Der „Spi­on“, der in der Cess­na kam

Der 18-jäh­ri­ge Ma­thi­as Rust lan­de­te vor 30 Jah­ren na­he dem Ro­ten Platz

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Weltspiegel -

Vor 30 Jah­ren sorgt der Deut­sche Ma­thi­as Rust für welt­wei­tes Auf­se­hen: Der 18-Jäh­ri­ge lan­det mit sei­nem Klein­flug­zeug im Her­zen der So­wjet­uni­on. Für vie­le ist es ei­ne Hel­den­ge­schich­te, für an­de­re be­deu­tet sie das En­de ih­rer Kar­rie­re.

MOS­KAU. Halb mit Be­wun­de­rung und doch noch im­mer mit ei­nem Kopf­schüt­teln. Auch 30 Jah­re nach der spek­ta­ku­lä­ren Lan­dung des Deut­schen Ma­thi­as Rust in der Nä­he des Ro­ten Plat­zes in Mos­kau stau­nen die Men­schen im­mer noch: Wie schaff­te der Te­enager die­sen Flug, ganz al­lei­ne, ein­mal über den Ei­ser­nen Vor­hang hin­weg, Hun­der­te Ki­lo­me­ter ins Herz der So­wjet­uni­on hin­ein?

Den Bil­dern sieht man ih­re Trag­wei­te nicht an: Ein ein­mo­to­ri­ges Klein­flug­zeug lan­det am 28. Mai 1987 ge­mäch­lich ge­gen 18 Uhr in der Mos­kau­er In­nen­stadt, nur ein paar Me­ter vom Kreml ent­fernt. Die Men­schen schau­en fas­zi­niert, et­was un­gläu­big. Dann steigt der schlak­si­ge 18-Jäh­ri­ge aus der Cess­na, plau­dert mit Pas­san­ten und wird erst nach zwei St­un­den vom so­wje­ti­schen Ge­heim­dienst mit­ge­nom­men. Dass er ge­ra­de ei­ne Staats­kri­se aus­ge­löst hat, scheint Rust nicht zu küm­mern. „Wenn ich ge­wusst hät­te, was sich dar­aus ent­wi­ckelt – ich wür­de es nicht noch mal wa­gen“, sagt er vor ein paar Jah­ren.

Bis heu­te ran­ken sich My­then und Spe­ku­la­tio­nen um den Flug. Die rus­si­sche Wo­chen­zei­tung „Ar­gu­men­ty i Fak­ty“schreibt, dass mit der Ak­ti­on der Par­tei­ka­der ge­schwächt wer­den soll­te. An­de­re sind sich si­cher, dass der Deut­sche als Spi­on ein­ge­setzt wur­de. Rust selbst be­zeich­ne­te sei­nen Aus­flug in der Öf­fent­lich­keit als Frie­dens­mis­si­on, er woll­te ei­ne Brü­cke zwi­schen Ost und West schla­gen.

Fakt ist: Die Rei­se von Ma­thi­as Rust war in Zei­ten des Kal­ten Krie­ges ei­ne Welt­sen­sa­ti­on. Denn mit der­art ein­fa­chen Mit­teln war es noch nie­man­dem zu­vor ge­lun­gen, die schein­bar un­über­wind­ba­re Luft­ab­wehr der So­wjet­ar­mee

zu un­ter­flie­gen. Rusts Rou­te ist kom­pli­ziert: Na­he Ham­burg fliegt er los, zu­nächst über die Shet­land-In­seln nach Is­land, dann nach Nor­we­gen und schließ­lich nach Finn­land. Von Hel­sin­ki aus star­tet er dann in die So­wjet­uni­on. Dort folgt er mit sei­nem Klein­flug­zeug rund 700 Ki­lo­me­ter den Ei­sen­bahn­schie­nen in Rich­tung Mos­kau – oh­ne von so­wje­ti­schen Jets ab­ge­schos­sen zu wer­den.

