Vom Bau­ern zum Hel­den

Ni­schen bie­ten neue Ab­satz­mög­lich­kei­ten für Fleisch­pro­duk­te

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wirtschaft -

Im Nord­wes­ten von Nie­der­sach­sen wird Fleisch für ganz Deutsch­land, Eu­ro­pa und die Welt pro­du­ziert. Doch ge­nau hier gibt es ei­ne Ge­gen­be­we­gung: Bau­ern und Fleisch­ver­ar­bei­ter wol­len mit re­gio­na­len Pro­duk­ten und ho­hen Tier­wohl­stan­dards punk­ten.

Von Dirk Fis­ser

Der Sie­ges­zug manch ei­nes Start-ups be­ginnt in ei­ner Ga­ra­ge. Nicht so bei Harm Böck­mann. Bei ihm ist es die al­te Stu­be auf dem frü­he­ren Bau­ern­hof sei­ner Groß­el­tern in Vech­ta. Von hier lenkt er die Ge­schäf­te der „Su­per­meat­boy Wurst- und Fleisch­ver­triebs Gm­bH“, ge­grün­det 2016 mit dem Ziel, be­son­de­re Wurst un­ter die Leu­te zu brin­gen. War­um in der Re­gi­on We­ser-Ems? „Hier ist die größ­te An­samm­lung von Know-how, die es in Deutsch­land gibt.“

Die Schwei­ne wer­den in ei­nem Of­fen­stall bei reich­lich Frisch­luft im Land­kreis Osnabrück ge­mäs­tet und im Kreis Vech­ta ge­schlach­tet. Al­les im klei­nen Rah­men, aber der Jung­un­ter­neh­mer glaubt an den Er­folg in der Ni­sche.

Wer ge­nau­er hin­schaut, der fin­det in der Re­gi­on vie­le die­ser Fir­men, aber auch Bau­ern, die sich vom Mas­se­markt ab­ge­kop­pelt ha­ben. „Eat­ven­ture“aus dem Ems­land et­wa – ein In­ter­net­shop, der hoch­wer­ti­ge und -prei­si­ge Fleisch­pro­duk­te ver­treibt. Mehr als 30 Land­wir­te wür­den Tie­re für das 2012 un­ter dem Na­men Ad­la ge­star­te­te Un­ter­neh­men mäs­ten, sagt Ge­schäfts­füh­rer Da­vid Schrand.

Sol­che Pro­duk­ti­ons­struk­tu­ren bie­ten für Bau­ern die Mög­lich­keit, nah an den Wün­schen des End­kun­den zu pro­du­zie­ren. Und das heißt häu­fig: hö­he­re Hal­tungs­stan­dards. Bis­lang war aber kaum je­mand be­reit, den Land­wir­ten die Mehr­kos­ten zu be­zah­len, be­stä­tigt Mat­thi­as Qua­ing von der In­ter­es­sen­ge­mein­schaft der Schwei­ne­hal­ter: „Ak­tu­ell gibt es nur in sehr ge­rin­gem Um­fang Tier­wohl­pro­gram­me, die den Land­wir­ten lang­jäh­ri­ge und ge­si­cher­te Lie­fer­ver­trä­ge an­bie­ten.“

Di­rekt­ver­mark­tung ab Hof oder aber über re­gio­na­le An­bie­ter könn­ten die Lö­sung sein. Die Os­na­brü­cker Agrar­pro­fes­so­rin Karin Schnit­ker sagt, dass Di­rekt­ver­mark­tung vor al­lem ein süd­deut­sches Phä­no­men sei. Obst, Ge­mü­se oder Wein hät­ten qua­si vom Feld weg ver­kauft wer­den kön­nen. „In Nord­deutsch­land hat sich die Land­wirt­schaft hin­ge­gen er­folg­reich auf den Mas­se­markt für Fleisch kon­zen­triert, weil hier bis­her vie­le Wett­be­werbs­vor­tei­le vor­han­den wa­ren.“

Die Be­din­gun­gen wür­den sich aber än­dern, sagt Schnit­ker. Wer den Welt­markt be­die­nen wol­le, müs­se wach­sen und Stäl­le er­wei­tern. Ge­nau das sei in der Re­gi­on We­serEms im­mer sel­te­ner mög­lich. „Hin­zu kommt der Wan­del im ge­sell­schaft­li­chen An­se­hen, ge­ra­de was Tier­hal­tung an­geht“, so die Pro­fes­so­rin. „Jun­ge Land­wir­te fra­gen sich: Wie kann ich mit mei­ner Pro­duk­ti­on in der Be­völ­ke­rung Ak­zep­tanz fin­den und trotz­dem zu­kunfts­fä­hig blei­ben?“Für ei­ni­ge könn­te die Ant­wort sein, statt Quan­ti­tät auf Qua­li­tät zu set­zen.

Schwei­ne­markt-Ex­per­te Qua­ing er­in­nert dar­an, dass sol­che Ver­triebs­zwei­ge nach wie vor nur ei­nen klei­nen Teil des Mark­tes ab­de­cken. „Für die al­ler­meis­ten Land­wir­te bleibt al­so der kon­ven­tio­nel­le Markt die Ver­mark­tungs­form der Wahl“, sagt er.

Fleisch­ver­mark­ter Da­vid Schrand hat der­weil schon die nächs­te Idee für sei­nen In­ter­net­shop: Die Bau­ern, die ihn be­lie­fern, sol­len künf­tig auf der Sei­te ge­nannt und vor­ge­stellt wer­den. „Land­wir­te als Hel­den des Pro­dukts“, nennt Schrand das. „Ein biss­chen so, wie auch der Win­zer hin­ter dem Wein be­kannt ist.“Die Kun­den sol­len se­hen, wo die hoch­prei­si­gen Fleisch­stü­cke her­stam­men und wer sich um die Tie­re ge­küm­mert hat.

Blick in die Wurst­the­ke: Ni­schen­pro­duk­te bie­ten Land­wir­ten und Un­ter­neh­men Ab­satz­mög­lich­kei­ten. Fo­to: dpa

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