Ein Fa­bel­we­sen als Zeit­geist

Ein­hör­ner mit Kul­ler­au­gen al­ler­or­ten: Der Hys­te­rie auf der Spur

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Wochenende! - Von An­na­le­na Klein

Ein­hör­ner sind der­zeit so be­liebt wie lan­ge nicht. Für wirk­lich je­de Le­bens­la­ge gibt es ein Pro­dukt mit Ein­horn-Mo­tiv. Aber wo­her stammt die­se Ein­horn-Hys­te­rie? Ein Blick auf die glit­zern­den Fa­bel­we­sen, aus per­sön­li­cher und fach­li­cher Sicht.

Ver­gan­ge­nes Wo­che­n­en­de gab es kein Ent­kom­men mehr. Die Ein­hör­ner ha­ben Ein­zug in mei­ne Rea­li­tät ge­hal­ten. Zu Be­such bei Freun­den un­ter­hielt man sich über The­men, über die sich Men­schen An­fang und Mit­te 30 so un­ter­hal­ten: Bau­fi­nan­zie­rung, Über­stun­den­ab­bau und in wel­cher Kn­ei­pe das Bier frü­her nur 1,50 Eu­ro ge­kos­tet hat. Doch ir­gend­wie fühl­te man sich be­ob­ach­tet.

Denn da war die­se Vod­ka­fla­sche: Auf der Fla­sche war ein selbst ge­bas­tel­tes Eti­kett zu se­hen, und auf die­sem Eti­kett wie­der­um strahl­te dem Be­trach­ter in den al­ler­schöns­ten Text­mar­ker-Far­ben ein mil­de lä­cheln­des Ein­horn ent­ge­gen. Un­ter die­sem schwe­ben­den Fa­bel­we­sen wa­ren ein paar Wölk­chen ge­malt, dar­un­ter der Spruch „ri­de the rain­bow“, rei­te den Re­gen­bo­gen. Be­son­ders ma­gisch hat der Schnaps nicht ge­schmeckt. Aber al­les scheint bes­ser, wenn ein Ein­horn drauf ist.

Es könn­te jetzt ein­fach nur Zu­fall sein, dass mir ein Ein­horn über den Weg ga­lop­pier­te. Das war es aber mit Si­cher­heit nicht. Seit ge­rau­mer Zeit schwir­ren die­se Fa­bel­we­sen nicht mehr nur durch die Kin­der­zim­mer in Form von Plüsch und Plas­tik. Sie sind über­all.

Es glit­zert und blinkt uns aus den so­zia­len Netz­wer­ken und Su­per­markt­re­ga­len ent­ge­gen: Ein­horn-Kaf­fee­tas­sen wer­den stolz in die Ka­me­ra ge­hal­ten, Pro­mi­nen­te po­si­tio­nie­ren sich auf auf­blas­ba­ren Schwim­m­in­seln mit Ein­horn­kopf und Re­gen­bo­gen­schweif und wer­den da­für von ih­ren Fans fre­ne­tisch ge­fei­ert.

Vier­bei­ni­ge Salz- und Pfef­fer­streu­er kann man kau­fen, Ein­horn-Gum­mi­bär­chen oder Kü­chen­pla­ner und Klo­pa­pier mit ro­sa Ein­horn­mo­ti­ven. Und pin­ke Ein­horn-Brat­würst­chen stel­len das ab­sur­de En­de der Fa­bel­we­sen-Ver­wer­tungs­ket­te dar. Ei­ne vor­sich­ti­ge Um­fra­ge im Freun­des­kreis er­gab: Er­wach­se­ne, sehr ge­schätz­te Men­schen, de­nen ei­ne ge­wis­se geis­ti­ge Rei­fe zu­ge­stan­den wer­den kann, sind stol­ze Be­sit­zer von Ein­hornDusch­hau­ben.

Es stellt sich die Fra­ge: Wo­her kommt die­ser Trend um die ma­gi­schen We­sen? Pe­ter Wip­per­mann kann dies be­ant­wor­ten. Er ist ei­ner der re­nom­mier­tes­ten deut­schen Trend­for­scher und Pro­fes­sor für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­de­sign an der Folk­wang Uni­ver­si­tät der Küns­te in Es­sen. Und er be­stä­tigt den Ver­dacht ei­nes je­den Ein­hornskep­ti­kers: Der Trend ist aus den Kin­der­zim­mern auf den Rest der Be­völ­ke­rung über­ge­gan­gen. „So ein Trend ent­steht lang­sam“, sagt Wip­per­mann. Seit drei, vier Jah­ren sei der Hy­pe um das Ein­horn schon zu be­ob­ach­ten. An­ge­fan­gen ha­be das al­les mit Ein­hör­nern in den Un­ter­hal­tungs­me­di­en. Bei­spiels­wei­se durch die Ani­ma­ti­ons-Se­rie „Mia & Me“, in der Ein­hör­ner Aben­teu­er er­le­ben. „Die­ser Trend ist aus den Kin­der­zim­mern und durch die Kultur der Müt­ter in der Mit­te der Ge­sell­schaft an­ge­kom­men.“

Man muss fair sein und darf nicht ver­ges­sen, dass es im­mer mal wie­der Trend-Tie­re gibt. Eu­len, zum Bei­spiel, lug­ten vor ei­ni­gen Jah­ren auch aus jeg­li­chen Schau­fens­tern der Na­ti­on. Aber wer trägt heu­te noch Eu­len-Blu­sen? Nie­mand. Eben. Bei Ein­hör­nern ver­hält sich das je­doch an­ders: „Ein­hör­ner ha­ben ei­ne sym­bo­li­sche Kraft, und das nicht erst seit Kur­zem, son­dern seit 2000 Jah­ren. Als Fa­bel­we­sen sind sie deut­lich un­ter­schied­lich zu Mo­de­trends ‚wie Eu­len, Schnurr­bär­ten oder Fla­min­gos zu se­hen. Die­se Mo­de­trends über­ste­hen ja kaum das Jahr.“