Dank ei­ner un­glaub­li­chen Ket­te von Pan­nen beim Mi­li­tär kann Rust sei­ne rund fünf St­un­den lan­ge Etap­pe pro­blem­los fort­set­zen: In Est­land

wird die Cess­na erst mit Ver­spä­tung ge­mel­det. Die Be­am­ten ent­schei­den, ihn ein­fach wei­ter­flie­gen zu las­sen. Dann wird das Klein­flug­zeug zwi­schen­zeit­lich für ein Wet­ter­phä­no­men ge­hal­ten. Zu­dem ist kurz zu­vor ein Mi­li­tär­flug­zeug auf der Stre­cke ab­ge­stürzt, die Ein­satz­kräf­te sind noch mit den Auf­räum­ar­bei­ten be­schäf­tigt.

„Na­tür­lich hat er die so­wje­ti­sche Ar­mee und den Staat in ei­ne lä­cher­li­che La­ge ge­bracht“, sagt der Schrift­stel­ler Wla­di­mir Ka­mi­ner („Rus­sen­dis­ko“). Ka­mi­ner leis­tet genau zu die­sem Zeit­punkt sei­nen

Wehr­dienst bei der so­wje­ti­schen Ra­ke­ten­ab­wehr. Als Fun­ker er­lebt der heu­ti­ge Wahl-Ber­li­ner den Flug haut­nah mit, als Rust durch al­le Ver­tei­di­gungs­rin­ge bis nach Mos­kau vor­dringt. Für Ka­mi­ner und für vie­le Rus­sen ist Rust noch im­mer ein Held.

Par­tei­chef Mich­ail Gor­bat­schow, der aus­ge­rech­net in je­nen St­un­den den Kol­le­gen des War­schau­er Pakts in Ost-Ber­lin sei­nen Re­form­kurs ver­kün­det, nutzt die Si­tua­ti­on, um sich der Hard­li­ner in der Ar­mee und Geg­ner sei­ner Pe­re­s­troi­ka-Re­for­men zu ent­le­di­gen. Als Kon­se­quenz

der Bla­ma­ge ver­lie­ren meh­re­re Hun­dert Mi­li­tärs ih­ren Job, un­ter an­de­ren auch der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Ser­gej So­ko­low.

Doch auch für Rust nimmt der Aus­flug zu­nächst kein gu­tes En­de: We­gen il­le­ga­len Grenz­über­tritts und Row­dy­tums wird er zu vier Jah­ren Ar­beits­la­ger ver­ur­teilt. Er ver­bringt je­doch sei­ne Zeit in ei­nem Ge­fäng­nis in Mos­kau und wird be­reits im Som­mer 1988 be­gna­digt.

In den Jah­ren da­nach fin­det Rust kei­ne Ru­he. In Deutsch­land steht er we­gen meh­re­rer De­lik­te vor Ge­richt, spä­ter soll er als Po­ker­spie­ler er­folg­reich ge­we­sen sein. Be­rich­te kur­sie­ren, dass er in Ham­burg in ei­nem Yo­ga-Stu­dio ge­ar­bei­tet ha­be. An­ders­wo heißt es, er sei als Fi­nanz­be­ra­ter in der Schweiz und in Est­land ak­tiv.

Die ein­mo­to­ri­ge Cess­na hat in­zwi­schen ei­nen Platz im Mu­se­um be­kom­men: Seit ei­ni­gen Jah­ren ist sie im Deut­schen Tech­nik­mu­se­um in Ber­lin aus­ge­stellt.

Fo­tos: imago/ITAR-TASS/dpa

West­be­such: Die ein­mo­to­ri­ge Cess­na des Deut­schen Ma­thi­as Rust (klei­nes Bild) steht im Mai 1987 vor den Mau­ern des Kreml in Mos­kau. Die Ak­ti­on hat­te weit­rei­chen­de Fol­gen.

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