Was be­deu­tet ei­gent­lich Ra­ma­dan?

Heu­te be­gin­nen für die Mus­li­me vier ent­beh­rungs­rei­che Wo­chen – Fas­ten­mo­nat en­det am 24. Ju­ni

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen -

Ab Sams­tag wird ein gu­ter Teil der knapp fünf Mil­lio­nen Mus­li­me in Deutsch­land rund vier Wo­chen lang fas­ten. Der Ra­ma­dan dau­ert in die­sem Jahr bis zum 24. Ju­ni. Doch was be­deu­tet ei­gent­lich Ra­ma­dan? Die fünf wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten.

KNA BONN. Der Ra­ma­dan ist der neun­te Mo­nat im is­la­mi­schen Ka­len­der. Sein Na­me kommt aus dem Ara­bi­schen. Er lei­tet sich aus der Wur­zel „ra­mi­da“ab und steht für „bren­nen­de Hit­ze und Tro­cken­heit“. Nach is­la­mi­scher Über­zeu­gung wur­de dem Pro­phe­ten Mo­ham­med in die­sem Mo­nat der Koran ge­of­fen­bart. Im Ra­ma­dan fas­ten gläu­bi­ge Mus­li­me. Die „bren­nen­de Hit­ze“soll nicht auf die Jah­res­zeit, son­dern auf das Ge­fühl im Ma­gen des Fas­ten­den ver­wei­sen. Das Fas­ten („Saum“) ge­hört ne­ben dem Glau­bens­be­kennt­nis („Scha­ha­da“), dem täg­lich fünf­ma­li­gen Ge­bet („Sa­lat“), der Al­mo­sen­steu­er („Za­kat“) und der Pil­ger­fahrt nach Mek­ka („Hadsch“) zu den fünf so­ge­nann­ten Säu­len des Is­lam.

Für wen gilt das Fas­ten­ge­bot, und was hat ein gläu­bi­ger Mus­lim da­bei zu be­ach­ten? Das Fas­ten­ge­bot gilt für al­le Mus­li­me ab der Re­li­gi­ons­mün­dig­keit, was dem Al­ter von et­wa 14 Jah­ren ent­spricht. Maß­geb­lich sind die Ver­se 183 bis 185 von Su­re 2. Die­se Kor­an­pas­sa­ge be­ginnt mit den Wor­ten: „Ihr Gläu­bi­gen! Euch ist vor­ge­schrie­ben zu fas­ten, so wie es auch den­je­ni­gen, die vor euch leb­ten, vor­ge­schrie­ben wor­den ist.“Zwi­schen dem Be­ginn der Mor­gen­däm­me­rung und dem Son­nen­un­ter­gang ist

Mus­li­men Es­sen, Trin­ken, Rau­chen und Ge­schlechts­ver­kehr un­ter­sagt. Mit dem „If­tar“, dem ge­mein­sa­men Abend­es­sen, wird das Fas­ten täg­lich be­en­det. An den Ra­ma­dan schließt sich das drei­tä­gi­ge Fest des Fas­ten­bre­chens, ara­bisch „‘ Id al Fitr“, an. Im Tür­ki­schen heißt das Fest „ra­ma­zan bay­ram“(„Ra­ma­dan­fest“). Aus­ge­nom­men vom Fas­ten­ge­bot sind Kin­der, Al­te, Kran­ke, Schwan­ge­re und Rei­sen­de.

War­um ver­schiebt sich der Ra­ma­dan von Jahr zu

Jahr? Die is­la­mi­sche Ka­len­der­rech­nung ori­en­tiert sich an­ders als der im Wes­ten ge­bräuch­li­che gre­go­ria­ni­sche Ka­len­der am Mond und nicht an der Son­ne. Dem­nach hat das Jahr nur rund 354 und nicht 364 Ta­ge. So kommt es, dass der Ra­ma­dan zwar im­mer rund 30 Ta­ge dau­ert, aber je­des Jahr um et­wa 11 Ta­ge nach vorn wan­dert.