Die­se Fa­bel­we­sen stün­den für Ein­zig­ar­tig­keit und Hoff­nung, sagt Wip­per­mann. „Ein­hör­ner sind als Sym­bol zu se­hen. Sie ste­hen für ei­ne Welt, die nie über­prüft wer­den kann.“

So gibt es an der Wall­s­treet das wei­ße Pferd mit dem Horn auf der Stirn als strah­len­des Sym­bol: Im „club of uni­corns“darf nur Mit­glied wer­den, wer sich ein mil­li­ar­den­schwer be­wer­te­tes Start-up-Un­ter­neh­men nen­nen kann, wie et­wa Snap­chat oder Uber.

Schon län­ger gilt das Ein­horn als ei­ne Art in­of­fi­zi­el­les Mas­kott­chen der Les­ben- und Schwu­len­be­we­gung, ganz nach dem Mot­to: „Sei stolz, sei frei, sei ein Ein­horn!“Wer sich um­hört, merkt, dass in der LGBTQI-Com­mu­ni­ty (Les­bi­an, Gay, Bise­xu­el, Trans­gen­der, Queer, In­ter­se­xu­al) der Ein­horn-Hy­pe teil­wei­se kri­tisch ge­se­hen wird; zu in­fla­tio­när scheint die Nut­zung des sym­bol­träch­ti­gen Tie­res.

Ein­hör­ner sind das edels­te We­sen, was man sich in my­thi­scher Hin­sicht vor­stel­len kann. Es sind Fa­bel­we­sen. Glaubt man den My­then der An­ti­ke, sind sie das Sym­bol für Rein­heit und das Gu­te, glaubt man Hol­ly­wood, sind sie an­mu­tig und theo­re­tisch un­sterb­lich, und glaubt man Ama­zon, be­steht Ein­horn-Pups aus Mar­sh­mal­low und kos­tet fünf Eu­ro die 20-Gramm-Pa­ckung.

Nach zeit­ge­nös­si­scher Darstel­lung sind es aber vor al­lem Glit­zer­tie­re, die auf Wol­ken le­ben und am liebs­ten gut ge­launt über Re­gen­bö­gen spa­zie­ren. Ist der Hy­pe um die Ein­hör­ner ein Be­weis für die In­fan­ti­li­sie­rung der Ge­sell­schaft? Pe­ter Wip­per­mann sieht dar­in eher ein Be­dürf­nis: „Sa­gen wir es so: Wie ent­steht Hun­ger? In dem Mo­ment, in dem ein De­fi­zit ent­steht, kom­men Sehn­süch­te auf, die be­frie­digt wer­den müs­sen. In ei­ner ra­tio­na­len Welt, in der al­les durch­kal­ku­liert ist, sehnt sich der Mensch nach ei­ner Wie­der­ver­zau­be­rung der Welt.“

Un­ser in­ne­res Kind ruft al­so nach et­was we­ni­ger Ernst­haf­tig­keit, for­dert mehr Glit­zer, mehr Ma­gie in un­se­rem All­tag. „Man er­in­nert sich ger­ne an die ei­ge­ne glück­li­che Kind­heit zu­rück. In un­ru­hi­gen Zei­ten zieht man sich in die Fan­ta­sie­welt zu­rück“, sagt der Trend­for­scher.

Ein wei­te­rer wich­ti­ger Aspekt beim Ein­horn-Trend: un­ser Kon­sum­ver­hal­ten. Rit­ter­sport bei­spiels­wei­se lan­de­te mit sei­ner li­mi­tier­ten Ein­horn-Scho­ko­la­de vor ei­ni­gen Mo­na­ten ei­nen PRCoup, von dem je­des Un­ter­neh­men nur träu­men kann: Die „ma­gi­schen“Scho­ko-Qua­dra­te der li­mi­tier­ten Edi­ti­on wa­ren in­ner­halb kür­zes­ter Zeit aus­ver­kauft, auf On­li­ne-Por­ta­len ver­lan­gen An­bie­ter hor­ren­de Sum­men für die sel­te­nen Ein­horn-Ta­feln.

Mar­ke­ting­ex­per­ten se­hen dar­in die idea­le Kom­bi­na­ti­on: ein Pro­dukt mit ei­nem Tier dar­auf, das sehr sel­ten und kost­bar ist – und dann auch noch als li­mi­tier­te Edi­ti­on. Da sagt der mensch­li­che Ver­stand: Muss ich ha­ben. Klar, dass auch Her­stel­ler an­de­rer Pro­duk­te ein sprich­wört­li­ches Stück vom Ein­horn-Ku­chen ha­ben wol­len. Für Ein­horn­ver­wei­ge­rer bleibt die Ge­nug­tu­ung, dass je­der Trend ein­mal vor­bei geht. Und auch wenn sich die Ein­hör­ner hart­nä­ckig hal­ten, wer­den sie ir­gend­wann wie­der in ih­rem Zau­ber­land ver­schwin­den.

Am Tag nach der Be­geg­nung mit dem Vod­ka-Ein­horn er­hielt ich au­ßer­dem ein Mit­bring­sel vom Stadt­fest. Es war ein ro­sa Bal­lonEin­horn. Da war es, das ers­te ei­ge­ne Ein­hor­nu­ten­sil. Es thront nun auf dem Bü­cher­re­gal – so lan­ge, bis die Luft

raus ist.

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