„Twin Peaks“für Te­enager

Ba­sie­rend auf den „Ar­chie-Co­mics“: Was taugt die Se­rie „Ri­ver­da­le“bei Net­flix?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen Am Samstag - Von Co­rin­na Berg­h­ahn

Der ge­walt­sa­me Tod ei­nes Te­enagers bringt in der Se­rie „Ri­ver­da­le“ei­ne La­wi­ne an Ir­run­gen, Wir­run­gen und mys­te­riö­sen Er­eig­nis­sen ins Rol­len. Doch lohnt sich die Se­rie? Un­be­dingt, fin­den wir!

OS­NA­BRÜCK. Ja­son Blos­s­om ist ver­schwun­den. Doch wirk­lich scha­de ist es um den so schö­nen wie bös­ar­ti­gen Schü­ler der ört­li­chen High­school des US-Städt­chens Ri­ver­da­le nicht: Er trieb sei­ne Ex-Freun­din in den Wahn­sinn, bis sie in ei­ne An­stalt ver­wie­sen wur­de, und war auch sonst kein sym­pa­thi­scher Ge­sel­le.

Sei­ne Zwil­lings­schwes­ter Che­ryl steht ihm in At­trak­ti­vi­tät und Ge­mein­heit üb­ri­gens nichts nach: Als Che­fin der High­school-Cheer­lea­der mobbt sie we­ni­ger be­lieb­te Schü­ler eben­so wie mög­li­che Kon­kur­ren­tin­nen. Doch nun ist Ja­son weg, ver­schwun­den bei ei­nem Boots­aus­flug mit der Schwes­ter. Er­trun­ken, so viel sei ver­ra­ten, ist er aber nicht, auch wenn sei­ne Lei­che im Was­ser ge­fun­den wird.

Ei­ne schö­ner, to­ter Te­enager im Was­ser? Und ei­ne klei­ne Stadt, de­ren so­zia­le Struk­tur auf Ge­heim­nis­sen, Be­gehr­lich­kei­ten, Lü­gen und dem Be­glei­chen al­ter Rech­nun­gen ba­siert? Das kennt man doch, näm­lich aus der Se­rie „Twin Peaks“von Da­vid Lynch. Dort sorg­te der Tod der High­school-Schön­heit Lau­ra Pal­mer für ei­ne wah­re Schwem­me an Mys­te­ri­en und ver­rück­ten Wen­dun­gen.

Doch ganz so ab­ge­dreht wie „Twin Peaks“ist „Ri­ver­da­le“

nicht: Zwar äh­neln sich Look, Kri­mi-Ele­men­te und die Ört­lich­keit – ein wich­ti­ger Teil der Hand­lung spielt sich auch hier im­mer im ört­li­chen Di­ner ab. Doch rück­wärts spre­chen­de Zwer­ge oder sich in Schrank­knau­fe ver­wan­deln­de Men­schen sind in der hier­zu­lan­de

auf Net­flix lau­fen­den Te­e­nieSe­rie nicht zu fin­den.

Be­grün­det ist dies wohl auch im ei­gent­li­chen Hin­ter­grund der Se­rie: den Ar­chieCo­mics. In Deutsch­land sind die­se eher we­ni­gen be­kannt, doch in den USA ist die Drei­eck­ge­schich­te zwi­schen dem Schü­ler Ar­chie And­rews und sei­nen bei­den Ob­jek­ten der Be­gier­de, Bet­ty Co­oper und Ve­ro­ni­ca Lodge, seit den 1940erJah­ren The­ma di­ver­ser Heft­chen.

Ob Ar­chie, die bra­ve Bet­ty und die eher un­durch­sich­ti­ge Ve­ro­ni­ca: Die Cha­rak­te­re der Vor­la­ge tau­chen vom Na­men zwar al­le in der Se­rie „Ri­ver­da­le“wie­der auf, doch von

Mord und si­nis­tren In­tri­gen ist in den Co­mics nichts zu fin­den. Dort wa­ren die – für die 1940er-Jah­re noch wil­den The­men – pu­ber­tä­re Lie­be­lei­en, Fast Food und Par­tys. Da­mit lockt man heu­te na­tür­lich kei­nen mehr vor den Bild­schirm.

