Mehr als fünf Jahr­zehn­te bei ei­nem Ar­beit­ge­ber

Irm­gard „Irm­chen“Stie­ge­mei­er ver­lässt nach 54 Di­enst­jah­ren die Ne­u­markt-Apo­the­ke

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück -

Mit ge­ra­de ein­mal 14 Jah­ren stell­te sich Irm­gard Stie­ge­mei­er in Be­glei­tung ih­rer El­tern bei Dr. Hans-Jür­gen Leue in der Ne­u­markt-Apo­the­ke vor und be­warb sich als Apo­the­ken­hel­fe­rin. Sie be­kam die Stel­le als Aus­zu­bil­den­de – und ver­ließ den Fa­mi­li­en­be­trieb erst im Al­ter von 69 Jah­ren wie­der.

Ihr lang­jäh­ri­ger Chef, Hans-Jür­gen Leue, kommt aus ei­ner ech­ten Apo­the­kerFa­mi­lie. Ur­groß­va­ter, Groß­va­ter, Va­ter – al­le wa­ren Apo­the­ker. Der Sohn? Eben­falls Apo­the­ker. Im Al­ter von 29 Jah­ren, am 4. De­zem­ber 1962, grün­de­te Leue die Ne­u­markt-Apo­the­ke, aus der er sich 2002 zu­rück­zog. Doch im­mer noch kommt er täg­lich vorbei, um mit sei­nem Sohn Carl-Hen­rik, der die Apo­the­ke über­nom­men hat, ei­nen Kaf­fee zu trin­ken. „Ich hal­te mich seit der Über­ga­be wirk­lich völ­lig raus“, sagt der 82-Jäh­ri­ge. Aber Herz­blut ha­be er ja doch in das Ge­schäft ge­steckt.

Noch gut er­in­nert er sich an den Tag, als er sei­ne ers­te Aus­zu­bil­den­de ein­stell­te. Es war der 1. April 1963, als Irm­chen, wie Irm­gard Stie­ge­mei­er von ih­ren Kol­le­gen lie­be­voll ge­nannt wird, die Apo­the­ke be­trat, die sich da­mals noch am Ne­u­markt 4 be­fand – al­so dort, wo jetzt „Ern­sting’ s Fa­mi­ly“sitzt. Elf Jah­re lang blieb die Ne­u­mark­tA­po­the­ke an die­sem Stand­ort, zog dann wei­ter zur Adres­se Ne­u­markt 3 (die heu­ti­ge Adres­se der Sport­are­na), ehe sie schließ­lich im Jahr 2000 ih­ren heu­ti­gen Platz fand: Öwer de Ha­se 1.

„Ich bin neun Jah­re lang zur Schu­le ge­gan­gen und war dann an der Be­rufs­schu­le am Pott­gra­ben“, er­in­nert sich Irm­gard Stie­ge­mei­er. Zur Be­rufs­be­ra­tung sei sie nach ih­rer Schul­zeit ge­gan­gen, und ob­wohl ei­ne mitt­le­re Rei­fe für den Be­ruf der Apo­the­ken­hel­fe­rin er­wünscht war, ha­be sie sich bei Hans-Jür­gen Leue be­wor­ben. Apo­the­ken­hel­fer gibt es heut­zu­ta­ge gar nicht mehr. Der Be­ruf heißt jetzt „PKA“– phar­ma­zeu­tisch­kauf­män­ni­sche An­ge­stell­te.

Aber da­mals – ja, da­mals war al­les an­ders. Da­mals wur­de noch ein gro­ßer Teil der Me­di­ka­men­te in­di­vi­du­ell für 54 Jah­re lang hat Irm­gard Stie­ge­mei­er ali­as „Irm­chen“in der Ne­u­markt-Apo­the­ke ge­ar­bei­tet.

den Pa­ti­en­ten her­ge­stellt. Im La­bor der Be­rufs­schu­le lern­te Irm­gard Stie­ge­mei­er, wie man hän­disch Zäpf­chen an­fer­tigt. Der Ver­kaufs­raum der al­ten Ne­u­markt-Apo­the­ke be­trug ge­ra­de ein­mal 37 Qua­drat­me­ter – das La­ger dar­über war da­für 200 Qua­drat­me­ter groß. Per Ge­gen­sprech­an­la­ge wur­den die Be­stel­lun­gen nach oben durch­ge­ge­ben und die Me­di­ka­men­te an­schlie­ßend per Rut­sche nach un­ten ge­schickt. Heute läuft das al­les ma­schi­nell ab.

Mit den Jah­ren wur­de Irm­chen zu ei­nem nicht

mehr weg­zu­den­ken­den Be­stand­teil des Teams der Ne­u­markt-Apo­the­ke. Ge­gen En­de ih­res Be­rufs­le­bens über­nahm sie die Buch­hal­tung des Ge­schäfts. „Weil sie sehr ein­fühl­sam und ex­trem zu­ver­läs­sig ist, weil sie der gu­te Geist der Apo­the­ke war, hier die Stel­lung ge­hal­ten hat, und wenn mal ir­gend­was schief­ge­lau­fen ist, dann ha­ben wir das oft über sie er­fah­ren“, sagt Hans-Jür­gen Leue über sei­ne ehe­ma­li­ge An­ge­stell­te, die mit ei­ner Zu-viel-der-Eh­re-Ges­te ab­winkt.

Aber auch der heu­ti­ge In­ha­ber Carl-Hen­rik Leue stimmt in die Lo­bes­hym­ne ein: „Irm­chen ist kei­ne nor­ma­le An­ge­stell­te.“Da­mals, als er die Apo­the­ke über­nom­men ha­be, sei sie ei­ne gro­ße Stüt­ze ge­we­sen. „Mit Hen­rik ha­be ich im­mer mit­ge­fühlt“, sagt „Irm­chen“. Denn ihr Sohn, der sei in ei­nem ganz ähn­li­chen Al­ter.

In den letz­ten Jah­ren ha­be ihr Rheu­ma zu schaf­fen ge­macht. „Das hat sie sich aber nie an­mer­ken las­sen“, sagt Hans-Jür­gen Leue, was sein Sohn be­stä­tigt: „ An man­chen Ta­gen hat­te ich ein schlech­tes Ge­wis­sen, dass Irm­chen zu uns ge­kom­men ist.“

Mit 69 Jah­ren soll es nun aber auch gut sein. Lan­ge­wei­le wer­de sie aber si­cher nicht ha­ben, sagt Irm­gard Stie­ge­mei­er: „Wir woh­nen länd­lich, ma­chen viel mit den En­kel­kin­dern, au­ßer­dem trei­be ich täg­lich Sport.“Dar­über nach­ge­dacht, ir­gend­wann in all den Jah­ren auch ein­mal wo­an­ders zu ar­bei­ten, ha­be sie üb­ri­gens nie: „Ich ha­be mich hier so wohl­ge­fühlt – für mich kam nichts an­de­res in­fra­ge.“

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