Ba­rack Oba­ma Su­per­star

Ehe­ma­li­ger US-Prä­si­dent er­scheint auf Kir­chen­tag als Hoff­nungs­trä­ger

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke -

Ju­bel für Mer­kel und Oba­ma: Bei ih­rem ge­mein­sa­men Auf­tritt auf dem Evan­ge­li­schen Kir­chen­tag in Berlin sto­ßen die bei­den Po­li­ti­ker auf viel Zu­stim­mung. Da­bei hat­te sich im Vor­feld an meh­re­ren Fron­ten Streit an ih­rem Auf­tritt ent­zün­det.

Von Stefanie Wit­te

„Al­les ge­sperrt hier – was ist denn da los?“, murrt der Ta­xi­fah­rer an der Am­pel vor dem Ber­li­ner Haupt­bahn­hof. Vor ihm lau­fen drei Ju­gend­li­che über die Stra­ße – um den Hals tra­gen sie lo­cker ge­kno­te­te oran­ge­far­be­ne Schals. Dar­auf meh­re­re wei­ße Kreu­ze. Seit Mitt­woch ist Kir­chen­tag in Berlin. Über 100 000 Dau­er­teil­neh­mer sind laut den Or­ga­ni­sa­to­ren in der Stadt un­ter­wegs, vor al­lem auf dem Ber­li­ner Mes­se­ge­län­de.

Nach den Got­tes­diens­ten am Mitt­woch­abend ist es am frü­hen Don­ners­tag­mor­gen zu­nächst noch ru­hig in Berlin-Mit­te. Es ist Fei­er­tag. Le­dig­lich ei­ne Hand­voll Jog­ger und Rad­fah­rer ist un­ter­wegs. Doch je nä­her man dem Bran­den­bur­ger Tor kommt, des­to mehr Men­schen kann man se­hen. Ei­ne Frau ver­sucht, ei­ne Po­li­zei­sper­re auf Hö­he des Ho­tels Ad­lon zu pas­sie­ren. „Hier kom­men Sie nicht durch, bit­te ein­mal hin­ten rum“, er­klärt ihr ein Po­li­zist. Auf der Rück­sei­te ste­hen Tau­sen­de Kir­chen­tags­be­su­cher in lan­gen Schlan­gen. Noch ei­ne gu­te Stun­de, bis Oba­ma kom­men soll.

Ein ge­pan­zer­tes Po­li­zei­fahr­zeug und ein Bus ste­hen quer auf der Stra­ße Rich­tung Pots­da­mer Platz. An an­de­ren Stel­len wur­den Be­ton­sper­ren er­rich­tet. Die Si­cher­heits­plä­ne für das größ­te Event des Kir­chen­ta­ges – das Ge­spräch Oba­ma und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel – wur­den nach dem An­schlag von Man­ches­ter noch ein­mal über­prüft.

Auf der Büh­ne vor dem Bran­den­bur­ger Tor spielt der­weil ei­ne Big Band. Auf der Stra­ße des 17. Ju­ni ha­ben sich Hun­der­te Ju­gend­li­che auf den Bo­den ge­setzt, Kä­se­bro­te aus­ge­packt und wi­schen über die Dis­plays ih­rer Han­dys. Ein jun­ges Paar mit vier klei­nen Kin­dern hat ein Kar­ten­spiel auf ei­ner Pick­nick­de­cke aus­ge­legt. Vor­ne dis­ku­tie­ren ei­ne Theo­lo­gin und ein Po­li­ti­ker über Bi­bel und Glau­ben. Noch ei­ne hal­be Stun­de bis Oba­ma.

Am Auf­tritt des ehe­ma­li­gen US-Prä­si­den­ten hat­te sich zu­letzt viel Kri­tik ent­zün­det. Und re­nom­mier­te Theo­lo­gen hat­ten kri­ti­siert, dass die po­li­ti­schen Bot­schaf­ten der Kir­che nicht viel mit Lu­ther zu tun ha­ben. Der Vi­ze­prä­si­dent des Kir­chen­amts der Evan­ge­li­schen Kir­chen in Deutsch­land (EKD), Thies Gund­lach, be­klag­te dar­auf­hin, die Theo­lo­gen ver­fie­len bei je­dem EKD-Vor­schlag in ei­ne „grum­me­li­ge Me­cker­stim­mung“.

„First of all: Gu­ten Tag“

Auch zwi­schen der Kir­chen­tags­lei­tung und der EKD lief es of­fen­bar nicht im­mer glatt. In den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten hat­te es vie­le Ge­rüch­te um den Ab­schluss­got­tes­dienst in Wit­ten­berg am Sonn­tag ge­ge­ben. Fast schon als Ge­wiss­heit galt schließ­lich, dass Mi­chel­le Oba­ma die Pre­digt hal­ten wer­de. Am En­de soll­te ihr Mann vor dem Bran­den­bur­ger Tor spre­chen. Die „Bild“-Zei­tung be­rich­te­te in die­sem Zu­sam­men­hang, dass die EKD-Füh­rung die­sen Auf­tritt an den Or­ga­ni­sa­to­ren vor­bei­ge­plant ha­be.

