„Kis­te Cam­pa­ri vom HSV-Spon­sor“

Ein­tracht-Le­gen­de „Char­ly“Kör­bel ge­wann je­des End­spiel und glaubt an Frank­furt

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Er stand mit Ein­tracht Frank­furt in vier DFB-Po­kal-End­spie­len – und ge­wann vier­mal. Gibt es ei­nen bes­se­ren Zeit­punkt, um mit Bun­des­li­ga-Re­kord­spie­ler „Char­ly“Kör­bel zu plau­dern?

Von Udo Mu­ras

Herr Kör­bel, der BVB ist kla­rer Fa­vo­rit, oder?

Ich bin froh, ge­gen Dort­mund zu spie­len und nicht ge­gen die Bay­ern. Die kön­nen sich im­mer auf so ein wich­ti­ges Spiel fo­kus­sie­ren, das ist de­ren Men­ta­li­tät. Dort­mund da­ge­gen hat ei­ne schwar­ze Se­rie, die letz­ten drei End­spie­le ver­lo­ren, mit Cham­pi­ons League so­gar vier. Und un­se­re Mann­schaft wie­der­um hat das Ge­fühl, ge­gen Dort­mund gut aus­se­hen zu kön­nen. Wir ha­ben sie zu Hau­se ge­schla­gen, auch in Dort­mund gut mit­ge­hal­ten. Au­ßer­dem: Nicht nur der Po­kal hat sei­ne ei­ge­nen Ge­set­ze, das End­spiel auch.

Sie müs­sen es wis­sen, ha­ben ja vier er­lebt.

Al­so grund­sätz­lich ist ein Po­ka­l­end­spiel et­was Au­ßer­ge­wöhn­li­ches – so was wie Wim­ble­don im Ten­nis. Es ist was ganz Gro­ßes, die Ab­läu­fe sind to­tal an­ders als vor ei­nem Bun­des­li­ga­spiel. Man wech­selt noch mal das Ho­tel vor­her, die gan­zen Spon­so­ren und VIPs, die al­le schon frei­tags da sind, und die vie­len Fans, die sich auf den Weg ma­chen. Wirk­lich, kein Ver­gleich zum All­tag. Und es bleibt dir. Es kommt heu­te im­mer noch vor, je nach Si­tua­ti­on, dass be­stimm­te Mo­men­te der End­spie­le wie ein Film vor mei­nem geis­ti­gen Au­ge ab­lau­fen. Und am knapps­ten wa­ren die Sie­ge in den bei­den Fi­nals, in de­nen wir kla­rer Fa­vo­rit wa­ren.

Gibt’s ei­nen Fa­vo­ri­ten in Ih­rer per­sön­li­chen Lis­te? Na­tür­lich war der ers­te Sieg 1974 in Düs­sel­dorf ge­gen den HSV nach Ver­län­ge­rung schon was ganz Tol­les (3:1). We­gen der WM fand es erst im Au­gust stand. Ich weiß noch, wie Gert Trin­klein, un­ser Li­be­ro, mit ei­nem So­lo das 1:0 er­zielt hat, ob­wohl Trai­ner Dietrich Wei­se ihm ver­bo­ten hat­te, über die Mit­tel­li­nie zu ge­hen. Und hin­ter­her gab’ s Är­ger mit un­se­rem Spon­sor Re­ming­ton, weil ei­ni­ge die Tri­kots ge­tauscht hat­ten und Ka­pi­tän Jür­gen Gr­a­bow­ski den Po­kal so­zu­sa­gen mit der fal­schen Wer­bung ent­ge­gen­ge­nom­men 1974: 3:1 nach Ver­län­ge­rung ge­gen den HSV. Kör­bel hat den Po­kal, Gr­a­bow­ski ein fal­sches Tri­kot… 1981: Nach dem 3:1 ge­gen den 1. FC Kai­sers­lau­tern ge­nießt Kör­bel sei­nen drit­ten Po­kal­sieg.

hat. Das Fo­to war in al­len Zei­tun­gen, klar. HSV-Spon­sor Cam­pa­ri war es recht, er hat uns ei­ne Kis­te sei­ner Er­zeug­nis­se ge­schickt. Da­mals war die Tri­kot­wer­bung ge­ra­de erst er­laubt, kei­ner hat das be­dacht. Heu­te krie­gen die Spie­ler das ja ein­ge­trich­tert und dre­hen die ge­tausch­ten Tri­kots im­mer gleich um.

