Wo Na­tur und Kunst ver­schmel­zen

Mo­net, Lie­ber­mann, Vo­ge­ler – Die Gär­ten be­rühm­ter Künst­ler lo­cken heu­te Tou­ris­ten­mas­sen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Sie sind Kunst­wer­ke aus Blu­men und Mo­ti­ve be­rühm­ter Ge­mäl­de – die Künst­ler­gär­ten der Mo­der­ne. Ein Streif­zug nach Gi­ver­ny, Berlin und Worps­we­de.

Von Stefan Lüd­de­mann

Sie be­wah­ren die Le­ben­sau­ra be­rühm­ter Ma­ler und re­flek­tie­ren die Mo­tiv­welt gro­ßer Kunst: Künst­ler­gär­ten avan­cie­ren in der Zeit um 1900 zu Or­ten, an de­nen die Avant­gar­de Fahrt auf­nimmt. Heu­te sind sie Hots­pots für Hun­dert­tau­sen­de, die zu den einst ent­le­ge­nen Oa­sen pil­gern.

Die Bil­der, die Clau­de Mo­net in Gi­ver­ny, Max Lie­ber­mann in Berlin und Hein­rich Vo­ge­ler in Worps­we­de nach Mo­ti­ven aus ih­ren Gär­ten ma­len, ge­hö­ren zu den Le­gen­den der klas­si­schen Mo­der­ne. Künst­ler kon­zi­pier­ten ih­re Gär­ten als Rück­zugs­or­te und form­ten sie zu­gleich zu blü­hen­den Ge­samt­kunst­wer­ken. In den Wun­der­wer­ken aus Blu­men­bee­ten, He­cken, Stau­den und Tei­chen kreu­zen sich Kunst und Na­tur, ge­mal­te Schön­heit und das Ide­al­bild ir­di­schen Glücks.

Künst­ler­gär­ten fas­zi­nie­ren als Or­te ge­stei­ger­ten Le­bens, weil sie Men­schen er­den und zu­gleich ih­re Fan­ta­sie an­re­gen. Die Ver­mark­ter tou­ris­ti­scher Zie­le ha­ben die­ses Po­ten­zi­al längst er­kannt.

Mit Som­mer­hut am See­ro­sen­teich: „Mich in­ter­es­siert nichts als mei­ne Ma­le­rei und mei­ne Blu­men“, pflegt der Mann mit Bart und Son­nen­hut zu sa­gen, der Gäs­te als wah­rer Sou­ve­rän sei­nes Gar­ten­rei­ches emp­fing. Zu Clau­de Mo­net pil­gern Be­rühmt­hei­ten wie der Staats­mann Ge­or­ge Cle­men­ceau. Jour­na­lis­ten kom­men trupp­wei­se. In Gi­ver­ny, 70 Ki­lo­me­ter west­lich von Pa­ris, re­si­diert Mo­net, der be­rühm­tes­te der Im­pres­sio­nis­ten, von 1883 bis zu sei­nem Tod 1926. Heu­te über­flu­ten Jahr für Jahr ei­ne hal­be Mil­li­on Men­schen das nach auf­wen­di­ger Re­kon­struk­ti­on

1980 ge­öff­ne­te Gar­ten­reich.

Mo­nets Wohn­haus ver­schwin­det bei­na­he hin­ter üp­pig wach­sen­den Stau­den. Und erst recht hin­ter den Pflan­zen, die ent­lang der zen­tra­len Gar­te­n­ach­se an Ei­sen­bö­gen zu ei­nem Tun­nel ver­wach­sen. Der Be­su­cher wan­delt durch die­se Blü­ten­pracht wie durch ei­ne flim­mern­de Licht­pas­sa­ge.

Clau­de Mo­net hat die­sen Blu­men­tun­nel im­mer wie­der ge­malt. Ob Nar­zis­sen oder Son­nen­blu­men – Mo­net löst die Blu­men­pracht auf sei­nen Bil­dern in rei­ne Ma­le­rei auf. Das gilt erst recht für die ei­gent­li­che Sen­sa­ti­on die­ses Gar­ten­wun­ders. Der Was­ser­gar­ten mit See­ro­sen­teich und ja­pa­ni­scher Brü­cke könn­te mit sei­ner üp­pi­gen Pracht und me­di­ta­ti­ven Ru­he ver­zau­bern – wenn nur das Ge­drän­gel der Be­su­cher­strö­me nicht wä­re.

Clau­de Mo­net ver­wan­delt das Mo­tiv der trei­ben­den See­ro­sen­blü­ten in gi­gan­ti­sche

Wun­der­wer­ke rei­ner Ma­le­rei. Ein Gar­ten wird Kunst: Das gilt für kei­nen Künst­ler­gar­ten so sehr wie für Gi­ver­ny.

Son­nen­ter­ras­se mit See­blick: „Se­hen Sie, die­se zehn Fin­ger ha­ben al­les in zwei Jah­ren er­malt“, sagt Max Lie­ber­mann mit hör­ba­rem Stolz über sein Re­fu­gi­um am Ber­li­ner Wann­see. Der Ver­le­ger Lan­gen­scheidt auf der ei­nen Sei­te, der AEG-Di­rek­tor Hamsp­ohn auf der an­de­ren und mit­ten­drin Lie­ber­mann – deut­li­cher lässt sich der ge­sell­schaft­li­che Er­folg ei­nes Künst­lers kaum do­ku­men­tie­ren. 1909 er­wirbt der Ma­ler mit der Ber­li­ner Schnau­ze das See­grund­stück, setzt ei­ne Vil­la mit Säu­len­por­tal dar­auf und ge­stal­tet ei­nen zum See­ufer sacht ab­fal­len­den Gar­ten.

