Der Über­le­ben­de ei­nes Mas­sa­kers

Mit dem GS Bi­ro­tor woll­te Ci­tro­en ei­nen wei­te­ren Mei­len­stein der tech­ni­schen In­no­va­ti­on set­zen. Doch das Pro­jekt wur­de zum Alb­traum

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kfzwelt -

SP-X KÖLN. Ci­tro­en war im­mer auch be­strebt, sich mit un­kon­ven­tio­nel­len und in­no­va­ti­ven Tech­ni­k­lö­sun­gen ei­nen Na­men zu ma­chen. Vor al­lem in den 1960er- und 70er-Jah­ren pfleg­ten die Fran­zo­sen ihr Image als In­no­va­tor. Nichts schien zu ab­we­gig, um auch als Groß­se­ri­en­lö­sung in Fra­ge zu kom­men. Da­bei konn­te Ci­tro­en ei­ni­ge Er­fol­ge fei­ern, muss­te aber auch Flops ver­dau­en. Zur letz­ten Ka­te­go­rie ge­hör­te auch der fast ver­ges­se­ne und spä­ter dann so­gar un­er­wünsch­te GS Bi­ro­tor.

In den vom tech­ni­schen Fort­schritt be­ses­se­nen „Ro­aring Six­ties“setz­te auch der Wan­kel­mo­tor zum ver­meint­lich gro­ßen Kar­rie­re­sprung an. Al­len vor­an der deut­sche Au­to­her­stel­ler NSU woll­te mit den kom­pak­ten, leich­ten und vi­bra­ti­ons­ar­men Mo­to­ren nach den Ster­nen grei­fen. Ein­drucks­volls­ter Ver­tre­ter die­ser neu­en Ära war der ab 1967 an­ge­bo­te­ne Ro 80, der sei­ner Zeit als weit vor­aus galt. In die­sem Jahr ver­ein­bar­ten NSU und Ci­tro­en un­ter dem Na­men Co­mo­tor ei­ne Wan­kel­mo­tor-Ko­ope­ra­ti­on, die ur­sprüng­lich die Pro­duk­ti­on von ge­mein­sam ent­wi­ckel­ten Mo­del­len mit Kreis­kol­ben­ma­schi­nen vor­sah.

Als zwei Jah­re spä­ter NSU von VW ge­schluckt wur­de, en­de­te auch das Jo­int-Ven­ture. Die ge­mein­sam von Ci­tro­en

und NSU im Saar­land ge­plan­te Co­mo­tor-Fa­b­rik rea­li­sier­ten die Fran­zo­sen im Al­lein­gang. En­de 1972 star­te­te dort die Pro­duk­ti­on des neu­en Wan­kel­mo­tors Typ KKM 624, bei dem es sich um ei­ne Wei­ter­ent­wick­lung der Ma­schi­ne aus dem Ro 80 han­del­te. Das Zweischei­ben-Ag­gre­gat mit gut ei­nem Li­ter Hu­b­raum leis­te­te im­mer­hin 107 PS und 137 New­ton­me­ter Dreh­mo­ment. Erst­ma­lig zum Se­ri­en­ein­satz kam der KKM 624 in der Mit­tel­klas­se-Li­mou­si­ne Ci­tro­en GS im Jahr 1973. Das neue Top­mo­dell der Bau­rei­he er­hielt den Na­mens­zu­satz Bi­ro­tor, der als Schrift­zug das Heck zier­te.

1973 war je­doch ein denk­bar un­güns­ti­ger Zeit­punkt für das ver­gleichs­wei­se durs­ti­ge Wan­kel­kon­zept. Der Bi­ro­tor gab sich mit rund 13 Li­ter Durch­schnitts­ver­brauch al­les an­de­re als be­schei­den, was Kun­den an­ge­sichts der Öl­kri­se und dem da­mit ein­her­ge­hen­den Ben­zin­preis­schock ab­schreck­te. Der GS Bi­ro­tor, so fas­zi­nie­rend sei­ne An­triebs­tech­nik sein moch­te, wur­de ein La­den­hü­ter.

Le­dig­lich 847 Ex­em­pla­re konn­te Ci­tro­en bis 1975 ver­kau­fen. Als dann Peu­geot bei Ci­tro­en das Ru­der über­nahm, zo­gen die neu­en Her­ren kur­zer Hand ei­nen Schluss­strich un­ter das wirt­schaft­lich we­nig zu­kunfts­träch­ti­ge Co­mo­tor-Pro­jekt. 1976 wur­de die ei­gent­lich für 1000 Mit­ar­bei­ter ge­dach­te Fa­b­rik schließ­lich ab­ge­wi­ckelt. Der KKM 624 konn­te da­nach noch ein­mal als An­trieb für das Mo­tor­rad Van Ve­en OCR 1000 für Auf­se­hen sor­gen. Mit le­dig­lich 40 ver­kauf­ten OCR 1000 blieb auch hier der Wan­kel­mo­tor ei­ne wirt­schaft­li­che Ran­der­schei­nung.

Apro­pos Öko­no­mie: Ci­tro­en woll­te ei­nen end­gül­ti­gen Schluss­strich un­ter das glück­lo­se Wan­kel-Ex­pe­ri­ment zie­hen und kauf­te den größ­ten Teil der GS Bi­ro­tor von den Kun­den zu­rück, um sich so der Ver­pflich­tung zur Er­satz­teil­ver­sor­gung zu ent­le­di­gen. Ei­ni­ge Ex­em­pla­re sind den­noch in Kun­den­hand ver­blie­ben. An­geb­lich soll es nur noch vier Stück in Europa ge­ben, wie ei­ne An­zei­ge auf Mo­bi­le.de der­zeit be­haup­tet. Dort steht näm­lich ein GS Bi­ro­tor zum Ver­kauf. Der Preis ist hoch, wenn­gleich an­ge­sichts der ex­klu­si­ven Tech­nik und der ex­trem klei­nen Zahl üb­rig­ge­blie­be­ner Ex­em­pla­re die über 70 000 Eu­ro gar nicht mal über­trie­ben er­schei­nen. In ge­wis­ser Wei­se ist der ho­he Preis auch ei­ne Art spä­te Eh­re für die ei­gent­lich ge­nia­le Wan­kel-Tech­nik.

Fo­to: Ci­tro­en

Von 1970 bis 1986 hat Ci­tro­en den GS ge­baut.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.