Wie bli­cken Mus­li­me heu­te auf den Ra­ma­dan? Der Fas­ten­mo­nat hat im is­la­mi­schen Glau­ben zwar ei­nen ho­hen Stel­len­wert, bie­tet

aber zu­gleich Stoff für Kon­tro­ver­sen, auch in­ner­halb der mus­li­mi­schen Ge­mein­schaft. Das fängt mit sei­ner ter­min­li­chen Fest­le­gung an, die auf­grund un­ter­schied­li­cher Be­rech­nungs­grund­la­gen nicht ein­heit­lich ist. In Deutsch­land fol­gen die gro­ßen Is­lam­ver­bän­de seit 2008 den Vor­ga­ben der Or­ga­ni­sa­ti­on für Is­la­mi­sche Zu­sam­men­ar­beit (OIC).

Mus­li­me, die in Skan­di­na­vi­en am Po­lar­kreis le­ben, ori­en­tie­ren sich im Som­mer, wenn die Son­ne prak­tisch nicht un­ter­geht, zu­meist an den Zei­ten im sau­di-ara­bi­schen Mek­ka oder der Tür­kei.

Vie­le Mus­li­me emp­fin­den die Fas­ten­zeit als ei­ne Zeit der Rei­ni­gung. Aber der Ver­zicht auf Was­ser und Nah­rung wäh­rend des Ta­ges scheint nicht je­dem gut zu be­kom­men. So häu­fen sich in Sau­di-Ara­bi­en zu die­ser Zeit Me­dien­be­rich­ten zu­fol­ge Un­fäl­le im Haus­halt und im Stra­ßen­ver­kehr, weil die Men­schen mü­de und über­reizt sind.

Der His­to­ri­ker und Kon­sum­for­scher Frank Trent­mann hat in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ne Kom­mer­zia­li­sie­rung des abend­li­chen Fas­ten­bre­chens be­ob­ach­tet. Nach Son­nen­un­ter­gang im Ra­ma­dan sei­en die Shop­ping-Malls in is­la­mi­schen Län­dern be­son­ders gut be­sucht.

Fas­ten – gibt es das auch in an­de­ren Re­li­gio­nen? Fas­ten ist kein Al­lein­stel­lungs­merk­mal des Is­lam. Im Chris­ten­tum dau­ert die Fas­ten­zeit von Ascher­mitt­woch bis Os­tern. Der Er­in­ne­rung an den Tod und die Au­fer­ste­hung Je­su sol­len 40 Ta­ge der Bu­ße und Rei­ni­gung vor­an­ge­hen. Frü­her wur­de auch in den Wo­chen vor dem Weih­nachts­fest, in der Ad­vents­zeit, ge­fas­tet, um sich auf das Fest der Ge­burt Je­su vor­zu­be­rei­ten. In der or­tho­do­xen Kir­chen ist das auch heu­te noch weit ver­brei­tet.

Die Ju­den ken­nen meh­re­re Fas­ten­ta­ge, der be­deu­tends­te ist Jom Kip­pur im Sep­tem­ber oder Ok­to­ber. Die Tra­di­ti­on geht ver­mut­lich auf die Zeit des jü­di­schen Vol­kes im ba­by­lo­ni­schen Exil im 6. Jahr­hun­dert vor Chris­tus zu­rück.

Auch die Bud­dhis­ten ken­nen meh­re­re Fas­ten­ta­ge, dar­un­ter das Ves­akh-Fest am ers­ten Voll­mond­tag im Mai oder Ju­ni. Dann wird der Ge­burt, des To­des und der Er­leuch­tung Bud­dhas ge­dacht.

Ei­ne ex­tre­me Form des Fas­tens ist das so­ge­nann­te Prayo­pa­ve­sa im Hin­du­is­mus. Bei die­sem Ri­tu­al wird der Tod durch den kom­plet­ten Ver­zicht auf Nah­rung in Kauf ge­nom­men. Das Prayo­pa­ve­sa ist der hin­du­is­ti­schen Leh­re zu­fol­ge le­dig­lich Men­schen vor­be­hal­ten, die kei­ne Ver­pflich­tun­gen und Wün­sche an das Le­ben mehr ha­ben. Ex­per­ten ver­glei­chen die­se Pra­xis mit dem Ster­be­fas­ten von Schwer­kran­ken.

Kurz vor Be­ginn des Ra­ma­dan ist die­ser Markt im li­by­schen Tri­po­lis gut be­sucht. Fo­to: AFP

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.