In der Haut ei­nes Flücht­lings

Ers­ter Vir­tu­al-Rea­li­ty-Film in Can­nes soll Flucht er­fahr­bar ma­chen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur -

dpa CAN­NES. Schein­wer­fer su­chen das Ge­län­de ab, ein Kampf­hub­schrau­ber naht: Ei­ne Grup­pe von Me­xi­ka­nern geht in De­ckung. Ei­ni­ge ver­ste­cken sich hin­ter den we­ni­gen Säu­lenk­ak­te­en, an­de­re schmei­ßen sich in den Sand. „Nicht be­we­gen!“, schrei­en die Män­ner, die aus dem Jeep sprin­gen. „Ste­hen blei­ben!“Dann Schüs­se und Schreie. In „Car­ne y Are­na“(et­wa: Fleisch und Sand) lässt der me­xi­ka­ni­sche Er­folgs­re­gis­seur Ale­jan­dro Gon­zá­lez Iñár­ri­tu den Zu­schau­er nicht mehr er selbst sein. Bar­fuß und mit Da­ten­bril­le lässt er ihn er­fah­ren, was es heißt, ein Flücht­ling zu sein – meh­re­re Tau­send Ki­lo­me­ter ent­fernt von Can­nes.

Der 53-jäh­ri­ge Os­car­preis­trä­ger („Bird­man“, „The Re­venant – Der Rück­keh­rer“) zeigt den Film au­ßer Kon­kur­renz. Er dau­ert nur sie­ben Mi­nu­ten, für die Rea­li­sie­rung ha­ben er und der preis­ge­krön­te Ka­me­ra­mann Em­ma­nu­el Lu­bez­ki je­doch vier Jah­re ge­braucht. Der Kurz­film be­ruht auf Er­fah­run­gen von Men­schen, die es ge­schafft ha­ben, über die St­a­chel­draht­zäu­ne von Me­xi­ko in die USA zu flie­hen. Laut Ex­per­ten sind seit Mit­te der 90er-Jah­re mehr als 11 000 Män­ner, Frau­en und Kin­der aus Zen­tral­ame­ri­ka bei dem Ver­such ge­stor­ben, in Ame­ri­ka ein bes­se­res Le­ben zu fin­den.

Als So­lo-Er­fah­rung wird der Film in ei­nem Han­gar auf dem Flug­ha­fen­ge­län­de in Can­nes prä­sen­tiert. Ein­zeln wird je­der in ei­ne Schleu­se ge­bracht, die in ei­ne Zel­le führt. Dort lie­gen Schu­he von Men­schen, die ent­lang der rund 3100 Ki­lo­me­ter lan­gen Gren­ze zwi­schen Me­xi­ko und USA ge­fun­den wur­den. In der Zel­le muss man Schu­he und So­cken aus­zie­hen. Bar­fuß geht es dann in ei­nen rie­si­gen, mit Sand aus­ge­leg­ten Raum. Zwei Män­ner hel­fen, die Vir­tualRea­li­ty-Bril­le auf­zu­set­zen und den Ruck­sack mit der Elek­tro­nik an­zu­le­gen.

Dann geht die Rei­se los in ei­ne Sphä­re, in der die Welt als Wirk­lich­keit auf­tritt. Und die, die uns Iñár­ri­tu hier zeigt, macht be­trof­fen und Angst. Er glau­be, dass un­se­re Ge­sell­schaft den Sta­tis­ti­ken und der In­for­ma­ti­ons­flut ge­gen­über un­sen­si­bel ge­wor­den sei, er­klär­te er in ei­nem In­ter­view. Er wol­le kei­ne Ge­schich­te er­zäh­len, son­dern ei­nen Teil des Er­le­bens der Flücht­lin­ge wie­der­ge­ben, um nach­emp­fin­den zu kön­nen, was sie durch­leb­ten. Das ha­be nichts mit tech­ni­scher Spie­le­rei oder Voy­eu­ris­mus zu tun, wehr­te er sich ge­gen ei­ni­ge Kri­ti­ken.

Iñár­ri­tu prä­sen­tiert in Can­nes den ers­ten Rea­li­ty­Film. Die­ses Ki­no sei mehr nur als ei­ne Tech­nik, es sei be­reits ei­ne Kunst, mit der heu­ti­ge Fil­me­ma­cher ar­bei­te­ten, er­klär­te Thier­ry Fré­maux, der künst­le­ri­sche Lei­ter des Fes­ti­vals. „Car­ne y Are­na“soll dem­nächst in Pa­ris in ei­nen vor we­ni­gen Mo­na­ten er­öff­ne­ten Vir­tu­al-Rea­li­ty-Ki­no­saal kom­men.

Doch mit „Car­ne y Are­na“hat Iñár­ri­tu nicht nur ei­ne Pre­mie­re ge­fei­ert. Ihm ist ei­ne ein­zig­ar­ti­ge Sym­bio­se zwi­schen Ki­no und Kunst ge­lun­gen.

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