die mit dem Fuß­ball nichts zu tun ha­ben, ver­die­nen an ihm Mil­lio­nen. Bei ei­nem ein­zi­gen Trans­fer sind un­glaub­li­che Gel­der in Be­we­gung. Und un­glaub­lich vie­le Be­ra­tungs­be­tei­lig­te, die nichts an­de­res im Sinn ha­ben, als ei­ne schnel­le Mark zu ma­chen. Das ist für die Men­schen nicht mehr nach­voll­zieh­bar.

Noch mal: Hat der Fuß­ball ei­ne Zu­kunft?

Der Fuß­ball hat ei­ne Zu­kunft, auf je­den Fall. Aber es kann nicht so wei­ter­ge­hen wie bis­her. Es müs­sen Leu­te in die Or­ga­ni­sa­ti­on des Fuß­balls, die sich ih­rer Ver­ant­wor­tung be­wusst sind. Was die FI­FA ver­an­stal­tet, was das IOC oder auch die UE­FA ver­an­stal­ten, das ist nicht mehr nor­mal. Dass die Po­li­tik das zu­ge­las­sen hat und zu­lässt, das ist nicht nor­mal.

Was stört Sie am meis­ten? Vor al­lem stört mich die Ar­ro­ganz der Macht.

„Fans sind Le­bens­qua­li­tät“: Ewald Lie­nen. Fo­to: dpa

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