Kein Platz mehr für Kind­heit im TV

Me­di­en­for­sche­rin: Sen­der spa­ren bei Fa­mi­li­en­fern­se­hen die Jüngs­ten aus

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen Am Donnerstag -

Das Fern­se­hen hat als „La­ger­feu­er der Na­ti­on“aus­ge­dient. Kin­der un­ter zwölf Jah­ren kä­men des­halb im Abend­pro­gramm kaum noch vor, kri­ti­siert die Me­di­en­for­sche­rin Ma­ya Götz. Und wenn doch, dann nur als „Litt­le Big Stars“in der gleich­na­mi­gen Sat.1-Show mit Tho­mas Gott­schalk.

Von Tilmann P. Gang­loff

Als die Lei­te­rin des In­ter­na­tio­na­len Zen­tral­in­sti­tuts für das Ju­gend­und Bil­dungs­fern­se­hen (Mün­chen) der Fra­ge nach­ge­hen soll­te, wel­che Rol­le Kin­der in Fa­mi­li­en­se­ri­en spie­len, muss­te sie pas­sen: Sie fand ein­fach nicht ge­nug Ma­te­ri­al. Wirk­lich über­rascht war die zwei­fa­che Mut­ter al­ler­dings nicht: „Wir le­ben in ei­ner der kin­de­r­un­freund­lichs­ten Ge­sell­schaf­ten Eu­ro­pas. Das Fa­mi­li­en­bild im Fern­se­hen spie­gelt das wi­der.“

Kin­der wür­den zwar nicht kom­plett igno­riert, aber die Se­ri­en be­müh­ten sich nur sel­ten „um die ver­schie­de­nen Fa­cet­ten der kind­li­chen Iden­ti­tät. Meis­tens die­nen Kin­der als Pro­blem­ver­ur­sa­cher, da­mit sich die Er­wach­se­nen als kom­pe­ten­te El­tern be­wei­sen kön­nen.“Da­bei wä­re es wich­tig, dass ge­ra­de sol­che Se­ri­en zeig­ten, „wie ein ge­lin­gen­des Le­ben mit Kin­dern aus­se­hen kann“.

Dass die Zahl der Fil­me und Se­ri­en mit Kin­dern über­schau­bar ist, hat auch mit den Ju­gend­schutz­be­stim­mun­gen zu tun: Kin­der zwi­schen sechs und 15 Jah­ren dür­fen ma­xi­mal drei St­un­den pro Tag vor der Ka­me­ra ste­hen. Pro­duk­tio­nen mit jun­gen Haupt­dar­stel­lern sind da­her deut­lich teu­rer, weil sich die Dreh­zeit ver­län­gert.

Aber das sei nur die hal­be Wahr­heit, sagt Re­gis­seur Bernd Sah­ling („Die Blind­gän­ger“): „Fil­me, die auch für Er­wach­se­ne funk­tio­nie­ren sol­len, aber kom­plett aus Sicht ei­nes Kin­des er­zählt wer­den, pas­sen nach An­sicht der Ver­ant­wort­li­chen nicht ins Abend­pro­gramm.“Sein viel­fach aus­ge­zeich­ne­tes ADHS-Dra­ma „Kopf­über“(2013) ist bis heu­te nicht im deut­schen Fern­se­hen ge­lau­fen. Au­to­ren ha­ben ähn­li­che Er­fah­run­gen ge­macht. „Wenn ich ei­ne Kind­heits­ge­schich­te vor­schla­ge, die al­le Al­ters­grup­pen an­spricht, sto­ße ich so­fort auf ei­ne Blo­cka­de­hal­tung“, sagt Martin Bus­ker: „Weil sich Er­wach­se­ne an­geb­lich nicht mit Kin­dern iden­ti­fi­zie­ren kön­nen.“Sein Kol­le­ge Fabian He­be­streit hat das Glei­che mehr­fach mit ju­gend­li­chen Prot­ago­nis­ten er­lebt: „Er­wach­se­ne, hieß es, in­ter­es­sie­ren sich nicht für Ju­gend­li­che.“Des­halb soll­te er aus ei­ner Ge­schich­te über ei­ne 15Jäh­ri­ge, die ein Jun­ge sein möch­te, ein „,Trans­gen­der‘ Dra­ma mit ei­ner ver­hei­ra­te­ten Frau ma­chen, er­zählt aus der Sicht ih­res Man­nes – we­gen der grö­ße­ren Fall­hö­he“.

