Frust statt Lust

Lei­den­schaft im Job kann auch scha­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Jobwelt - Von Ele­na Zel­le

Di­enst nach Vor­schrift: Wird ein Mit­ar­bei­ter so be­schrie­ben, ist das in der Re­gel nicht po­si­tiv ge­meint. Lei­den­schaft­lich soll man ar­bei­ten, sei­ne Be­ru­fung fin­den. Was nach Er­fül­lung und Glück klingt, se­hen Ex­per­ten aber über­aus kri­tisch.

WIESBADEN. Das Hob­by zum Be­ruf ma­chen, für den Job bren­nen, sich bei der Ar­beit selbst ver­wirk­li­chen – das er­hof­fen sich vie­le. Das sind zwei­fels­oh­ne ho­he An­sprü­che, doch nicht sel­ten bleibt die Wirk­lich­keit hin­ter den Er­war­tun­gen zu­rück. Was folgt, ist oft Un­zu­frie­den­heit und Frus­tra­ti­on. Mit­un­ter geht die Su­che nach dem Be­ruf als Be­ru­fung von vor­ne los. Aber muss das sein – mit Lei­den­schaft ar­bei­ten, für den Job bren­nen? Ex­per­ten sind sich recht ei­nig: nein. Es gibt na­tür­lich ein Aber.

Für den Job bren­nen – das ist ei­gent­lich et­was, das als er­stre­bens­wert gilt. Aber der Schein trügt: „Bren­nen, das hat et­was Un­kon­trol­lier­ba­res“, sagt die Kar­rie­r­e­be­ra­te­rin Ute Böl­ke aus Wiesbaden. Und Bernd Slaghu­is, Kar­rie­re­coach aus Köln, er­gänzt: „Da ist auch die Ge­fahr groß, aus­zu­bren­nen – Stich­wort Burn-out.“Beim Ar­bei­ten in ei­nen Flow kom­men, mal Über­stun­den ma­chen – das sei al­les kein Pro­blem. Au­ßer­dem sei Lei­den­schaft auch für die Mo­ti­va­ti­on wich­tig. Wer aber vor lau­ter Lei­den­schaft für den Job zum Bei­spiel den Part­ner, Freun­de oder die Fa­mi­lie ver­nach­läs­sigt, wer­de das über kurz oder lang wahr­schein­lich als Be­las­tung er­le­ben, sagt Slaghu­is.

Lei­den­schaft als Lu­xus

Über­haupt: „Man­che kön­nen von ih­rer Ar­beit kaum le­ben, bei vie­len Jobs ist man nur ein klei­nes Räd­chen im Ge­trie­be. Muss man da­für bren­nen? Nein“, sagt Böl­ke. Lei­den­schaft im Job sei ein Lu­xus, der nicht al­len vor­be­hal­ten ist oder auch nicht an­ge­strebt wird.

Ähn­lich sieht es Vol­ker Kitz, Au­tor des Bu­ches „Fei­er­abend! War­um man für sei­nen Job nicht bren­nen muss“. „Ar­beit ist zu ei­nem Li­fe­style-Ob­jekt ge­wor­den“, kri­ti­siert er. Es wer­de sug­ge­riert, dass der Job ei­nen er­fül­len muss, man sei­ne Ar­beit toll fin­den muss, dass man für sei­nen Be­ruf bren­nen muss. Die Rea­li­tät se­he aber an­ders aus: Die brei­te Mas­se – und die wer­de laut Kitz nicht wahr­ge­nom­men – ma­che ih­ren Job gut und sei zu­frie­den. Ei­gent­lich. Denn: „Die be­kom­men stän­dig ver­mit­telt, dass das nicht reicht und sie zu­sätz­lich noch für den Job bren­nen müss­ten“, sagt Kitz. „Das macht sie un­zu­frie­den und un­glück­lich.“

Was er­war­te ich?

