Start-up-Sze­ne setzt auf Food-Hy­pe

Ro­bo­ter in Re­stau­rants, Hips­ter als Land­wir­te und Wein­gü­ter in der Ci­ty: Die High­lights der Trend­mes­se SXSW

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Leben - Von Tho­mas Knüwer

In der Grün­der­sze­ne zäh­len Es­sen, Le­bens­mit­tel und Nah­rungs­pro­duk­ti­on zu den Trend­the­men über­haupt. Die Food-Bran­che gilt als das neue Si­li­con Val­ley. Un­ser Au­tor Tho­mas Knüwer woll­te das nie so recht glau­ben, bis er in die­sem Jahr das Trend­fes­ti­val „South by Sou­thwest“(SXSW) in Aus­tin, Te­xas, be­such­te. Dort ge­hört seit ein paar Jah­ren ei­ne Food-Sub­kon­fe­renz zum Pro­gramm, die ste­tig wächst. Und was Knüwer dort hör­te, „war be­ein­dru­ckend“. Egal ob In­no­va­ti­ons­ge­schwin­dig­keit, Be­geis­te­rung oder In­ves­to­ren­struk­tur: Vie­les, was der­zeit in den Be­rei­chen Gas­tro­no­mie, Le­bens­mit­tel­pro­duk­ti­on und -dis­tri­bu­ti­on zu se­hen ist, er­in­nert an das In­ter­net in den Jah­ren 1997/98. Hier die Top-Trends:

Ro­bo­tics: „Ro­bo­te­ri­sie­rung pas­siert“, sag­te An­na Tau­zin Rich vom Re­stau­rant­ver­band Te­xas: „Wir se­hen im­mer mehr Gas­tro­no­men, die ih­ren Ab­wasch von Ro­bo­ter­ar­men er­le­di­gen las­sen.“Die ka­li­for­ni­sche Fast-Food-Ket­te Ca­liBur­ger ar­bei­tet da­ge­gen mit Flip­py, ei­nem Ro­bo­ter, der Burger im rich­ti­gen Mo­ment wen­det. Die Piz­za-Ket­te Zu­me geht noch ei­nen Schritt wei­ter: Ih­re Teig­bö­den wer­den schon bald von ei­nem Ro­bo­ter be­legt und dann in das mit 56 klei­nen Öfen aus­ge­stat­te­te Lie­fer­fahr­zeug trans­por­tiert wer­den. Erst auf dem Weg zum Kun­den wird die Piz­za dann so zu­be­rei­tet, dass sie bei der An­kunft beim Be­stel­ler fer­tig ist.

Lo­ka­le Pro­duk­te: In an­de­ren Be­rei­chen der Re­stau­rant­bran­che wer­den schein­bar fest­ste­hen­de Grund­sät­ze über den Hau­fen ge­wor­fen. Zum Bei­spiel, dass im Fast Food-Be­reich kein Farm-to-Ta­ble mög­lich sei. Sprich: Kei­ne Bil­lig­ket­te könn­te ei­ne rein lo­ka­le Zu­ta­ten­be­schaf­fung fi­nan­zie­ren, schließ­lich sind Ein­kaufs­vor­tei­le ein Grund, war­um die­se Form von Gas­tro­no­mie nied­ri­ge Prei­se of­fe­rie­ren kann.

Da­mit auf­räu­men will Kim­bal Musk, der Bru­der von Tes­la-Grün­der Elon. Auch er mach­te sein Geld bei der Grün­dung von Pay­pal, wähl­te aber ei­nen an­de­ren Weg als sein Bru­der: Er ab­sol­vier­te ei­ne Koch­leh­re und be­koch­te 2001 die Feu­er­wehr­män­ner am Ground Ze­ro. Dann folg­te das Re­stau­rant „The Kit­chen“in Boul­der – ei­nes der ers­ten Farm-to-Ta­ble-Re­stau­rants.

Doch ei­ne Fi­lia­le reich­te ihm nicht: „Ich sit­ze im Auf­sichts­rat von Tes­la und an­de­ren Un­ter­neh­men. Und wenn man da all die­se ho­hen Zah­len hört ...“Al­so woll­te auch er wie­der gro­ße Zah­len vor­wei­sen. Aus „The Kit­chen“ist ei­ne Ket­te ge­wor­den, hin­zu kom­men zwei Kon­zep­te, die je ein Stück tie­fer an­ge­sie­delt sind.

