Ge­wer­be­trei­ben­de ent­täuscht

Ban­gen und Hof­fen am Ber­li­ner Platz in Bü­ren

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Westfälische Tagespost - Von Vol­ker Po­ersch­ke

Die Lauf­kund­schaft ist fuß­faul in Bü­ren. Seit dort der Ber­li­ner Platz um­ge­stal­tet wird, kön­nen Kun­den nicht wie ge­wohnt mit dem Au­to bis vor die La­den­tü­ren fah­ren. Die Be­fürch­tun­gen der an­lie­gen­den Ge­wer­be­trei­ben­den, die Um­sät­ze könn­ten ein­bre­chen, schei­nen sich zu be­stä­ti­gen.

Seit knapp drei Wo­chen lau­fen die Bau­ar­bei­ten bei weit­ge­hen­der Sper­rung des Plat­zes. Zu­nächst ha­be es so aus­ge­se­hen, als sei al­les nicht so schlimm, sagt An­ke Marx, In­ha­be­rin der West­fa­len-Apo­the­ke. „Die ers­ten drei Ta­ge stimm­ten uns op­ti­mis­tisch.“Doch dann sei es von Tag zu Tag, von Wo­che zu Wo­che schlim­mer ge­wor­den. Es sind vor al­lem die Re­gen­ta­ge, die der Apo­the­ke­rin schlaf­lo­se Näch­te be­rei­ten. „So­bald es reg­net, kann ich mei­ne Mit­ar­bei­ter ei­gent­lich nach Hau­se schi­cken – da kommt kei­ner mehr“, sagt sie. „Wie hoch das Mi­nus ist, kann ich ganz genau erst nach zwei Mo­na­ten sa­gen, wenn al­le Abrech­nun­gen da sind“, er­klärt Marx. Un­ter­des­sen fragt sie sich je­den Tag und je­de Nacht, was sie tun soll.

Angst vor Per­so­nal­ab­bau

Der größ­te Kos­ten­fak­tor ei­ner Apo­the­ke sei das gut aus­ge­bil­de­te Fach­per­so­nal. „Ich hof­fe, dass wir das oh­ne Per­so­nal­ab­bau schaf­fen“, be­kräf­tigt Marx. Wen soll­te sie auch feu­ern? Ei­ne der bei­den al­lein­er­zie­hen­den Müt­ter, die auf ih­re Ar­beit zwin­gend an­ge­wie­sen sind? Oder doch lie­ber ei­ne der bei­den Mit­ar­bei­te­rin­nen, die be­reits zwölf Jah­re und län­ger mit Spaß und Ein­satz für die Kun­den und das Ge­schäft ar­bei­ten? Es müs­sen an­de­re Maß­nah­men her, um den Kun­den ent­ge­gen­zu­kom­men. So hat die West­fa­len-Apo­the­ke ih­ren Bring­dienst aus­ge­wei­tet. Kun­den kön­nen per Te­le­fon oder EMail be­stel­len. „Seit Neu­es­tem kann man uns auch über Whatsapp er­rei­chen“, sagt Marx. Ob die­se Maß­nah­men grei­fen, muss sich noch zei­gen. We­nig Nut­zen schreibt die Apo­the­ke­rin hin­ge­gen den un­ter­stüt­zen­den Maß­nah­men der Ge­mein­de zu. Die Par­k­erlaub­nis für Apo­the­ken­kun­den am Bren­dels­moor ma­che nur Sinn, wenn sie aus dem rück­wär­ti­gen Fens­ter ver­kau­fen wür­de – was sie auch an­ge­dacht hät­te, aber gar nicht nach­ge­fragt wer­de, sagt Marx. Und die An­zei­ge im Wo­chen­blatt der Ge­mein­de sei kaum wahr­ge­nom­men wor­den, ha­be auch eher wie ei­ne amt­li­che Mit­tei­lung und nicht wie ei­ne Wer­be­an­zei­ge ge­wirkt.

Das sieht auch San­dra Büch­ner, In­ha­be­rin des Ge­schäfts „Schrei­ben und Schen­ken“, so. Sie und ihr Mann In­go ha­ben be­reits Hin­weis­schil­der selbst ge­bas­telt, die auf die – wenn auch ein­ge­schränk­ten – Park­mög­lich­kei­ten un­mit­tel­bar am Platz und die An­ge­bo­te im Ge­schäft auf­merk­sam ma­chen. Aber: „Die ver­gan­ge­ne Wo­che war die schlech­tes­te, die wir seit sechs Mo­na­ten hat­ten“, sagt Büch­ner. Al­lei­ne beim Ta­bak­ver­kauf sei der Um­satz um knapp 50 Pro­zent ein­ge­bro­chen. „Die Kun­den sprin­gen halt eher bei der Tank­stel­le raus, um Zi­ga­ret­ten zu kau­fen, als hier erst nach ei­nem Park­platz zu su­chen“, meint In­go Büch­ner. Seit Bau­be­ginn, schät­zen er und sei­ne Frau, sei der Um­satz ins­ge­samt um 20 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen. Das kön­ne na­tür­lich auch nur ei­ne Mo­ment­auf­nah­me sein, ver­su­chen sie nicht schwarz­zu­se­hen. Auf­ge­ben je­den­falls kommt für die jun­gen Un­ter­neh­mer nicht in­fra­ge. Dann eher zeit­wei­se schlie­ßen, wenn eh nichts los ist.