Statt Lei­den­schaft soll­te man sich eher Zuf­rie­den­heit zum Ziel neh­men, rät Slaghu­is. Vie­len sei die­ses nach­hal­ti­ge Ge­fühl wich­ti­ger als Hin­ga­be oder Pas­si­on. „Es muss nicht him­mel­hoch jauch­zend und Ach­ter­bahn sein.“Da­für soll­te man sich über­le­gen, was man von sei­nem Be­ruf er­war­tet. Wer als Kas­sie­rer Her­aus­for­de­rung und Ab­wechs­lung sucht, wer­de in sei­nem Job kaum zu­frie­den sein. Wer den Kon­takt zu Men­schen mag und Rou­ti­ne be­vor­zugt, schon eher.

Wenn man ger­ne zur Ar­beit geht, man sei­ne Fä­hig­kei­ten ein­set­zen kann und das Geld stimmt, sei das schon viel wert, sagt auch Böl­ke. Um das im Job zu fin­den, rät sie, sich zu über­le­gen, was ei­nen an­treibt – Geld, Un­ab­hän­gig­keit oder die Ver­ein­bar­keit von Job und Pri­vat­le­ben zum Bei­spiel. Wer sich im Kla­ren dar­über ist, was er will, kann ge­ziel­ter su­chen und ha­be so­mit grö­ße­re Chan­cen auf Zuf­rie­den­heit.

In man­chen Un­ter­neh­men wird das The­ma Zuf­rie­den­heit und Lei­den­schaft auch über­in­ter­pre­tiert, wie Böl­ke aus ih­ren Be­ra­tun­gen weiß. Sie ha­be mal ei­nen Mar­ke­ting-Ma­na­ger be­ra­ten, in des­sen Un­ter­neh­men al­le im­mer su­per drauf sein soll­ten und nie­mand mal sei­nen Un­mut zum Bei­spiel über die Un­lust am Mon­tag­mor­gen äu­ßern soll­te. „Das ist dann nicht mehr ehr­lich.“Da­durch ent­ste­he viel Druck. Mit dem Be­ruf sei es schließ­lich oft ähn­lich wie mit der Lie­be, meint Böl­ke: „Am An­fang ist es Lei­den­schaft, und dann wird es har­te Ar­beit.“

Es wer­de im­mer sug­ge­riert, dass Rou­ti­ne im Job nicht er­stre­bens­wert ist, dass man die Her­aus­for­de­rung su­chen müs­se, meint Kitz. Das sei nicht rea­lis­tisch. Denn: „Wir al­le wol­len mit Men­schen ar­bei­ten, die rou­ti­niert sind. Wer will schon ei­nen Pi­lo­ten, der sei­nen Flug als Her­aus­for­de­rung sieht, oder ei­ne Ärz­tin, die beim Blut­ab­neh­men nicht rou­ti­niert ist?“

Zeit ge­gen Geld

Kitz nennt sein Buch nicht um­sonst Streit­schrift – und hat noch mehr an der Ver­knüp­fung von Lei­den­schaft und Ar­beit zu kri­ti­sie­ren: „Wir neh­men es als ge­ge­ben hin, dass wir et­was, das wir mit Lei­den­schaft ma­chen, auch gut ma­chen.“Das sei al­ler­dings ein Trug­schluss. Bes­tes Bei­spiel sei­en Cas­ting­shows. Dort sin­gen vie­le Men­schen schlecht, sind aber mit größ­ter Lei­den­schaft da­bei. „Lei­den­schaft und Kön­nen schlie­ßen sich nicht aus, ge­hen aber nicht au­to­ma­tisch mit­ein­an­der ein­her.“Sein Buch sei kein Plä­doy­er für Faul­heit, auch nicht da­für, sei­nen Job mög­lichst un­gern zu ma­chen, be­tont Kitz. „Aber es ist ein Plä­doy­er da­für, Ar­beit als Aus­tausch von Zeit ge­gen Geld zu se­hen.“

Fo­tos: Ka­ro­lin Krä­mer

Ex­per­ten hal­ten Zuf­rie­den­heit im Job wich­ti­ger als das ab­so­lu­te Bren­nen für sei­nen Be­ruf.

Lei­den­schaft und Feu­er für den Be­ruf ist zwar wich­tig, da­bei soll­te man aber nicht an­de­re Din­ge ver­nach­läs­si­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.