Wunsch­kind Ein­zel­kind

Ni­k­las’ Mut­ter will kei­nen wei­te­ren Nach­wuchs – und ern­tet da­für Kri­tik

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - In Der Familie - Von Cor­ne­lia Achen­bach

Wenn das Kind so zwei, drei Jah­re alt ist, in den Kin­der­gar­ten geht, viel­leicht schon kei­ne Win­del mehr braucht und nach dem völ­li­gen Wahn­sinn der Ba­by­zeit lang­sam so et­was wie Nor­ma­li­tät ein­tritt, dann kommt sie meis­tens, die Fra­ge: „Na, wie sieht es denn mit ei­nem zwei­ten aus?“Doch nicht al­le El­tern wol­len mehr als ein Kind. Und noch we­ni­ger wol­len sie, dass sich an­de­re Leu­te in die Fa­mi­li­en­pla­nung ein­mi­schen.

„Vie­le aus mei­nem Ge­burts­vor­be­rei­tungs­kurs ha­ben ge­ra­de ein zwei­tes be­kom­men“, er­zählt Me­la­nie H.* Als sie das Ba­by ei­ner Freun­din be­such­te, als ihr ei­ge­ner Sohn dem Neu­ge­bo­re­nen zärt­lich über das Haar strich, da war es wie ein klei­ner Stich. „Ich lag abends ne­ben mei­nem Mann im Bett und sag­te: Ni­k­las wä­re be­stimmt ein tol­ler gro­ßer Bru­der.“Ihr Mann ha­be sich zu ihr um­ge­dreht, sie an­ge­se­hen und ge­fragt: „Wol­len wir das al­les wirk­lich wie­der ha­ben? Die schlaf­lo­sen Näch­te? Die­se Fra­gen: Stil­len oder nicht stil­len? Die gan­zen Un­si­cher­hei­ten?“

Nein, das woll­te Me­la­nie H. nicht. Hin­zu kommt: Ih­re ers­te Schwan­ger­schaft war sehr be­schwer­lich. Nach Ni­k­las’ Ge­burt litt sie an ei­ner schwe­ren De­pres­si­on. „An­de­re El­tern sind viel­leicht ein­fach be­last­ba­rer als ich“, sagt die 32-Jäh­ri­ge. Ih­rem Um­feld neh­me sie da­her schnell den Wind aus den Se­geln: „Ich spre­che of­fen an, dass Ni­k­las ein Ein­zel­kind blei­ben wird.“Die Re­ak­ti­on aus dem Um­feld: „Ihr habt ja noch Zeit. Ab­war­ten.“

Ein Jun­ge, ein Mäd­chen

„Ge­hen Sie mal auf die Stra­ße und fra­gen Sie nach der op­ti­ma­len Kin­der­zahl – dann wird man Ih­nen ver­mut­lich zu fast hun­dert­pro­zen­ti­ger Wahr­schein­lich­keit sa­gen: zwei Kin­der. Ein Jun­ge und ein Mäd­chen“, sagt Dr. Chris­ti­an Alt vom Deut­schen Ju­gend­in­sti­tut. Die­ser Ide­al­ty­pus ha­be sich in den Köp­fen ge­fes­tigt. Doch wie wich­tig sind Ge­schwis­ter für Kin­der? „Das, was Ein­zel­kin­dern un­ter­stellt wird, näm­lich dass sie schlecht tei­len kön­nen, ver­wöhnt oder alt­klug sind, das sind bes­ten­falls noch Vor­ur­tei­le“, sagt der Wis­sen­schaft­ler. Fest ste­he zwar, dass Kin­der am meis­ten von an­de­ren Kin­dern lern­ten. Doch rund ein Drit­tel der Kin­der be­su­che im Al­ter von 15 Mo­na­ten ei­ne Krip­pe oder ei­ne Ta­ges­mut­ter, 84 Pro­zent der Vier­jäh­ri­gen ei­nen Kin­der­gar­ten. „Durch die In­sti­tu­tio­na­li­sie­rung von Kind­heit wur­den die Un­ter­schie­de zwi­schen Ein­zel­kin­dern und Kin­dern mit Ge­schwis­tern auf­ge­ho­ben“, sagt Alt.

