Men­schen nicht für Mo­no­ga­mie ge­macht?

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Reportage - Von Frau­ke Ka­b­er­ka

STUTT­GART. Die­ses Buch stellt die mo­no­ga­me Paar­be­zie­hung in­fra­ge und rüt­telt so­mit an den Gr­und­fes­ten der west­li­chen Ge­sell­schaft: „Sex. Die wah­re Ge­schich­te“der bei­den Wis­sen­schaft­ler Chris­to­pher Ryan und Ca­cil­da Je­thá ist ei­ne un­ter­halt­sam ge­schrie­be­ne und neu be­wer­te­te Be­trach­tung der mensch­li­chen Se­xua­li­tät.

Wer auf Zwei­sam­keit als Ba­sis ei­ner Part­ner­schaft baut, muss jetzt ganz stark sein: Der Mensch ist nicht für Mo­no­ga­mie ge­macht. Das je­den­falls be­haup­ten Chris­to­pher Ryan und Ca­cil­da Je­thá, zwei Wis­sen­schaft­ler der Psy­cho­lo­gie und Psych­ia­trie, die sich seit Jah­ren mit der Pro­ble­ma­tik be­fas­sen und das Se­xu­al­le­ben der mensch­li­chen Spe­zi­es so­wie ih­rer prä­his­to­ri­schen Vor­fah­ren un­ter­su­chen. Ih­re Er­kennt­nis­se fass­ten sie in ih­rem Buch „Sex. Die wah­re Ge­schich­te“zu­sam­men. Und das stellt den ver­hal­tens­bio­lo­gi­schen Main­stream – vor al­lem der west­li­chen Welt – auf den Kopf.

Dop­pel­mo­ral

Es sind re­vo­lu­tio­nä­re An­sich­ten, die die Au­to­ren zwar nicht wirk­lich be­wei­sen kön­nen, mit an­thro­po­lo­gi­schen Er­kennt­nis­sen aus den An­fän­gen der Mensch­heit vor gut fünf Mil­lio­nen Jah­ren und dem Gat­tungs­ver­hal­ten der nächs­ten Ver­wand­ten heu­te, den Men­schen­af­fen, aber durch­aus über­zeu­gend un­ter­mau­ern. Gleich­zei­tig neh­men Ryan und Je­thá die mensch­li­che Dop­pel­mo­ral aufs Korn, die so gern den se­xu­al-ge­sell­schaft­li­chen Stan­dard, al­so das üb­li­che Part­ner­schafts­mo­dell, als ethisch sau­be­re Norm pro­pa­giert und da­bei stets und über­all ge­gen die­se Norm ver­stößt. Dass al­les auch in ver­gnüg­li­cher und leicht ver­ständ­li­cher Spra­che ge­schrie­ben wur­de, hebt die­ses Werk über ei­ne Ex­per­ten­lek­tü­re her­aus.

Na­tür­lich kön­nen ei­ne sol­che Un­ter­su­chung – und erst recht ih­re Er­geb­nis­se – nicht mit re­li­giö­sen Vor­stel­lun­gen kom­pa­ti­bel sein. Aber das war die Dar­win­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie auch nicht. So ist klar, dass der Sün­den­fall im Pa­ra­dies genau un­ter die Lu­pe der bei­den Wis­sen­schaft­ler ge­nom­men wur­de: Wer ver­lor was im Pa­ra­dies? Der Mensch auf je­den Fall sei­ne Un­schuld. So „wur­de das ehe­mals un­schul­di­ge se­xu­el­le Ver­gnü­gen [...] zu ei­ner Quel­le der Scham und Er­nied­ri­gung“, als Adam und Eva aus dem Gar­ten Eden ver­trie­ben wur­den und das mü­he­vol­le Le­ben der Mensch­heit sei­nen An­fang nahm.

Pla­cke­rei

Laut Au­to­ren aber war die jü­di­sche und christ­li­che Ge­ne­sis wohl nichts an­de­res als ein Er­klä­rungs­ver­such da­für, wes­halb die einst ver­gleichs­wei­se stress­freie Le­bens­wei­se der Jä­ger und Samm­ler zur Pla­cke­rei der Bau­ern wur­de.

Ryan und Je­thá kom­men zu dem Schluss, dass der Mensch im Ver­gleich mit an­de­ren Le­be­we­sen ei­ne „über­stei­ger­te Se­xua­li­tät“be­sitzt. „Kein Tier au­ßer Ho­mo sa­pi­ens macht über wei­te Tei­le der ihm zu­ge­dach­ten Le­bens­span­ne ei­nen der­ar­ti­gen Wir­bel um Sex.“Es gibt et­li­che wei­te­re Aspek­te, die die Se­xu­al­for­scher ana­ly­sie­ren, zum Bei­spiel „Das Mär­chen von der schwa­chen weib­li­chen Li­bi­do“oder „Weib­li­che Ko­pu­la­ti­ons­ru­fe“– um nur ei­ni­ge we­ni­ge zu nen­nen. Am En­de aber mün­den al­le Über­le­gun­gen in dem ih­rer Mei­nung nach den meis­ten Men­schen be­kann­ten Wunsch nach Ab­wechs­lung und der Recht­fer­ti­gung da­für: „Noch ein paar Grün­de, war­um ich je­mand Neu­es brau­che.“

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