Per­fekt ge­stylt, aber see­len­los

Lob für Mu­sik, Kri­tik an Ins­ze­nie­rung: Ca­s­tel­luc­cis „Tann­häu­ser“fei­ert Pre­mie­re in Mün­chen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Bei­fall für die Sän­ger, Buh­ru­fe für den Re­gis­seur und vie­le Rät­sel: An der Baye­ri­schen Staats­oper in Mün­chen hat am Sonn­tag ei­ne Neu­in­sze­nie­rung von Richard Wa­g­ners „Tann­häu­ser“Pre­mie­re ge­fei­ert. Mu­si­ka­lisch war die Auf­füh­rung un­ter Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor Ki­rill Pe­tren­ko über­zeu­gend: Der Wa­gner-Te­nor Klaus Flo­ri­an Vogt erst­mals als stimm­ge­wal­ti­ger Tann­häu­ser, An­ja Har­te­ros als sei­ne An­ge­be­te­te Eli­sa­beth und Ba­ri­ton Chris­ti­an Ger­ha­her, groß­ar­tig in der Rol­le ih­res Ver­eh­rers Wolf­ram von Eschen­bach. Kopf­zer­bre­chen be­rei­te­te da­ge­gen die Ins­ze­nie­rung von Ro­meo Ca­s­tel­luc­ci. Sei­ne Büh­nen­bil­der wirk­ten zu ste­ril, um den Wi­der­streit zwi­schen Sinn­lich­keit und tu­gend­haf­ter Lie­be, zwi­schen Lei­den­schaft und An­be­tung er­leb­bar zu ma­chen.

Ca­s­tel­luc­ci kommt aus der Kunst. In Bo­lo­gna hat der Ita­lie­ner Büh­nen­bild und Ma­le­rei stu­diert. Die gro­ße Büh­ne der Staats­oper nutzt er für be­ein­dru­cken­de Bild­kom­po­si­tio­nen. Viel Weiß und Schwarz, da­zwi­schen Blut­rot und et­was Gold­glanz. Bil­der, die mit Licht und Schat­ten spie­len, da­bei aber so per­fekt durch­ge­stylt sind, dass sie ei­ne see­len­los wir­ken­de Um­ge­bung er­zeu­gen, in der die Sän­ger trotz ih­rer groß­ar­ti­gen Dar­bie­tun­gen – von lei­ser Weh­mut bis hin zu wil­des­ter Lei­den­schaft – selt­sam ver­lo­ren wir­ken.

Die Neun­in­sze­nie­rung ori­en­tiert sich in wei­ten Stre­cken an der Wie­ner Fas­sung von 1875. Die Ins­ze­nie­rung aus Wi­en war die Letz­te, die Wa­gner vor sei­nem Tod 1883 noch be­treut hat­te. Ca­s­tel­luc­ci er­weist dem 19. Jahr­hun­dert klei­ne Re­fe­ren­zen, et­wa wenn Mäd­chen mit Blü­ten­krän­zen im Hin­ter­grund er­schei­nen. Gleich­zei­tig gibt es vie­le Sym­bo­le, de­ren Sinn oft nicht ein­leuch­tet und bei de­nen nicht im­mer klar ist, ob sie iro­nisch ge­meint sind oder nur un­frei­wil­lig ko­misch wir­ken. Et­wa am En­de, wenn Tann­häu­ser von sei­ner er­geb­nis­lo­sen Pil­ger­fahrt zu­rück­kehrt. Dra­ma­tisch hebt er an, Wolf­ram von der Rei­se nach Rom zu er­zäh­len. Der Tod ist all­ge­gen­wär­tig, das ver­deut­li­chen zwei Sar­ko­pha­ge, auf de­nen zwei Lei­chen lie­gen. Wäh­rend ge­sun­gen wird, wird im Hin­ter­grund ih­re Ver­we­sung dar­ge­stellt. Sie lau­fen blau an, ver­fär­ben sich braun, blä­hen sich auf und wer­den zum Ge­rip­pe, bis am En­de nur noch Staub üb­rig ist. Al­les nach­voll­zieh­bar, doch wor­in liegt der Witz, wenn auf den Sar­ko­pha­gen die Na­men „Klaus“und „An­ja“ste­hen?

„Es wird kein de­fi­nier­tes Am­bi­en­te ge­ben, das man zeit­lich oder räum­lich ver­or­ten kann. Es wer­den See­len­Land­schaf­ten sein“, hat­te Ca­s­tel­luc­ci vor der Pre­mie­re er­klärt. Geht es nach Ca­s­tel­luc­ci, sieht es in die­sen Land­schaf­ten ziem­lich trist aus. Lust ist ek­lig, wah­re Lie­be ist un­er­füll­bar, und am En­de zer­fal­len oh­ne­hin al­le zu Staub.

Der Re­gis­seur: Ro­meo Ca­s­tel­luc­ci. Fo­to: dpa

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