Und dann ist da noch der Grund­satz­streit über die Fra­ge: Wie po­li­tisch darf und soll Kir­che sein? Das ehe­ma­li­ge EKD-Rats­mit­glied Pe­ter Hah­ne sag­te un­se­rer Zei­tung: „Statt Lu­ther­schnaps und Po­lit­ge­schwätz wün­sche ich mir das pu­re Evan­ge­li­um in der kom­pro­miss­lo­sen Spra­che Lu­thers.“Der EKD-Rats­vor­sit­zen­de Hein­rich Bed­for­dS­trohm hielt da­ge­gen: „Da, wo der Staat sei­nen von Gott ge­ge­be­nen Auf­trag ver­letzt, muss die Kir­che Wi­der­stand leis­ten.“Chris­ten müss­ten ge­gen Un­recht vor­ge­hen.

All das be­wegt die Be­su­cher vor dem Bran­den­bur­ger Tor we­ni­ger – sie wol­len Oba­ma li­ve se­hen. Als der kurz nach elf die Büh­ne be­tritt, bran­det Ju­bel auf. Oba­ma be­grüßt Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, die mit ihm auf Wunsch der EKD über De­mo­kra­tie und Ver­ant­wor­tung dis­ku­tie­ren soll, als „ei­ne mei­ner liebs­ten Part­ne­rin­nen“wäh­rend sei­ner Prä­si­dent­schaft. Vor­weg sagt er: „First of all: Gu­ten Tag!“

Zwi­schen Tau­sen­den Men­schen ist es nun sehr ru­hig, nur die Stim­me des Prä­si­den­ten hallt über das Ge­län­de. Rund 70 000 Be­su­cher – un­ter ih­nen auch Alt­bun­des­prä­si­dent Chris­ti­an Wul­ff und sei­ne Frau Bet­ti­na – hor­chen kon­zen­triert. Oba­ma plä­diert für Frie­den und Wohl­stand. Mer­kel ver­tei­digt ih­re Flücht­lings­po­li­tik, nennt die deut­sche Ab­schie­be­pra­xis ein „schwie­ri­ges The­ma“und ar­gu­men­tiert, dass es im­mer­hin Er­mes­sens­spiel­räu­me ge­be und Aus­zu­bil­den­de blei­ben dürf­ten. „Wir ver­su­chen, sach­ge­rech­te Lö­sun­gen zu fin­den“, sagt Mer­kel und ern­tet mehr­fach Ap­plaus.

Oba­ma wirbt für die Fort­set­zung von Oba­ma-Ca­re, plä­diert für Di­plo­ma­tie und Ent­wick­lungs­hil­fe und er­klärt, man kön­ne sich nicht hin­ter ei­ner Mau­er von der Welt ab­schot­ten – ein Sei­ten­hieb auf sei­nen Nach­fol­ger Do­nald Trump, den er nicht na­ment­lich nennt. Oba­ma er­klärt, in den Au­gen Got­tes ver­die­ne „ein Kind auf der an­de­ren Sei­te der Gren­ze ge­nau­so viel Barm­her­zig­keit (...) wie ein Kind auf un­se­rer Sei­te der Gren­ze. Aber wir sind eben auch die Staats­chefs von Län­dern, und wir ha­ben ei­ne Ver­ant­wor­tung ge­gen­über den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern in­ner­halb un­se­rer Gren­zen.“„Hat er gut ge­macht“, ur­teilt ein Be­su­cher.

Gro­ße Sym­pa­thie für den Star des Kir­chen­ta­ges: Vie­le Be­su­cher hal­ten Pla­ka­te, auf de­nen sie sich an den Ex-US-Prä­si­den­ten Ba­rack Oba­ma wen­den. Fo­to: AFP

Auf ei­ner gro­ßen Büh­ne di­rekt vor dem Bran­den­bur­ger Tor dis­ku­tie­ren Oba­ma und Mer­kel mit­ein­an­der über The­men der Zeit. Fo­tos: dpa/AFP

Si­cher­heit wird groß­ge­schrie­ben auf dem Kir­chen­tag: Tau­sen­de Po­li­zis­ten sind im Ein­satz. Es gibt auch Ta­schen­kon­trol­len.

Sport und Spiel ge­hö­ren da­zu: Ju­gend­li­che spie­len Jug­ger (nach ei­nem Com­pu­ter­spiel) auf dem Sport­platz am An­hal­ter Bahn­hof.

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