Ganz schön lehr­reich, so ein Po­kal­fi­na­le für ei­nen jun­gen Kerl.

Ich war ja erst 19 und hat­te auch kei­ne Ah­nung, dass ich das Ding vier­mal ge­win­nen wür­de. Ich bin da so rein­ge­wach­sen. Es hat mich auch kei­ner dar­auf auf­merk­sam ge­macht, dass das was ganz Be­son­de­res ist, es war ja für al­le im Ver­ein Neu­land. Aber mit 20 hat­te ich den Po­kal schon wie­der in der Hand…

Die Re­gen­schlacht von Han­no­ver ge­gen den MSV Duis­burg ha­ben Sie ent­schie­den. Ihr Tor zum 1:0 war der End­stand. Stimmt es, dass Trai­ner Dietrich Wei­se Ih­nen das Tor qua­si be­foh­len hat­te? 1975: Ge­gen den MSV Duis­burg schießt Kör­bel das Tor zum 1:0-Sieg. Bei der Sie­ger­eh­rung ist er nah an „Käpt’n“Gra­bi. 1988: Er­leb­nis Ber­lin – Kör­bel fei­ert den Sieg ge­gen den VfL Bochum mit Trai­ner „Kal­li“Feld­kamp.

Ja, in der Halb­zeit gab es neue In­struk­tio­nen. Da die Duis­bur­ger über­ra­schend mei­nen ver­meint­li­chen Ge­gen­spie­ler Ronny Worm auf un­se­ren Jür­gen Gr­a­bow­ski an­ge­setzt hat­ten, hat Wei­se zu mir ge­sagt: „Na gut, dann schie­ßen Sie halt das Tor, Char­ly!“Das ist mir dann prompt ge­lun­gen – mit dem schwa­chen lin­ken Fuß auch noch. Wei­se war mein Glück, er hat mir von An­fang an ver­traut. Nur nach die­sem Fi­na­le war er sau­er auf mich.

War­um das denn? Auf den Hel­den des Ta­ges?

Ich durf­te so­gar ne­ben ihm am Vor­stands­tisch sit­zen, so weit war al­les gut. Aber dann ka­men ein paar äl­te­re Spie­ler – ich glau­be Gert Trin­klein war da­bei – und ver­teil­ten Zi­gar­ren. Ich als über­zeug­ter Nicht­rau­cher muss­te not­ge­drun­gen auch mit­ma­chen. Wei­se sah das – und da er­hielt ich die größ­te Abrei­bung mei­nes Le­bens. We­der mei­ne Frau, mei­ne El­tern noch ir­gend­ein Leh­rer ha­ben mich je so zu­sam­men­ge­fal­tet. Er war halt ent­täuscht,

weil das nicht zu mir pass­te. Mei­ne Freu­de war leicht ge­trübt – trotz des Po­kal­siegs.

Zum Glück hat er Ih­nen nicht die Prä­mie von 15 000 DM ge­kürzt.

Hät­te er tat­säch­lich kön­nen. Wei­se war da­mals Trai­ner und Ma­na­ger. Es gab un­ter ihm nie Ver­hand­lun­gen über Prä­mi­en, er hat das fest­ge­setzt und so war es dann, wenn auch man­che mal lei­se ge­mault ha­ben.

Vier End­spie­le – laut Chro­ni­ken wa­ren sie al­le gut. Wel­ches war das sport­lich bes­te?