Ni­k­las kam im Al­ter von zwölf Mo­na­ten in die Krip­pe. Me­la­nie H. ar­bei­tet wie­der. Ihr ist ih­re Ar­beit wich­tig. „Be­vor ich ein Kind be­kam, dach­te ich, dass ich ein rich­ti­ger Mut­ter­typ sei, aber jetzt weiß ich, dass ich auch die Be­stä­ti­gung durch mei­ne Ar­beit brau­che“, sagt die 32-Jäh­ri­ge. Und wenn die Fra­ge kä­me, ob sie sich nicht auch aus ego­is­ti­schen Grün­den da­für ent­schie­den ha­be, nur ein Kind groß­zu­zie­hen, sagt sie of­fen: „Ja. Aber soll ich nur mei­nem Kind zu­lie­be ein zwei­tes Kind be­kom­men? In der Hoff­nung, dass es da­mit mei­nem Kind even­tu­ell bes­ser geht? Am En­de zof­fen sich die bei­den nur und spre­chen im Er­wach­se­nen­al­ter kein Wort mit­ein­an­der. Das weiß man doch vor­her al­les nicht.“

Und wenn sie es doch ein­mal kon­kret aus­ma­le: zwei Kin­der, die in den Kin­der­gar­ten ge­bracht und ab­ge­holt wer­den müs­sen, die krank wer­den, die ge­wi­ckelt und ins Bett ge­bracht wer­den müs­sen. Ei­gent­lich sei es doch er­staun­lich, wie vie­le Fa­mi­li­en es trotz der Be­las­tung durch den Be­ruf, trotz die­ser schnell­le­bi­gen Zeit auf sich näh­men, zwei Kin­der und mehr zu be­kom­men.

Da­bei hat sich an der Zahl der Ein­zel­kin­der in den ver­gan­ge­nen 15 bis 20 Jah­ren kaum et­was ver­än­dert: „Der An­teil liegt bei rund 26 Pro­zent und hat sich da­mit kaum er­höht“, sagt Alt. Al­ler­dings sei es schwie­rig für Wis­sen­schaft­ler, ab wel­chem Zeit­punkt man von ei­nem Ein­zel­kind spre­chen kön­ne – denn die Frau­en be­kä­men ja im­mer spä­ter Kin­der. Ab wann kann man al­so ei­nen „Ha­ken“an die Sa­che ma­chen und si­cher sein, dass ei­ne Frau kein wei­te­res Kind be­kom­men wird?

Vor zwei Jah­ren hat ei­ne 65-jäh­ri­ge Ber­li­ne­rin im­mer­hin Vier­lin­ge zur Welt ge­bracht. Und wenn ei­ne Frau in hö­he­rem Al­ter noch ein Kind zur Welt bringt und zwi­schen den Ge­schwis­tern dann ein Al­ters­ab­stand von mehr als zehn Jah­ren liegt – wie stark ist dann hier noch die ge­schwis­ter­li­che Bin­dung? Oder ha­ben wir es viel­mehr mit zwei Ein­zel­kin­dern zu tun?

Kom­plet­te Fa­mi­lie

Manch­mal, wenn Me­la­nie H. El­tern sieht, die mit zwei Kin­dern durch die In­nen­stadt ge­hen, dann ist er da, die­ser Kom­plex. Das Ge­fühl, dass die­se Fa­mi­lie ir­gend­wie kom­plet­ter sei als die ei­ge­ne. „Das wird ei­nem von der Wer­bung und von Fern­seh­se­ri­en eben so vor­ge­gau­kelt, dass ei­ne Fa­mi­lie so aus­zu­se­hen ha­be“, sagt sie. Ei­ne Fa­mi­lie mit nur ei­nem Kind sei wahr­schein­lich zu lang­wei­lig für das Fern­se­hen. Zu we­nig Ac­tion. Zu we­nig Cha­os. Aber Me­la­nie H. reicht ihr Cha­os. „Viel­leicht sind mein Mann und ich auch ein­fach nicht so sehr Kin­der­ty­pen“, sagt sie. „Manch­mal sind wir auch ger­ne ein­mal frei.“

*Na­me auf Wunsch der Fa­mi­lie ge­än­dert

Ist ei­ne Fa­mi­lie mit nur ei­nem Kind we­ni­ger kom­plett als mit zwei Kin­dern? Fo­to: Colourbox.de

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