War­um al­so nicht vie­le er­folg­rei­che Se­ri­en zi­tie­ren und so die eher dün­ne Hand­lung der Co­mics für die TV-Ad­ap­ti­on an­di­cken, schei­nen sich die Ma­cher ge­dacht zu ha­ben. Her­aus­ge­kom­men ist ein Mix von Se­ri­en und Fil­men wie eben „Twin Peaks“, aber auch „Scoo­by Doo“, „Pret­ty Litt­le Li­ars“, „Ve­ro­ni­ca Mars“, „Gos­sip Girl“, „Hea­thers“und dem

Ado­les­zenz-TV-Klas­si­ker „Daw­son’ s Creek“.

Das hät­te schief­ge­hen kön­nen, aber bei „Ri­ver­da­le“er­ge­ben all die­se Ein­flüs­se ein stim­mi­ges Ge­samt­bild und ver­der­ben die Lust am Gu­cken nicht. Im Ge­gen­teil: Die Se­rie zi­tiert und per­si­fliert ih­re Vor­bil­der so klug, dass es Spaß macht zu­zu­gu­cken. Ken­ner der Ori­gi­na­le kön­nen sich al­so freu­en. Und die Te­e­nies von heu­te dürf­te es nicht stö­ren, da die Zi­ta­te die gro­ße Fra­ge, um die sich bei „Ri­ver­da­le“al­les dreht, nicht be­hin­dern: Wer tö­te­te Ja­son?

Ein Er­folgs­fak­tor ne­ben dem Kri­mi-Ele­ment ist na­tür­lich auch die At­trak­ti­vi­tät der Schau­spie­ler: Die Hor­mo­ne der Te­enager mö­gen noch so sehr ver­rückt spie­len, auf die Rein­heit ih­rer Haut hat all das kei­ne ne­ga­ti­ven Aus­wir­kun­gen. Statt­des­sen sind die Mäd­chen schön und schlank, die Jun­gen in­ter­es­sant und zu­meist gut ge­baut. Da­zu kom­men die ty­pi­schen Soap-Ele­men­te wie un­er­wi­der­te Lie­be, bö­se In­tri­gen, ver­ra­te­ne Freund­schaft und so­gar ei­ne Af­fä­re zwi­schen Schü­ler und Leh­re­rin.

Trotz­dem ist die Welt von „Ri­ver­da­le“wohl­tu­end viel­fäl­tig: Die High­school-Band „Jo­sie and the Pus­sy­cats“be­steht aus schwar­zen Mäd­chen, es bahnt sich ei­ne Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen zwei männ­li­chen Ne­ben-Cha­rak­te­ren an, zwei Mäd­chen küs­sen sich, und Sex-Mob­bing an der Schu­le wird eben­falls the­ma­ti­siert. So ver­stö­rend oder ex­pli­zit beim Zei­gen grau­sa­mer Sze­nen wie bei­spiels­wei­se die um­strit­te­ne Se­rie „To­te Mäd­chen lü­gen nicht“, die sich um den Selbst­mord ei­ner Schü­le­rin dreht, ist „Ri­ver­da­le“je­doch nicht: Das Ab­grün­di­ge ist hier eher Stil­ele­ment als Quint­es­senz.

Der pro­du­zie­ren­de USSen­der CW or­der­te schon nach sechs Fol­gen ei­ne zwei­te Staf­fel. Die­se wird die Ge­heim­nis­se um das Städt­chen Ri­ver­da­le wei­ter be­leuch­ten.

„Ri­ver­da­le“. 13 Fol­gen, Al­ter­s­emp­feh­lung für die USA: 13 Jah­re; Staf­fel 1 läuft ak­tu­ell auf Net­flix.

In „Ri­ver­da­le“dreht sich al­les um die Ir­run­gen der Pu­ber­tät – und die Ge­heim­nis­se der Kle­in­stadt. Fo­to: Diyah Pe­ra/THE CW

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