Was Europa be­wegt

Deutsch-fran­zö­si­scher Kul­tur­ka­nal seit 25 Jah­ren auf Sen­dung – Schwa­che Markt­an­tei­le

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen Am Sonntag - Von Tilmann P. Gang­loff

Ar­te, einst ein „Kind der Po­li­tik“, war wo­mög­lich nie so wert­voll wie heu­te. Am 30. Mai ist der deutsch-fran­zö­si­sche Kul­tur­ka­nal seit 25 Jah­ren auf Sen­dung.

OS­NA­BRÜCK. „Wenn es Ar­te heu­te nicht schon gä­be, müss­te man es er­fin­den.“An­ders­wo mag es Zwei­fel an der Idee ei­nes ver­ein­ten Eu­ro­pas ge­ben, aber beim deutsch­fran­zö­si­schen Ge­mein­schafts­pro­gramm ist Idea­lis­mus Teil der Un­ter­neh­mens­kul­tur. Das Be­kennt­nis zu dem am 30. Mai 1992 ge­star­te­ten Sen­der stammt zwar vom SWR-In­ten­dan­ten und am­tie­ren­den Ar­te-Prä­si­den­ten Pe­ter Boud­goust, aber es ge­nießt dies- und jen­seits des Rheins gro­ße Zu­stim­mung.

Auch wenn sich nicht in Zah­len mes­sen lässt, wie groß der Ar­te-An­teil an der bi­la­te­ra­len Völ­ker­ver­stän­di­gung ist: Die Wert­schät­zung des Sen­ders ist hü­ben wie drü­ben enorm. Lei­der las­sen ge­ra­de die deut­schen Zu­schau­er ih­ren Wor­ten viel zu sel­ten Ta­ten fol­gen: Kaum ein Pro­gramm weist ei­ne der­ar­ti­ge Dis­kre­panz zwi­schen dem her­aus­ra­gen­den Image und der über­schau­ba­ren Re­so­nanz auf.

Ar­te be­kommt nach ARD und ZDF die bes­ten No­ten, aber die Markt­an­tei­le lie­gen 2017 bis­lang bei 1,1 Pro­zent. Auch Boud­goust wun­dert sich dar­über, ver­si­chert aber, man mes­se sich nicht so sehr am Markt­an­teil, son­dern an der An­zahl der Zu­schau­er, die Ar­te ein­schal­te­ten, und das sei­en in Deutsch­land je­de

Wo­che 10 Mil­lio­nen und in Frank­reich 12 Mil­lio­nen Zu­schau­er: „Wenn wir mit der Oper ‚To­s­ca‘ aus dem Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den zu bei­den Sei­ten des Rheins Mil­lio­nen Men­schen er­rei­chen, kön­nen wir da­von aus­ge­hen, dass wir un­se­ren Auf­trag als Kul­tur­sen­der voll er­fül­len.“

Ar­te, so Boud­goust, sei „ein wich­ti­ger Ak­teur der deut­schen und fran­zö­si­schen Film- und Fern­seh­sze­ne. Oh­ne Ar­te gä­be es vie­le Pres­ti­ge­pro­duk­tio­nen nicht.“Die Zu­ver­sicht des Prä­si­den­ten speist sich je­doch vor al­lem

aus der ge­stie­ge­nen On­li­neNut­zung. Das TV-Pro­gramm mag bei Zu­schau­ern zwi­schen 14 und 49 Jah­ren nur auf ei­nen Markt­an­teil von 0,7 Pro­zent kom­men, aber da­für ver­zeich­net Ar­te laut Boud­goust mo­nat­lich cir­ca 28 Mil­lio­nen Vi­deo­ab­ru­fe.

