Erst Theo­rie, dann Pra­xis

DJ-Film im Ha­se­tor-Ki­no, dann Par­ty im Dr. Vo­gel

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur Regional - Von Tom Bull­mann

OSNABRÜCK. Sind Disc­jo­ckeys hoh­le Köp­fe, die nur Par­ty-Bumm­bumm im Kopf ha­ben und sich hin­ter ei­ner Son­nen­bril­le ver­ste­cken? Nein. Den Be­weis tritt ein Film an, der ein Zi­tat von Hein­rich Hei­ne im Ti­tel trägt: „Denk ich an Deutsch­land in der Nacht“. Fünf ganz un­ter­schied­li­che Elek­tro-DJs wer­den por­trä­tiert, die ei­nes ge­mein­sam ha­ben: Sie sind schon län­ger im Ge­schäft und ha­ben sich Ge­dan­ken über ihr ganz spe­zi­el­les Seg­ment des Un­ter­hal­tungs­sek­tors ge­macht.

Da steht ein Mann auf ei­nem Hü­gel über Hei­del­berg ne­ben ei­nem Ap­fel­baum und phi­lo­so­phiert über die Mu­sik als Kos­mos. Er stellt Be­zü­ge zwi­schen Bach, Beat­les und Mi­les Da­vis her. Sein An­lie­gen sei es, die „Oh­ren spa­zie­ren ge­hen zu las­sen“. Mo­ve D heißt der 51-Jäh­ri­ge, der als Da­vid Mou­fang auf die Welt kam und heu­te DJ ist. Er ist ei­ner von fünf Disc­jo­ckeys, die in der 100-Mi­nu­ten-Do­ku­men­ta­ti­on zu Wort kom­men, die man aber auch an ih­rem Ar­beits­platz be­ob­ach­ten kann. Und das im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, denn der Film ist nicht Tech­no. Er ver­sucht nicht, den Beats fol­gend mit ra­san­ten Schnit­ten die auf­ge­heiz­te At­mo­sphä­re ei­nes Elek­tro-Events ein­zu­fan­gen. Ganz im Ge­gen­teil: Mi­nu­ten­lan­ge Ein­stel­lun­gen ma­chen es mög­lich, den Blick über ei­nen vol­len Club schwei­fen zu las­sen, die Ar­beits­wei­se des DJs zu be­ob­ach­ten oder das Ver­hal­ten des Par­ty­volks zu stu­die­ren. Da wer­den beim wa­li­si­schen Gott­wood-Fes­ti­val hip­pies­ke Elek­tro­fans im Wald mit Tran­ce-ar­ti­gen Klän­gen ge­füt­tert, läs­si­ge Par­ty­peop­le im klei­ne­ren Club mit Hou­se­mu­sik, Groß­städ­ter im rie­si­gen Be­ton­bun­ker mit Tech­no.

Mo­ve D, Ro­man Flü­gel, Son­ja Moo­ne­ar, Ata und Ri­car­do Vil­lalo­bos sind die Prot­ago­nis­ten, die Re­gis­seur Ro­mu­ald Kar­ma­kar in sei­nem Film vor­ge­stellt. Sie re­den über die Tech­nik und die Rol­le Deutsch­lands in der Welt der elek­tro­ni­schen Mu­sik. Sie schil­dern, wie sie zur Mu­sik ka­men und wie es ist, das Pu­bli­kum lang­sam zu ei­nem Hö­he­punkt zu füh­ren. Die Schwei­zer DJa­ne Son­ja Moo­ne­ar spricht von der Apo­theo­se des DJs, sei­ner Er­he­bung zu ei­ner Art Gott. Da­ge­gen merkt Ro­man Flü­gel an, wel­che Schwie­rig­kei­ten es ihm ge­macht ha­be.

Der Film ver­rät viel über DJs, ih­re Denk­wei­sen, über Hin­ter­grün­de und Ab­läu­fe im Mu­sik­sek­tor. Er zeigt Künst­ler im Stu­dio, bei ex­pe­ri­men­tel­len Per­for­man­ces und am Pult. Und wer ein­mal hö­ren möch­te, was ein DJ im Kopf­hö­rer hört, wäh­rend vor ihm die Men­ge be­geis­tert durch­dreht, der soll­te sich den Film auch an­schau­en.

DJ-Bü­ro: Der Film „Denk ich an Deutsch­land in der Nacht“schaut Disc­jo­ckeys über die Schul­ter. Fo­to: Ra­pid Eye Mo­vies

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