„Wer Tie­re quält, muss raus“

Wie­sen­hof-Chef Wes­jo­hann zu Tier­wohl, Ver­brau­cher­er­war­tun­gen und Veg­gie-Wurst

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wirtschaft - Von Dirk Fis­ser

Ein un­schein­ba­rer Ver­wal­tungs­bau in Rech­ter­feld, Land­kreis Vech­ta: Hier sitzt die PHW-Grup­pe, zu der auch Deutsch­lands größ­ter und be­kann­tes­ter Ge­flü­gel­fleisch­pro­du­zent Wie­sen­hof ge­hört. Chef in drit­ter Ge­ne­ra­ti­on ist Pe­ter Wes­jo­hann.

Herr Wes­jo­hann, die Deut­schen es­sen im­mer mehr Ge­flü­gel. Gol­de­ne Zei­ten für den Markt­füh­rer Wie­sen­hof ?

Na­tür­lich freut uns die­se Ent­wick­lung. Wir ar­bei­ten in ei­nem wach­sen­den Markt. Das er­öff­net Chan­cen. Das Wachs­tum ist aber un­gleich ver­teilt: Es wird mehr Hähn­chen ge­ges­sen. Pu­ten oder En­ten pro­fi­tie­ren von der ge­stie­ge­nen Nach­fra­ge nicht.

Hat Ge­flü­gel das Po­ten­zi­al, dem Schwei­ne­fleisch in Deutsch­land den Rang ab­zu­lau­fen?

Ich glau­be nicht, dass ich das er­le­ben wer­de. Da muss man schon in Ge­ne­ra­tio­nen den­ken. Deutsch­land ist ein tra­di­tio­nel­les Schwei­ne­fleisch­es­ser­land. Aber zwei­fels­oh­ne: Der Trend zum Ge­flü­gel­fleisch wird wei­ter­ge­hen. Es passt ein­fach bes­ser zum Zeit­geist, weil es fett­arm ist und sich schnell und un­kom­pli­ziert zu­be­rei­ten lässt.

Trotz der stei­gen­den Nach­fra­ge steht auch die Ge­flü­gelbran­che in der Dau­er­kri­tik …

Wir ha­ben ex­trem ho­he Stan­dards in Deutsch­land. So ho­he, dass deut­sche Pro­du­zen­ten auf dem Welt­markt und zum Teil selbst in­ner­halb der Eu­ro­päi­schen Uni­on nicht mehr wett­be­werbs­fä­hig sind. Das über­se­hen un­se­re Kri­ti­ker schein­bar. Und auch die Fort­schrit­te, die wir er­zielt ha­ben: In den 60er-Jah­ren sind bei­spiels­wei­se fast 50 Pro­zent der Tie­re im Stall ge­stor­ben. Heu­te über­le­ben im Schnitt zwei bis drei Pro­zent der Tie­re die Mast­pe­ri­ode nicht – und das, ob­wohl sie mitt­ler­wei­le in grö­ße­ren Ein­hei­ten ge­hal­ten wer­den. Die Fort­schrit­te beim The­ma Hy­gie­ne sind

enorm. Ich sa­ge: Sie kön­nen sich bes­ser in un­se­rer Brü­te­rei ope­rie­ren las­sen als in ei­nem deut­schen Kran­ken­haus!

Und trotz­dem gibt es im­mer wie­der Be­rich­te über Miss­stän­de ge­ra­de in Stäl­len – auch aus Be­trie­ben im Um­feld Ih­res Un­ter­neh­mens.

Wir ha­ben fast 7000 Mit­ar­bei­ter und ar­bei­ten mit rund 1000 selbst­stän­di­gen Land­wir­ten zu­sam­men. Bei al­ler Kon­trol­le und al­ler Sorg­falt sind nie ein­zel­ne Feh­ler aus­ge­schlos­sen. Aber wenn Feh­ler pas­sie­ren, müs­sen die­se ab­ge­stellt wer­den. Wenn je­mand Tie­re schlecht be­han­delt oder sie quält, dann muss er raus. Die­se Kon­se­quenz ist wich­tig.

Kommt das vor?

Ja, in Ein­zel­fäl­len hin und wie­der in den ver­gan­ge­nen Jah­ren. Auch oh­ne me­dia­le Öf­fent­lich­keit. Wenn je­mand bei in­ter­nen oder ex­ter­nen Kon­trol­len schwer­wie­gend ver­sagt, dann kann er nicht

mehr un­ser Part­ner sein. Bei schwer­wie­gen­den Miss­stän­den gibt es kei­ne zwei­te Mei­nung. Dann kommt es zur Tren­nung. Wenn der Tier­hal­ter dann wo­an­ders un­ter­kommt, liegt das nicht in un­se­rer Macht.

Ein Ar­gu­ment ge­gen hö­he­re Hal­tungs­stan­dards sind die man­geln­den Er­lös­chan­cen. Stimmt das?