Bei den Sen­dern stößt die The­se vom Ver­schwin­den der Kind­heit aus dem Fa­mi­li­en­fern­se­hen al­ler­dings auf Wi­der­spruch. ARD-Pro­gramm­di­rek­tor Vol­ker Her­res kann in den An­ge­bo­ten sei­nes Pro­gramms „kei­ne zu­neh­mend kin­der­lo­se oder auch kin­der­feind­li­che Welt er­ken­nen“. Ge­ra­de in den von der ARDToch­ter Degeto ver­ant­wor­te­ten Frei­tags­fil­men spie­len Kin­der in der Tat ei­ne gro­ße Rol­le, weil die Fa­mi­lie, wie Re­dak­ti­ons­lei­ter Sa­scha Schwin­gel ver­si­chert, „in ih­rer klas­si­schen Form wie auch in mo­der­nen Patch­work-Kon­stel­la­tio­nen ein zen­tra­les The­ma ist. Die Kin­der­fi­gu­ren sind da­bei mit­nich­ten rei­ne Pro­blem­ver­ur­sa­cher, son­dern tra­gen und be­stim­men die Hand­lung ent­schei­dend mit.“Bes­tes Bei­spiel sei der Zwei­tei­ler „Neu in un­se­rer Fa­mi­lie“, den das „Ers­te“am 7. und am 9. Ju­ni zeigt.

Sämt­li­che Bei­spie­le tau­gen je­doch nur be­dingt als Ge­gen­be­weis, weil es sich bei den ver­meint­li­chen Kin­dern meist um Ju­gend­li­che han­delt; oder weil die Ge­schich­ten aus Sicht der Er­wach­se­nen er­zählt wer­den.

Auch Hei­ke Hem­pel, Lei­te­rin der ZDF-Haupt­re­dak­ti­on Fern­seh­film/Se­rie II, zi­tiert ne­ben „Her­zens­bre­cher – Va­ter von vier Söh­nen“vor al­lem Se­ri­en, in de­nen es um Her­an­wach­sen­de geht, et­wa „Si­bel und Max“(Te­enager­schwan­ger­schaft) oder die im Herbst star­ten­de Rei­he „Das Pu­ber­tier“. Sie sagt zwar, Kin­der und Ju­gend­li­che sei­en im fik­tio­na­len Fern­se­hen durch­aus Prot­ago­nis­ten, aber klei­ne Kin­der sind da­bei of­fen­bar nicht vor­ge­se­hen. In die­ser Hin­sicht ist der ARD-Frei­tags­film „El­tern und an­de­re Wahr­hei­ten“(2. Ju­ni) über die Her­aus­for­de­rung, Ki­ta-Kin­der und Be­ruf mit­ein­an­der zu kom­bi­nie­ren, ei­ne ech­te Ra­ri­tät.

Kri­ti­ken zum ak­tu­el­len TV-Pro­gramm le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de/schon-ge­se­hen

Aus­nah­me­fall

„El­tern und an­de­re Wahr­hei­ten“: In dem Film von Re­gis­seu­rin Ma­ria von He­land (2. Ju­ni, Das Ers­te) ver­heim­licht ei­ne Mut­ter für ih­ren Job ih­re Kin­der und fühlt sich hin­und her­ge­ris­sen zwi­schen bei­den Wel­ten. Fo­to: ARD/Degeto/Aspekt Te­le­film/Gor­don Tim­pen

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