Ge­wis­sens­bis­se ei­nes Pre­miers

In­ti­mes Bio­pic „Chur­chill“: Haupt­dar­stel­ler Bri­an Cox lässt den Mann mit Zi­gar­re zau­dern

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Film - Von Frank Jür­gens

Re­gis­seur Jo­na­than Te­plitz­ky be­glei­tet Chur­chill bis zum D-Day und ent­wirft da­bei ein un­ge­wöhn­li­ches Por­trät des Pre­mier­mi­nis­ters.

OS­NA­BRÜCK. An­fang Ju­ni 1944 be­fin­det sich die Welt am Schei­de­weg. Das eu­ro­päi­sche Fest­land ist von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten be­setzt. Nur En­g­land kann trotz „Ger­man Blitz“den An­grif­fen des Deut­schen Rei­ches wi­der­ste­hen. Ei­ne Leis­tung, die nicht zu­letzt auf den bri­ti­schen Pre­mier­und Kriegs­mi­nis­ter Wins­ton Chur­chill (groß­ar­tig: Bri­an Cox) zu­rück­zu­füh­ren ist. Be­reits mit sei­ner „Blu­tSchweiß-und-Trä­nen“-Re­de im Mai 1940 ein­te er die Bri­ten und schwor sie mit er­bar­mungs­lo­ser Ehr­lich­keit auf har­te Zei­ten ein. Jetzt steht mit der „Ope­ra­ti­on Over­lord“die lan­ge er­war­te­te Ge­gen­of­fen­si­ve an.

Aber ist die ge­plan­te Lan­dung in der Nor­man­die wirk­lich so er­folg­ver­spre­chend, wie es der Ober­be­fehls­ha­ber des Obers­ten Haupt­quar­tiers der al­li­ier­ten Streit­kräf­te, Dwight D. Ei­senhow­er (John Slat­te­ry), ver­spricht? Chur­chill kom­men Zwei­fel, ge­nährt von sei­nen Er­fah­run­gen wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs bei Gal­li­po­li, als un­ter sei­nem Kom­man­do Zehn­tau­sen­de Sol­da­ten in den Tod gin­gen.

Soll­te sich so ein mi­li­tä­ri­sches De­sas­ter wie­der­ho­len und die Lan­dung in der Nor­man­die schei­tern, dann hät­te er nicht nur er­neut un­zäh­li­ge „Le­ben ver­geu­det“, wie es im Film „Chur­chill“heißt. Die Al­li­ier­ten

wä­ren auch nach­hal­tig ge­schwächt im Kampf ge­gen Hit­lers Deutsch­land. Was das für die Welt hät­te be­deu­ten kön­nen, lässt sich in ver­film­ten Wer­ken der Al­ter­na­tiv­welt-Li­te­ra­tur wie Ro­bert Har­ris’ „Va­ter­land“oder Phi­lip K. Dicks „Das Ora­kel vom Ber­ge“er­ah­nen.

Re­gis­seur Jo­na­than Te­plitz­ky setzt dem oft als „größ­ten Bri­ten“be­zeich­ne­ten Pre­mier­mi­nis­ter mit dem Film „Chur­chill“nun ein sehr un­ge­wöhn­li­ches Denk­mal. Es zeigt den sonst zu al­lem ent­schlos­se­nen

Mann von ei­ner sehr pri­va­ten Sei­te – als von Ge­wis­sens­nö­ten ge­pei­nig­ten Zweif­ler, der kurz vor Be­ginn der ent­schei­den­den Ope­ra­ti­on ge­gen die Na­zis zu knei­fen droht, die lan­ge aus­ge­ar­bei­te­ten Plä­ne in­fra­ge stellt und so­gar in ei­ne kur­ze, aber tie­fe De­pres­si­on ver­fällt. In der in­tims­ten Sze­ne des Fil­mes sieht man Chur­chill in sei­nem Mor­gen­man­tel be­tend vor sei­nem Bett knien. Der Herr mö­ge es bit­te reg­nen las­sen, don­nern und blit­zen – da­mit die­se ver­damm­te In­va­si­on nicht

statt­fin­de und er, Chur­chill, nicht schon wie­der das Blut von un­zäh­li­gen jun­gen Män­nern an sei­nen Hän­den kle­ben ha­be. Denn das ist ihm be­wusst. Selbst wenn die In­va­si­on er­folg­reich ist, wer­den die Ver­lus­te im­mens sein.

Te­plitz­ky ge­lingt es nach dem Dreh­buch von Alex von Tun­zel­mann, ei­ne Cha­rak­ter­stu­die über le­dig­lich vier Ta­ge im Le­ben von Chur­chill zu kre­ieren. Vier ent­schei­den­de Ta­ge, in de­nen es laut der Dreh­buch­au­to­rin, ei­ner His­to­ri­ke­rin, die in ih­rer Ko­lum­ne

„Reel His­to­ry“des „Guar­di­an“re­gel­mä­ßig his­to­ri­sche Fil­me auf ih­re Ak­ku­ra­tes­se ab­klopft, bei­na­he auch zur Tren­nung zwi­schen Wins­ton und sei­ner „Clem­mie“(Mi­ran­da Richard­son) ge­kom­men wä­re. Man darf ge­spannt sein, mit wel­cher Akri­bie nun an­de­re His­to­ri­ker ans Werk ge­hen und „Chur­chill“aus­ein­an­der­neh­men wer­den.

Aber das ei­gent­li­che Ver­dienst liegt in der meist kam­mer­spiel­ar­ti­gen Ins­ze­nie­rung. Re­gis­seur Te­plitz­ky ge­lingt es, je­der Ver­su­chung zu

wi­der­ste­hen, ein wei­te­res Schlach­ten­ge­mäl­de der Lan­dung in der Nor­man­die zu ent­wer­fen. Er be­schränkt sich auf den in­ne­ren Kon­flikt Chur­chills, der den wich­tigs­ten Schritt der Al­li­ier­ten ge­gen das Deut­sche Reich zu ge­fähr­den droht. Im Hin­ter­grund tickt drän­gend die Uhr.

„Chur­chill“. GB 2017. R: Jo­na­than Te­plitz­ky. D: Bri­an Cox, Mi­ran­da Richard­son, John Slat­te­ry, Ju­li­an Wad­ham. Lauf­zeit: 106 Mi­nu­ten. Ab 6. Ci­ne­ma-Ar­thouse.

Fo­to: Gra­e­me Hun­ter Pic­tu­res

Ein­bli­cke in das See­len­le­ben des eins­ti­gen bri­ti­schen Pre­mier­mi­nis­ters Wins­ton Chur­chill lie­fert Bri­an Cox. An sei­ner Sei­te spielt Mi­ran­da Richard­son die Rol­le von Chur­chills Ehe­frau Cle­men­ti­ne.

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