Mit Kin­dern zur Be­er­di­gung? Aber si­cher doch!

Es klingt ba­nal, ist es aber nicht: Der Tod ge­hört zum Le­ben da­zu

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie -

Lie­ber Da­ni­el,

wir hat­ten just zwei To­des­fäl­le in der Fa­mi­lie und da­her zwei Be­er­di­gun­gen sehr kurz hin­ter­ein­an­der. Mit da­bei: mei­ne Kin­der. War­um auch nicht? Kind 1 war er­staunt über die Ur­ne, Kind 2 er­freut über die Roll­stuhl­ram­pe zur Trau­er­hal­le, die je­des Mal herz­lich knarz­te, wenn es über sie trap­pel­te.

Der Tod ge­hört zum Le­ben. Klingt ba­nal, ist es aber nicht. Wie nah das The­ma ist, mer­ken vie­le erst, wenn Men­schen ster­ben, die ei­nem na­he­ste­hen. Das ist oft­mals auch gut so, denn stünd­lich an die ei­ge­ne Sterb­lich­keit zu den­ken ist si­cher nicht ge­sund fürs Ge­müt. Sich nicht zu ver­ab­schie­den von lie­ben Men­schen kann je­doch ge­nau­so un­ge­sund sein.

Tat­säch­lich ge­riet ich ein­mal in ei­ne Dis­kus­si­on be­sorg­ter El­tern, die nicht woll­ten, dass der von der Grund­schu­le emp­foh­le­ne Schul­weg ne­ben der Fried­hofs­mau­er ent­lang­gin­ge. Denn dann könn­ten die Kin­der ei­ne Be­er­di­gung se­hen und da­durch trau­ma­ti­siert wer­den, so die Be­fürch­tung. Viel­leicht ge­hö­ren die­se El­tern auch zu der Art Men­schen, die den Kin­dern nicht ver­rät, dass die lus­ti­ge Kin­der­wurst mit Ge­sicht tat­säch­lich mal leb­te und ein rich­ti­ges, wenn auch tie­ri­sches, Ge­sicht hat­te.

Doch man­che Sa­chen sind eben, wie sie sind – und dann soll­te man sie auch klar be­nen­nen. Fleisch war ein­mal le­ben­dig, und al­le Men­schen ster­ben ir­gend­wann ein­mal. Kein Kind muss wis­sen, dass ein Un­fall­tod be­son­ders grau­sam war oder die Krebs­er­kran­kung mit höl­li­schen Schmer­zen ein­her­ging. Aber dass je­mand ge­stor­ben und tot ist und nicht nur ein­ge­schla­fen, soll­te man ihm schon sa­gen. Sonst be­kommt das Kind nach­her noch Angst vor dem ganz nor­ma­len all­abend­li­chen Ein­schla­fen.

Tod und Trau­er sind nicht schön, aber eben un­ver­meid­lich.

Al­so soll­te man ler­nen, sich ih­nen zu stel­len.

Al­lein schon weil Kin­der wei­ser sind, als man­che Er­wach­se­ne es ih­nen zu­trau­en: Selbst Ba­bys spü­ren die Trau­rig­keit ih­rer El­tern. War­um ih­nen al­so et­was vor­ma­chen?

Als ich jung war, bin ich bei Sät­zen, die mit „Als ich jung war“be­gan­nen, in­ner­lich ein­ge­schla­fen; aber trotz­dem: Als ich jung war, war ich dau­ernd auf Be­er­di­gun­gen: Mei­ne Groß­el­tern star­ben im Zwei­jah­res­ab­stand 1984, 1986 und 1988. Bei den Be­er­di­gun­gen wa­ren wir Kin­der zwi­schen vier und 14 Jah­re jung. Kei­ner hät­te uns zu Hau­se ge­las­sen. Statt­des­sen war je­des Mal die kom­plet­te Fa­mi­lie mit da­bei, warf Blu­men und Er­de auf den Sarg. Da­vor

ging es mit al­len noch in die Lei­chen­hal­le, zum Ver­ab­schie­den. Da­nach gab es Sup­pe und den so­ge­nann­ten Be­er­di­gungs­ku­chen.

Die­se Ri­tua­le ga­ben der Trau­er ei­nen Rah­men. Na­tür­lich wur­de ge­weint, na­tür­lich war be­son­ders für uns Kin­der die Trau­rig­keit der El­tern ver­stö­rend. Aber das ge­hört doch zum Le­ben da­zu: zu be­grei­fen, dass es Ver­lus­te gibt, zu er­fah­ren, wie man mit ih­nen um­geht. Und zu se­hen, dass ir­gend­wann die Trau­er ver­blasst und es wie­der bes­ser wird. Wann, wenn nicht als Kind, soll­te man es ler­nen?

Dei­ne Co­rin­na

PS: Wo­vor ha­ben Dei­ne Kin­der Angst?

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