Wir ver­mark­ten mitt­ler­wei­le 1,5 Mil­lio­nen Tie­re pro Wo­che in un­ter­schied­li­chen Tier­wohl­kon­zep­ten. An­ge­fan­gen bei der Bran­chen­in­itia­ti­ve Tier­wohl, wei­ter über die Zu­sam­men­ar­beit mit dem Deut­schen Tier­schutz­bund bei un­se­rem Pri­vat­hof-Ge­flü­gel bis hin zu An­ge­bo­ten in den Nie­der­lan­den und der Schweiz. Ins­ge­samt macht das knapp ein Drit­tel un­se­rer deut­schen Pro­duk­ti­on aus. Auch hö­her­prei­si­ge Pro­duk­te ha­ben ih­ren Markt. Ei­ne Ni­sche zwar, die aber von den je­wei­li­gen Kun­den- und Ver­brau­cher­grup­pen ho­no­riert wird. Wir ha­ben al­ler­dings ge­lernt, dass es Schmerz­gren­zen beim Preis gibt: Un­ser Wei­de­hähn­chen-An­ge­bot hat sich bei­spiels­wei­se nicht durch­ge­setzt. Das Pro­dukt war dop­pelt so teu­er wie das Hähn­chen aus kon­ven­tio­nel­ler Hal­tung. Da­für ist bis­lang kei­ne aus­rei­chen­de Nach­fra­ge da, ob­wohl die Tier­wohl­stan­dards sehr hoch sind. Und wir dür­fen nicht ver­ges­sen, dass vie­len Men­schen das Geld fehlt, um mehr aus­zu­ge­ben. Wir müs­sen je­dem ein An­ge­bot ma­chen kön­nen.

Der Bun­des­agrar­mi­nis­ter ar­bei­tet am staat­li­chen Tier­wohl­la­bel. Los geht’s mit den Schwei­nen. Was ist mit Ge­flü­gel? Eins vor­weg: Beim The­ma Hal­tungs­be­din­gun­gen ist die Ge­flü­gelbran­che wei­ter als die Schwei­ne­hal­tung. Wir wis­sen, dass nach dem Schwei­ne­fleisch auch für das Ge­flü­gel­fleisch ein staat­li­ches La­bel ent­ste­hen soll. Der­zeit liegt un­ser Fo­kus aber auf der Bran­chen­in­itia­ti­ve Tier­wohl. Hier steht nicht nur ein Kri­te­ri­en­ka­ta­log fest, der Hal­tungs­be­din­gun­gen ver­bes­sert. Es ist auch si­cher­ge­stellt, dass der hö­he­re Auf­wand der Land­wir­te ho­no­riert wird. In die­sem Fall durch ei­nen Fonds. Die­se Fra­ge ist bei­spiels­wei­se beim staat­li­chen La­bel un­ge­klärt.

Wird es sich denn durch­set­zen, zu­mal es frei­wil­lig ist?

Es dürf­te zu­min­dest ei­ne Her­aus­for­de­rung wer­den. Wün­schens­wert wä­ren eu­ro­pa­weit ein­heit­li­che Hal­tungs­stan­dards. Schon jetzt ist es in den meis­ten EU-Mit­glied­staa­ten in Hähn­chen­stäl­len vol­ler als in deut­schen Be­trie­ben. Das ist Wett­be­werbs­ver­zer­rung. Ein­heit­li­che Stan­dards, kom­bi­niert mit ei­nem ver­pflich­ten­den La­bel, das auch über die Her­kunft des Flei­sches Aus­kunft gibt – das wä­re et­was! Aber ich bin Rea­list ge­nug um zu er­ken­nen, dass sich das bei den vie­len un­ter­schied­li­chen In­ter­es­sen in Europa nicht so zü­gig um­set­zen lässt.

Sie bie­ten auch Veg­gie-Pro­duk­te an. Lohnt sich das für Sie?

Las­sen Sie es mich so sa­gen: ein schö­nes Zu­satz­ge­schäft für uns, mit dem wir auch Geld ver­die­nen. Mit ein­zel­nen Pro­duk­ten wie ei­ner Veg­gieB­rat­wurst oder ei­ner ve­ga­nen Ge­flü­gel­fleisch­wurst sind wir sehr er­folg­reich. Aber klar ist auch: Veg­gie-Pro­duk­te sind ei­ne Ni­sche. Ich ge­he da­von aus, dass sich da­mit fünf Pro­zent des Wurst­mark­tes in Deutsch­land ab­de­cken las­sen.

Aus den Rei­hen der CDU/CSU gibt es Be­stre­bun­gen, dass ve­ga­ne oder ve­ge­ta­ri­sche Pro­duk­te nicht län­ger Wurst oder Fleisch ge­nannt wer­den dür­fen …

Das Gan­ze soll­te man doch et­was ideo­lo­gie­frei­er be­trach­ten – auch sei­tens der Po­li­tik. Der Ver­brau­cher ist klug ge­nug zu er­ken­nen, dass ein Pro­dukt kein Fleisch ent­hält, wenn Veg­gie- oder Ve­gan- da­vor steht. Sol­len wir sol­che Pro­duk­te künf­tig als „To­fuK­lotz“ver­kau­fen? Das wird mar­ke­ting­tech­nisch schwer. Für mich ist das je­den­falls kein The­ma, und ich den­ke, der Ver­brau­cher sieht das auch so.

Wis­sen­schaft­ler und In­ves­to­ren ar­bei­ten am Fleisch aus der Pe­tri­scha­le. Macht Ih­nen das Angst?

Nein, ge­nau­so we­nig wie ein ver­meint­li­cher Ve­gan-Trend. Ich kann mir vor­stel­len, dass der­ar­ti­ges Fleisch ei­nen ge­wis­sen Markt­an­teil er­reicht, aber es wird den Markt wohl nicht kom­plett um­krem­peln. Wir be­ob­ach­ten das, um ent­spre­chen­de Ent­wick­lun­gen früh­zei­tig zu er­ken­nen. Ich schlie­ße da nichts aus. Gut mög­lich, dass wir ir­gend­wann ein­mal ein For­schungs­la­bor statt ei­nes Schlacht­hofs bau­en. Ir­gend­wann.

Ver­tei­digt die Ge­flü­gelbran­che ge­gen Kri­tik: Pe­ter Wes­jo­hann, Vor­stands­vor­sit­zen­der der PHW-Grup­pe. Fo­to: PHW-Grup­pe

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