Kaum et­was rührt sich an die­sem son­ni­gen Tag bei „Blu­men und Ter­ras­se“. La­den­in­ha­ber Mar­tin Ha­ver­kamp nutzt die Ru­he, um sei­ne Beet- und Bal­kon­pflan­zen vor dem Ge­schäft zu­recht­zu­rü­cken und ih­nen et­was Was­ser zu spen­den. Seit 1993 ist er mit sei­nem Blu­men­ge­schäft am Platz. „Aber so et­was ha­be ich noch nie er­lebt“, sagt Ha­ver­kamp. Die Eis­hei­li­gen sind vor­bei, das Wet­ter könn­te schö­ner nicht sein. Und den­noch: „Kei­ne ein­zi­ge Beet­pflan­ze ha­be ich heu­te ver­kauft“, lässt er sei­nen Blick fast schon re­si­gnie­rend über die Kis­te mit Husa­ren­knöpf­chen schwei­fen. Es fällt ihm schwer, den Kopf nicht hän­gen zu las­sen. „Ich ha­be mich schon ge­nug auf­ge­regt“, sagt Ha­ver­kamp.

Kri­tik an Ver­wal­tung

Das, was die Ge­wer­be­trei­ben­den auf die Pal­me bringt, ist das Ver­hal­ten der Ver­wal­tung. In al­len An­woh­ner- und Bür­ger­ver­samm­lun­gen, Ein­woh­ner­fra­ge­stun­den und Aus­schuss­sit­zun­gen ha­be es ge­hei­ßen, der Ber­li­ner Platz wer­de nicht mo­na­te­lang ge­sperrt, son­dern ab­schnitts­wei­se um­ge­stal­tet, die Er­reich­bar­keit der Ge­schäf­te blei­be auch wäh­rend der Ar­bei­ten ge­währ­leis­tet. Das sei von der Pla­ne­rin an­ge­sichts des zur Ver­fü­gung ste­hen­den Bau­rau­mes viel­leicht et­was zu op­ti­mis­tisch ge­we­sen, räumt Bau­amts­lei­te­rin As­trid Hick­mann ein. Man ha­be sich bei Aus­schrei­bung und Ver­ga­be des Auf­trags be­müht, vor al­lem die Bau­zeit so kurz wie mög­lich zu hal­ten. Auch der Kos­ten­rah­men war mit 390 000 Eu­ro vor­ge­ge­ben. Um die­se Vor­ga­ben zu hal­ten, sei man schließ­lich zur jet­zi­gen Bau­aus­füh­rung ge­kom­men. Man sei zu der Über­zeu­gung ge­langt, dass ei­ne kur­ze Voll­sper­rung ei­ner lan­gen Ein­schrän­kung vor­zu­zie­hen sei. „Das hät­te in der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Ge­wer­be­trei­ben­den viel­leicht deut­li­cher ge­macht wer­den sol­len“, be­dau­ert Hick­mann. Die­se er­fuh­ren von der Voll­sper­rung erst zwei Wo­chen vor Bau­be­ginn durch die üb­li­che Vo­rab­in­for­ma­ti­on des Bau­un­ter­neh­mers.

„Viel­leicht geht ja auch al­les gut“, sa­gen In­go Büch­ner und An­ke Marx. Dann woll­ten sie auch gar kei­nen Stress ma­chen. Ein we­nig mehr Trans­pa­renz und Ent­ge­gen­kom­men von­sei­ten der Ge­mein­de hät­ten sie sich den­noch ge­wünscht. Und falls es für sie doch exis­ten­zi­ell wer­de, müss­ten auch Re­gress­an­sprü­che ge­prüft wer­den. Bür­ger­meis­ter Rai­ner Lam­mers gab sich in die­sem Punkt auf Nach­fra­ge we­nig op­ti­mis­tisch: „Für die Über­nah­me von Ein­nah­me­aus­fäl­len se­he ich kei­ne Rechts­grund­la­ge“, sagt er. Aber man wer­de das prü­fen und hof­fe, dass durch die Um­ge­stal­tung des Plat­zes mehr Kun­den an­ge­lockt und so Um­satz­ein­bu­ßen aus­ge­gli­chen wer­den kön­nen.

Der Um­bau des Ber­li­ner Plat­zes in Bü­ren läuft seit knapp drei Wo­chen auf Hoch­tou­ren, und die Ar­bei­ten lie­gen voll im Zeit­plan. Zum Leid­we­sen der an­lie­gen­den Ge­wer­be­trei­ben­den wie Apo­the­ke­rin An­ke Marx und Blu­men­la­den­in­ha­ber Mar­tin Ha­ver­kamp ist der Platz für den Um­bau bis En­de Ju­li fast kom­plett ge­sperrt. Fo­to: Vol­ker Po­ersch­ke

Mit selbst ge­schrie­be­nen Hin­weis­schil­dern macht „Schrei­ben und Schen­ken“auf sei­ne An­ge­bo­te auf­merk­sam.

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