Al­f­red Licht­wark, Di­rek­tor der Ham­bur­ger Kunst­hal­le und Gar­ten­re­for­mer, be­rät ihn da­bei. Vor dem Haus ein Bau­ern­gar­ten mit Stau­den

und Ge­mü­se, dann ei­ne Lin­den­he­cke und hin­ter dem Haus Blu­men­gär­ten, Ra­sen­flä­che und Bir­ken­weg – Lie­ber­manns Gar­ten teilt sich in Zo­nen von Werk­tag und Sonn­tag.

Das 7000 Qua­drat­me­ter gro­ße Ter­rain konn­te erst nach 2012 wie­der­her­ge­stellt wer­den. Nach­dem die Na­zis der Wit­we Lie­ber­manns das An­we­sen ab­ge­presst ha­ben, kom­men Haus und Ter­rain in ver­schie­de­ne Nut­zun­gen. Jetzt ist der Gar­ten wie­der in sei­ner his­to­ri­schen Gestalt zu er­le­ben. Da­mit wird wie­der

nach­voll­zieh­bar, was auch an­de­re Künst­ler­gär­ten aus­zeich­net – die sym­bio­ti­sche Ver­schmel­zung des Gar­tens mit der Kunst.

Lie­ber­mann lässt sich von leuch­ten­den Blu­men­bee­ten und dem zwi­schen den Bir­ken flir­ren­den Som­mer­licht zu vie­len Ge­mäl­den in­spi­rie­ren. Der Künst­ler, der zu­nächst mit sei­nem so­zia­len Rea­lis­mus den of­fi­zi­el­len Kunst­ge­schmack des Kai­ser­rei­ches her­aus­for­dert, wan­delt sich nach 1910 zu ei­nem Im­pres­sio­nis­ten. Heu­te ge­nie­ßen Aus­flüg­ler Ter­ras­se und Gar­ten – und den Aus­blick auf die Se­gel­boo­te auf dem Wann­see.

Lie­bes­paar im Ro­sen­ron­dell: „Mein Bar­ken­hoff wird im­mer voll­stän­di­ger. Jetzt sind über­all ge­zir­kel­te Blu­men­bee­te und zwi­schen erns­ten Machan­del­bäu­men ste­hen hel­le Ur­nen“, schreibt Hein­rich Vo­ge­ler 1901 in ei­nem Brief. Der Künst­ler kauft 1895 ein al­tes Bau­ern­haus in Worps­we­de bei Bre­men. Er baut das An­we­sen zu ei­ner Künst­ler­re­si­denz aus.

Sein Bar­ken­hoff, die platt­deut­sche Ver­si­on von Bir­ken­hof, prä­sen­tiert sich ei­ni­ge Jah­re spä­ter als perfektes En­sem­ble des Ju­gend­stils. Ein Wohn- und Ate­lier­haus mit schnee­wei­ßer Gie­bel­fas­sa­de und da­zu ein Gar­ten, der über ei­ne ge­schwun­ge­ne Frei­trep­pe be­tre­ten wer­den kann. Die zen­tra­le We­ge­ach­se führt an Blu­men­bee­ten und Buchs­bäu­men zu ei­ner Lau­be, die, von Ro­sen um­rankt, wie ei­ne Zuflucht für Lie­ben­de wirkt.

Vo­ge­ler und sei­ne Frau Mar­tha po­sie­ren bei Ko­s­tüm­fes­ten in ih­rem Gar­ten in mit­tel­al­ter­li­cher Tracht, Hein­rich Vo­ge­ler malt auf sei­nem wand­fül­len­den Bild „Som­mer­abend“1905 die Künst­ler­freun­de auf der Bar­ken­hof­fTer­ras­se. Zwi­schen Ro­sen­ran­ken und Zier­bäu­men schei­nen sie ver­sun­ken zu mu­si­zie­ren und zu lau­schen. Oder sind sie re­gel­recht in Schön­heit er­starrt?

Vo­ge­ler selbst bleibt sei­nen Gar­ten­ide­en nicht treu. Nach dem Ers­ten Welt­krieg wen­det er sich dem Kom­mu­nis­mus zu und eb­net den Gar­ten ein. Auf dem Bar­ken­hoff eta­bliert sich ei­ne Land­kom­mu­ne, die sich mehr für Ge­mü­se als für Ro­sen in­ter­es­siert. Nach wech­sel­vol­ler Ge­schich­te wird der Ju­gend­stil­gar­ten seit 1981 wie­der­her­ge­stellt, der Bar­ken­hoff als Mu­se­um neu er­öff­net.

Vo­ge­ler hat sein Gar­te­n­en­sem­ble auf vie­len Ge­mäl­den und Gra­fi­ken wie ei­ne In­sel des Schö­nen in­sze­niert. Noch mehr als bei Mo­net und Lie­ber­mann ver­schweißt Vo­ge­ler Haus, Gar­ten und Kunst zu ei­ner un­trenn­ba­ren Ein­heit. Was er nicht wis­sen konn­te: Sein Bar­ken­hoff gilt heu­te als Er­ken­nungs­zei­chen des Künst­ler­or­tes Worps­we­de und als Iko­ne ei­nes Gar­tens, der zur Kunst ge­wor­den ist.

Fo­to: dpa

Der schöns­te al­ler Künst­ler­gär­ten der klas­si­schen Mo­der­ne: Das Gar­ten­reich des Im­pres­sio­nis­ten Clau­de Mo­net be­ein­druckt vor al­lem mit dem See­ro­sen­teich, der zum Mo­tiv un­zäh­li­ger Ge­mäl­de wur­de.

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