Wie ein of­fe­nes Buch

„Kämp­fen“ist der letz­te Band der Ro­m­an­rei­he von Karl Ove Kn­aus­gård – Ent­blö­ßung ei­ner Fa­mi­lie

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

Karl Ove Kn­aus­gård hat sein Le­ben in sechs au­to­bio­gra­fi­schen Ro­ma­nen auf­ge­schrie­ben und wur­de welt­weit be­rühmt. Im letz­ten Teil der Rei­he re­flek­tiert er, wel­chen Preis er da­für ge­zahlt hat. Und er er­klärt, wie­so er sich und sei­ne Fa­mi­lie so ent­blößt hat.

dpa BER­LIN. Karl Ove Kn­aus­gård (48) kennt in Skan­di­na­vi­en un­ge­fähr je­der. Die Men­schen wis­sen, dass er sich oft ein we­nig un­wohl fühlt, wenn er sei­ne Kin­der nach dem Ba­den ab­trock­net und dass sei­ne Ehe­frau ei­ne bi­po­la­re Stö­rung hat. Sie wis­sen, dass Kn­aus­gård manch­mal trinkt, bis er al­les ver­gisst, und sie wis­sen, dass sein Va­ter sich zu To­de ge­trun­ken hat. Au­ßer­halb von Skan­di­na­vi­en wis­sen das auch ziem­lich vie­le Men­schen – Kn­aus­gårds au­to­bio­gra­fi­sches Ro­man­pro­jekt von sechs Bän­den, in de­nen er all das auf­ge­schrie­ben hat, wur­de in rund 30 Spra­chen über­setzt. Nun ist in Deutsch­land der letz­te Band er­schie­nen. „Kämp­fen“zeigt, was die Ver­öf­fent­li­chung mit ihm und sei­ner Fa­mi­lie ge­macht hat.

Kn­aus­gård schreibt sein Le­ben auf – und zwar ra­di­kal. Al­le Men­schen, mit de­nen er zu tun hat­te, tau­chen mit ih­ren rich­ti­gen Na­men auf, je­der, um den es geht, soll das

Werk vor der Ver­öf­fent­li­chung le­sen. An die­sem Punkt be­ginnt „Kämp­fen“. Den ers­ten Band, der den Tod sei­nes Va­ters be­han­delt, hat er ge­ra­de den Men­schen ge­schickt, die er be­trifft. Nun hat Kn­aus­gård Angst. Wie fal­len die Re­ak­tio­nen aus? Sein Bru­der Yng­ve re­agiert gut („Es geht um dich, nicht

um mich.“), sein On­kel Gun­nar ras­tet aus. Er be­schimpft den Nef­fen aufs Übels­te, droht mit Klage.

Zur Er­in­ne­rung: Kn­aus­gård hat wirk­lich al­les auf­ge­schrie­ben. In „Ster­ben“be­schreibt er das Ver­hält­nis zu sei­nem Va­ter bis zu des­sen Al­ko­hol­tod und wie er schon als Kind un­ter des­sen Lau­nen

litt. „Lie­ben“, der zwei­te Band, wid­met sich dem gan­zen Wahn­sinn ei­nes All­tags, den ein Paar mit klei­nen Kin­dern hat, und der in­ten­si­ven Be­zie­hung zu sei­ner zwei­ten Ehe­frau Lin­da. „Spie­len“und „Le­ben“, Band 3 und 4, zeich­nen Kn­aus­gårds Kind­heit und Ju­gend nach – von Hän­se­lei­en im Schwimm­un­ter­richt über

die Pein vor­zei­ti­ger Sa­men­er­güs­se und Al­ko­hol­ex­zes­se bis zum ers­ten Sex auf ei­nem Rock­fes­ti­val. „Träu­men“schließ­lich han­delt von Kn­aus­gårds Zeit in Ber­gen, wo er sich als jun­ger Schrift­stel­ler ver­sucht und sei­ne ers­te Ehe schließt. Er en­det mit dem Bruch die­ser Be­zie­hung.

Kn­aus­gård schreibt: „Es schmerzt, wenn kei­ne Rück­sicht ge­nom­men wird, und es schmerzt, kei­ne Rück­sicht zu neh­men. Die­ser Ro­man hat al­len in mei­ner Um­ge­bung weh­ge­tan, und er hat mir weh­ge­tan, und in ei­ni­gen Jah­ren, wenn sie groß ge­nug sind, um ihn zu le­sen, wird er mei­nen Kin­dern weh­tun.“Aber war­um hat er es dann ge­tan? Noch be­vor man die­se Fra­ge stel­len kann, stellt Kn­aus­gård sie selbst im­mer wie­der. „Die Wahr­heit war, dass ich nichts zu ver­lie­ren hat­te, als ich mich hin­setz­te, um den Ro­man zu schrei­ben. Des­halb schrieb ich ihn. Ich war nicht nur frus­triert, ich war un­glück­lich, so un­glück­lich, wie ich es nie zu­vor im Le­ben ge­we­sen war, und ich war ganz al­lein.“

„Kämp­fen“, das in drei Tei­le ge­glie­dert ist, ist ein an­stren­gen­des Buch, weil man so un­mit­tel­bar an Kn­aus­gårds Kampf teil­hat. Der 48-Jäh­ri­ge lei­det an sei­ner plötz­li­chen Be­rühmt­heit und ge­nau­so lei­det er im Pri­va­ten.

Er ha­be sich der Wirk­lich­keit ver­pflich­ten wol­len, er­klärt der bär­ti­ge Nor­we­ger mit den blau­en Au­gen. Der Preis da­für war hoch. Über sei­ne Fa­mi­lie schreibt der in­zwi­schen vier­fa­che Fa­mi­li­en­va­ter ganz am En­de: „Ich wer­de mir nie ver­zei­hen, was ich ih­nen an­ge­tan ha­be, aber ich ha­be es ge­tan, da­mit muss ich le­ben.“

Ein Le­ben in sechs Bü­chern: Karl Ove Kn­aus­gård of­fen­bart der Welt in au­to­bio­gra­fi­schen Ro­ma­nen sein In­nen­le­ben. Fo­to: dpa

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