Mehr als nur ein Pik­ser

Va­ter setzt Imp­fung der Toch­ter ge­gen sei­ne Ex-Part­ne­rin vor dem BGH durch

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen -

Strei­ten ge­trenn­te El­tern dar­über, ob ihr Kind ge­impft wer­den soll oder nicht, kann der Fa­mi­li­en­rich­ter dem Be­für­wor­ter zur Durch­set­zung ver­hel­fen. Das stellt der Bun­des­ge­richts­hof in ei­nem am Di­ens­tag ver­öf­fent­lich­ten Be­schluss klar.

In den an­de­ren Fra­gen ha­ben sich Mut­ter und Va­ter nach der Tren­nung zu­sam­men­ge­rauft. Aber beim The­ma Imp­fung lie­gen die Po­si­tio­nen un­ver­söhn­lich weit aus­ein­an­der: Er will die Toch­ter imp­fen las­sen. Sie hat Angst vor den Ri­si­ken und traut den Ärz­ten und der Phar­ma­in­dus­trie nicht über den Weg. Jetzt hat­te der Bun­des­ge­richts­hof (BGH) ent­schie­den. Der am Di­ens­tag ver­öf­fent­lich­te Be­schluss (Az. XII ZB 157/16) macht es Impf­geg­nern in Zu­kunft schwe­rer.

War­um kann die Mut­ter nicht al­lein ent­schei­den? Das Mäd­chen lebt zwar bei ihr. Ob­wohl die El­tern nicht ver­hei­ra­tet wa­ren, teilt sich die Frau aber mit ih­rem ExF­reund das Sor­ge­recht. Das kommt in­zwi­schen im­mer häu­fi­ger vor. Denn seit ei­ner Ge­set­zes­re­form 2013 braucht es da­für nicht mehr das Ein­ver­ständ­nis der Mut­ter.

Was heißt das fürs Fa­mi­li­en­le­ben? Mut­ter und Va­ter

tei­len sich die Sor­ge fürs Kind und sein Ver­mö­gen. In in­tak­ten Fa­mi­li­en be­deu­tet das, dass die El­tern in al­len Fra­gen ei­ne ge­mein­sa­me Po­si­ti­on fin­den müs­sen. Nach ei­ner Tren­nung wä­re das aber wohl oft sehr schwie­rig, wenn nicht un­mög­lich. Hier macht das Ge­setz des­halb ei­nen Un­ter­schied: Ei­nig wer­den müs­sen sich die El­tern

nur „bei Ent­schei­dun­gen in An­ge­le­gen­hei­ten, de­ren Re­ge­lung für das Kind von er­heb­li­cher Be­deu­tung ist“. In „An­ge­le­gen­hei­ten des täg­li­chen Le­bens“darf der­je­ni­ge al­lein ent­schei­den, bei dem das Kind lebt.

Wel­che Ent­schei­dun­gen sind all­täg­lich, wel­che be­deu­tend? Das ist nicht im­mer

ein­fach zu un­ter­schei­den. Richt­schnur ist, dass al­les zum All­tag ge­hört, was häu­fig ent­schie­den wer­den muss, kei­ne lang­fris­ti­gen Aus­wir­kun­gen hat und im Zwei­fel auch wie­der über den Hau­fen ge­wor­fen wer­den kann. In dem Fall dürf­te die Mut­ter al­so zum Bei­spiel ent­schei­den, wann die Toch­ter abends zu Bett geht, ob sie

Sü­ßig­kei­ten be­kommt oder zum Bal­lett oder Fußball an­ge­mel­det wird. Geht es aber ei­nes Ta­ges dar­um, ob das Mäd­chen ans Gym­na­si­um wech­selt oder meh­re­re Mo­na­te ins Aus­land geht, hat der Va­ter mit­zu­re­den. Um­strit­ten war bis­her, was mit Imp­fun­gen ist – ge­wis­ser­ma­ßen ja auch ei­ne Rou­ti­ne­sa­che. Hier legt der BGH jetzt höchst­rich­ter­lich fest: Die Ent­schei­dung da­für oder da­ge­gen ist von er­heb­li­cher Be­deu­tung fürs Kind. Im Grund­satz steht sie nicht häu­fig an, son­dern nur ein­mal, auch wenn es spä­ter viel­leicht noch Auf­fri­schun­gen braucht. Und die Aus­wir­kun­gen kön­nen nach Be­wer­tung der Rich­ter schwer­wie­gend sein – wenn Ne­ben­wir­kun­gen auf­tre­ten, aber eben auch, wenn ein un­ge­impf­tes Kind sich in­fi­ziert.

Was pas­siert, wenn sich die El­tern – wie hier – nicht ei­ni­gen? Dann bleibt nur der Gang zum Fa­mi­li­en­rich­ter. Er darf die Sa­che nicht selbst ent­schei­den, kann aber fest­le­gen, wer von bei­den das letz­te Wort ha­ben soll. Zen­tra­les Kri­te­ri­um ist da­bei das Wohl des Kin­des.

Und was ist für das Kind bes­ser: imp­fen oder nicht? Auch hier gibt der BGH für die Zu­kunft die Li­nie vor: So­lan­ge bei dem Kind kei­ne spe­zi­el­len Ge­sund­heits­ri­si­ken ge­gen die Imp­fung spre­chen, ist der Be­für­wor­ter, al­so der Va­ter, die bes­se­re Wahl. Er darf sei­ne Toch­ter ge­gen neun In­fek­ti­ons­krank­hei­ten wie Te­ta­nus, Ma­sern und Rö­teln imp­fen las­sen, wie von der Stän­di­gen Impf­kom­mis­si­on emp­foh­len. Für den BGH sind die­se Emp­feh­lun­gen „me­di­zi­ni­scher Stan­dard“. Ein Ex­per­ten­gut­ach­ten, das die Mut­ter ver­lang­te, braucht es nicht.

Die Sprit­ze soll vor Krank­hei­ten schüt­zen, doch man­che El­tern wol­len ih­re Kin­der nicht imp­fen las­sen. Sie ha­ben es nach ei­nem Be­schluss des Bun­des­ge­richts­ho­fes in Zu­kunft schwe­rer. Fo­to: dpa

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