Fleisch­in­dus­trie droht Br­ex­it-Del­le

Ex­port nach Groß­bri­tan­ni­en könn­te lei­den – Tön­nies will not­falls aus­wei­chen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wirtschaft -

Der Weg des ems­län­di­schen Schwei­ne­bauchs nach Groß­bri­tan­ni­en könn­te be­schwer­li­cher wer­den. Mit dem Aus­tritt des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs aus der EU dro­hen dem Fleisch­ver­ar­bei­ter Wei­de­mark in Sö­gel und vie­len an­de­ren Un­ter­neh­men der Bran­che bri­ti­sche Ein­fuhr­zöl­le und bü­ro­kra­ti­sche Hür­den.

Von Chris­ti­an Schaud­wet

BRAUN­SCHWEIG. Die bri­tisch-eu­ro­päi­sche Schei­dung könn­te deut­sche Fleisch- und Milch­pro­du­zen­ten spür­bar Um­satz kos­ten. Ei­ne Stu­die des Thü­nen-In­sti­tuts für Markt­ana­ly­se in Braun­schweig sagt Deutsch­land im schlimms­ten Fall ein Ab­schmel­zen sei­nes Agrar­han­dels­über­schus­ses mit Groß­bri­tan­ni­en um bis zu 700 Mil­lio­nen Eu­ro vor­aus. Vor al­lem die Schwei­ne- und Ge­flü­gel­fleisch­pro­du­zen­ten so­wie die Milch­in­dus­trie dro­he der Br­ex­it zu tref­fen, heißt es in der Stu­die der Braun­schwei­ger Agrar­markt­ex­per­ten. Das Han­dels­vo­lu­men näh­me nach ih­ren Be­rech­nun­gen so deut­lich ab, dass der Ge­samt­pro­duk­ti­ons­wert von Schweine­und Ge­flü­gel­fleisch in Deutsch­land um mehr als zwei Pro­zent, der von Milch­pro­duk­ten um mehr als ein Pro­zent sin­ken wür­de.

„Deutsch­land hat in­ten­si­ve Agrar­han­dels­be­zie­hun­gen mit dem Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich“, sagt Mar­tin Ban­se, der die Un­ter­su­chung des Thü­nen-In­sti­tuts ge­lei­tet hat. „Und wir ex­por­tie­ren be­son­ders viel aus Nord­west­deutsch­land.“Bei Fleisch und Milch sei­en deut­li­che Br­ex­it-Ef­fek­te zu er­war­ten, Nie­der­sach­sen wä­re über­durch­schnitt­lich be­trof­fen, sagt Ban­se. Be­son­ders hei­kel kön­ne es wer­den, falls die bri­ti­schen Im­por­teu­re nach dem Br­ex­it dau­er­haft auf die Pro­du­zen­ten­län­der USA, Ka­na­da und Bra­si­li­en aus­wi­chen.

Al­ler­dings, schränkt der Wich­ti­ger Ex­port­markt Groß­bri­tan­ni­en:

Wis­sen­schaft­ler ein, gel­te das Ne­ga­tiv­sze­na­rio nur für den schlimms­ten Fall ei­nes har­ten, kom­pro­miss­lo­sen Br­ex­it. Für wahr­schein­li­cher hält Ban­se, dass die EU und Groß­bri­tan­ni­en ge­gen­sei­ti­ge Zu­ge­ständ­nis­se aus­han­deln, die den Ex­port für deut­sche Pro­du­zen­ten wei­ter­hin loh­nend ma­chen. Für die deut­sche Land­wirt­schaft ins­ge­samt Schwei­ne­ver­ar­bei­tung in ei­nem Be­trieb in Rhe­daWie­den­brück.

schätzt er die Br­ex­it-Fol­gen als eher ge­ring ein.

Das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich ist bei Agrar­pro­duk­ten so im­port­ab­hän­gig wie kein zwei­tes Land in der EU. Deutsch­lands Agrar­han­dels­über­schuss mit Groß­bri­tan­ni­en ist in den ver­gan­ge­nen 14 Jah­ren um das Zwei­ein­halb­fa­che an­ge­stie­gen – bei Fleisch­pro­duk­ten auf 600 Mil­lio­nen Eu­ro.

Die Fleisch­ex­por­te nach Groß­bri­tan­ni­en nah­men pro Jahr um sie­ben Pro­zent zu.

Be­trächt­li­chen An­teil dar­an dürf­te der Fleisch­kon­zern Tön­nies in Rhe­da-Wie­den­brück ha­ben, Deutsch­lands größ­ter Schlacht­be­trieb für Schwei­ne. Zah­len zu sei­nem Groß­bri­tan­ni­en-Ge­schäft gibt das Un­ter­neh­men nicht her­aus, aber: „Es ist für uns na­tür­lich ein wich­ti­ger Markt“, sagt Un­ter­neh­mens­spre­cher An­dré Viel­städ­te. Die Hälf­te von Tön­nies’ Pro­duk­ti­on wird ex­por­tiert, das meis­te da­von in die EU. Fleisch­tei­le, die in Deutsch­land we­ni­ge Ab­neh­mer fin­den, nimmt teils der bri­ti­sche Markt auf. Bauch­fleisch un­ter an­de­rem aus dem Tön­niesStand­ort Sö­gel wird zu eng­li­schem Ba­con. Das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich ist der idea­le Markt für die­se Wa­re – Früh­stücks­speck ist dort heiß be­gehrt.

Tön­nies wer­de die Br­ex­itVer­hand­lun­gen sehr in­ten­siv be­ob­ach­ten, sagt Viel­städ­te. Er sei zu­ver­sicht­lich, dass das Un­ter­neh­men mög­li­che Rück­gän­ge im Groß­bri­tan­ni­en­ge­schäft durch Zu­wachs auf an­de­ren Ex­port­märk­ten aus­glei­chen kön­ne. Man ha­be auch den rus­si­schen Im­port­stopp für EU-Schwei­ne­fleisch im Jahr 2014 gut ge­meis­tert. Au­ßer­dem pro­du­ziert der Kon­zern mit sei­ner dä­ni­schen Toch­ter Ti­can auch im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich selbst.

Doch Tön­nies er­litt nach dem rus­si­schen Em­bar­go zu­letzt auch im wich­ti­gen Chi­na-Ge­schäft ei­ne Schlap­pe. Das Land hat ei­nen Im­port­stopp ge­gen Tön­nies-Wa­re aus Deutsch­land ver­hängt und be­grün­det die­sen nach Tön­nies-An­ga­ben mit Be­an­stan­dun­gen am Fleisch­zer­le­ge­pro­zess. Of­fen ist, wie dem Kon­zern und der Ge­samt­bran­che meh­re­re Blo­cka­den wich­ti­ger Ab­neh­mer und zu­sätz­lich ei­ne Br­ex­it-Del­le be­kom­men wür­den.

Wei­te­re Bei­trä­ge der Se­rie „Zu­kunft Agrar“un­ter noz.de/agrar

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