Al­so von der Leis­tung her si­cher das Fi­na­le 1981 in Stutt­gart ge­gen Kai­sers­lau­tern. Mit Ab­stand. Wir ha­ben schon zur Pau­se 2:0 ge­führt und groß auf­ge­spielt. Neu­lich ha­be ich erst wie­der un­se­ren ko­rea­ni­schen Wun­der­stür­mer Bum-kun Cha ge­trof­fen. Als Ers­tes sagt der: „Weißt du noch, in Stutt­gart?“Da­bei hat uns Trai­ner Lothar Buch­mann noch am Don­ners­tag vor dem Fi­na­le in der Sport­schu­le Er­bis­müh­le mehr­mals den 400 Me­ter ho­hen Ski­hang rauf­ge­jagt. Bis Bernd Ni­ckel und Bernd Höl­zen­bein ihn ge­fragt ha­ben, ob er ei­gent­lich wüss­te, dass wir Sams­tag noch ein wich­ti­ges Spiel ha­ben. Es war eben sei­ne Art, Rei­ze zu set­zen, und der Er­folg gab ihm recht. Im­mer wenn ich an der Er­bis­müh­le vor­bei­fah­re, muss ich dar­an den­ken.

Sie­ben Jah­re spä­ter folg­te der vier­te und letz­te Streich.

Und auch der hat­te was Be­son­de­res für mich. Erst­mals war ich Ka­pi­tän, und erst­mals durf­te ich das Fi­na­le in Ber­lin spie­len. Da­mals gab es noch kei­nen Kon­fet­ti­re­gen auf dem Ra­sen, wir muss­ten, ka­putt wie wir wa­ren, noch hun­dert Stu­fen hoch. Han­sDietrich Gen­scher gab mir den Po­kal, das ver­ges­se ich nie. At­mo­sphä­risch war Ber­lin 1988 schon das Bes­te. Ich bin wirk­lich froh, dass ich das noch er­le­ben durf­te, und sehr da­für, dass man das Fi­na­le nie wie­der aus Ber­lin weg­ge­ben darf.

In Er­in­ne­rung blieb von dem Spiel ge­gen Bochum ei­gent­lich nur das Frei­stoß-Tor von La­jos De­ta­ri, der noch in der Nacht nach Grie­chen­land ver­kauft wur­de.

Ja, die De­ta­ri-Mil­lio­nen su­chen wir ja heu­te noch, die müs­sen noch in der Tief­ga­ra­ge des Ho­tels lie­gen… De­ta­ri war ei­ne Art von Spie­ler, die wir auch jetzt wie­der brau­chen. Die das Be­son­de­re ma­chen, die in ei­nem sol­chen Fi­na­le die Ru­he ha­ben und das Zu­trau­en. Vor dem Spiel, wir wa­ren Zim­mer­part­ner, ging er mir auf den Geist. „Ich ma­che heu­te das ent­schei­den­de Tor“– und das in ei­ner Tour. Ich hab ihn dann an­ge­pflaumt: „Mensch, Pa­pri­ka, gib Ru­he. Ich will schla­fen!“Aber dann hat er das Tor ge­gen Bochum ge­macht. Ich hof­fe, Alex Mei­er ei­fert ihm nach. Er ist der­je­ni­ge in un­se­rer Mann­schaft, der das Be­son­de­re hat. Vor ihm ha­ben auch Dort­mun­der Re­spekt.

Frank­furt fei­ert sei­ne Hel­den ge­wöhn­lich auf dem Rö­mer. Auch am kom­men­den Sonn­tag, egal wie es aus­geht. Wie fin­den Sie das?

Es ist na­tür­lich ei­ne su­per Sa­che, sich auch noch mal bei den Fans zu be­dan­ken. Aber auf dem Rö­mer zu ste­hen oh­ne Po­kal, das ist ir­gend­wie nichts. Wenn schon, dann muss der Po­kal auch da­bei sein – so wie bei uns da­mals.

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