Ar­te ist laut dem Mar­bur­ger Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Gerd Hal­len­ber­ger „ein Sen­der, der ge­zielt und nicht zu­fäl­lig ein­ge­schal­tet wird“. Das grö­ße­re Pro­blem sieht er je­doch in der man­geln­den Be­re­chen­bar­keit: „ARD und ZDF ha­ben ein kla­res Pro­gramm­sche­ma,

wes­halb Kri­ti­ker ih­nen man­geln­de Fle­xi­bi­li­tät vor­wer­fen. Bei Ar­te ist es genau an­ders­rum, und aus­ge­rech­net das wird dem Sen­der zum Ver­häng­nis, denn die Er­war­tun­gen der Zu­schau­er sind in ho­hem Maß an fes­ten Zei­t­ras­tern aus­ge­rich­tet. Bei Ar­te gibt es ei­nen gro­ßen An­teil an Ein­zel­sen­dun­gen, al­so Fern­se­hund Ki­no­fil­me, Mehr­tei­ler, Se­ri­en und Do­ku­men­ta­tio­nen, die kei­nem fes­ten Sche­ma ge­hor­chen. Um po­pu­lä­rer zu wer­den, bräuch­te Ar­te ein hö­he­res Maß an Ver­läss­lich­keit

bei den Pro­gramm­plät­zen, aber auch An­ge­bo­te, die kenn­zeich­nend für po­pu­lä­re Voll­pro­gram­me sind. War­um gibt es zum Bei­spiel kei­ne deutsch-fran­zö­si­sche täg­li­che Se­rie?“

Als Be­ra­ter wür­de Hal­len­ber­ger dem Sen­der emp­feh­len, „zu­sätz­lich zum TV-Pro­gramm se­pa­ra­te und au­to­no­me In­ter­net-An­ge­bo­te zu ent­wi­ckeln und die­se dann auf in­ter­net­ge­mä­ße Wei­se zu be­wer­ben und sicht­bar zu ma­chen.“Ar­te ha­be zwar schon gu­te On­li­ne-on­ly-An­ge­bo­te, aber sie gin­gen in der all­ge­mei­nen Prä­sen­ta­ti­on un­ter: „Vie­le Me­di­en­an­bie­ter ha­ben im­mer noch nicht ver­stan­den, dass sie nicht mehr nur ein TV-Sen­der sind, der sein Pro­gramm auch on­li­ne zum Ab­ruf an­bie­tet. Sie re­den zwar von cross­me­dia­ler Pro­duk­ti­on, müs­sen aber noch ler­nen, dass cross­me­dia­le Prä­sen­ta­ti­on ge­nau­so wich­tig ist.“

Im­mer­hin wird Ar­te schon lan­ge nicht mehr als „Kind der Po­li­tik“be­trach­tet. Als Hel­mut Kohl und François Mit­ter­rand En­de der Acht­zi­ger öf­fent­lich über ei­nen ge­mein­sa­men Kul­tur­ka­nal nach­dach­ten, galt der Sen­der als Pres­ti­ge­pro­jekt und Aus­hän­ge­schild für eu­ro­päi­sche In­te­gra­ti­on und Zu­sam­men­ar­beit. Bis heu­te hängt Ar­te zu­dem ein eli­tä­res Image an. Das weiß man auch beim Sen­der, der im Rah­men ei­ner ak­tu­el­len Um­fra­ge un­ter an­de­rem wis­sen will, wel­che Pro­gramm­an­ge­bo­te man mit Ar­te ver­bin­de. Zu den Ant­wort­mög­lich­kei­ten ge­hört ne­ben „An­spruchs­vol­le Do­ku­men­tar­fil­me“und „Ex­zel­len­te Fil­me und Se­ri­en“auch „Zu ab­ge­ho­be­nes Pro­gramm“.

Den­noch hat Boud­goust si­cher recht mit sei­ner Ma­xi­me, dass man den Kul­tur­ka­nal ge­ra­de in Zei­ten der gras­sie­ren­den Eu­ro­pa­skep­sis er­fin­den müss­te, wenn es ihn nicht schon gä­be: „Ar­te ist der ein­zi­ge Sen­der in Europa, der nicht nur Gren­zen, son­dern auch Sprach- und da­mit Kul­tur­bar­rie­ren über­win­det und in­so­fern für die Aus­bil­dung ei­ner eu­ro­päi­schen Öf­fent­lich­keit un­ent­behr­lich ist.“

Das ro­te Ar­te-Lo­go hat sich ein­ge­prägt: Der Sen­der trägt zur Bil­dung ei­ner eu­ro­päi­schen Iden­ti­tät bei. Fo­to: imago/Win­fried Ro­ther­mel

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