Um den Farm-to-Ta­ble-An­satz zu er­mög­li­chen, fo­kus­siert sich Musk auf die Mit­te Ame­ri­kas, denn dort ist die Kon­kur­renz we­ni­ger in­ten­siv als an den Food-ver­rück­ten Küs­ten. Auf die­sem Weg will Musk je­ne ku­li­na­risch ver­ru­fe­ne Mit­te Ame­ri­kas, das „He­art­land“, be­kannt ma­chen mit „Re­al Food“: Le­bens­mit­teln aus der Re­gi­on, frisch und nicht in­dus­tri­ell ver­ar­bei­tet. Die­sem Ziel die­nen auch Schul­gär­ten, die er im Rah­men ei­nes ge­mein­nüt­zi­gen Un­ter­neh­mens mit Goog­le in ganz Ame­ri­ka er­rich­ten lässt. 400 da­von gibt es be­reits.

Land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­te

oh­ne Land­wir­te: Auch in der Pro­duk­ti­on der Zu­ta­ten tut sich viel. Bey­ond Meat und Im­pos­si­ble Foods hei­ßen die bei­den Start-ups, die aus Pflan­zen­pro­te­inen ve­ge­ta­ri­sche Burger-Bu­let­ten pro­du­zie­ren, wel­che weit­aus schmack­haf­ter sein sol­len als To­fu und Co. Schon tes­ten ers­te Ham­bur­ger-Re­stau­rants 50/50-Burger, die zur Hälf­te aus Fleisch und zur an­de­ren Hälf­te aus Pro­te­in-Er­satz be­ste­hen.

Den stei­gen­den Be­darf an fri­schen Zu­ta­ten will auch Lo­cal Roots stil­len. Das Start-up aus Los An­ge­les ent­wi­ckelt Kon­zep­te für In­door-Far­ming. Im Mes­se­be­reich der SXSW prä­sen­tier­te Lo­cal Roots ei­nen Truck in des­sen Con­tai­ner Sa­lat an­ge­baut wur­de – um­flu­tet von hip­pem li­la Licht.

Wein­gü­ter in der Groß­stadt: Lo­cal Roots steht für ei­nen Trend, den Ben Pe­ar­son so be­schreibt: „Wir brin­gen die Pro­duk­ti­on zu den Men­schen.“Pe­ar­son ist Chef von „The In­fi­ni­te Mon­key Theo­rem“, ei­nem von 16 Wein­gü­tern in Den­ver. Wohl­ge­merkt, nicht in der Nä­he von Den­ver – son­dern in der Stadt. Die Trau­ben wer­den wei­ter auf dem Land an­ge­baut, doch dank ver­bes­ser­ter Lo­gis­tik kön­nen sie heu­te oh­ne Qua­li­täts­ver­lust über ei­ne län­ge­re Stre­cke trans­por­tiert wer­den. So­mit ver­än­dert sich das Mar­ke­ting der Jung­win­zer. Muss­ten sie als Neu­lin­ge bis­her Han­del und Re­stau­rants über­zeu­gen, sind ih­re ers­ten Kun­den heu­te die Nach­barn in der Stadt. Und statt ei­nes Tas­ting Rooms er­öff­nen sie Wein­bars, so wie Braue­rei­en einst mit ei­nem Aus­schank star­te­ten. So­gar in Lon­don gibt es mit „Lon­don Cru“das ers­te in­ner­städ­ti­sche Wein­gut.

Mill­en­ni­als: Erst mes­sen, dann es­sen, dann tei­len: Ge­trie­ben wird der Food-Trend von den Mill­en­ni­als, al­so den 17- bis 37-Jäh­ri­gen. Sie sind die ers­te Ge­ne­ra­ti­on, die mehr Geld für Es­sen aus­gibt als für Klei­dung, sagt Eve Paul Tu­row, Au­to­rin des Buchs „A Tas­te of Ge­ne­ra­ti­on Yum“. Denn die­se Ge­ne­ra­ti­on sei von vie­len Zu­kunfts-und Exis­tenz­ängs­ten ge­plagt. Sich da­mit zu be­schäf­ti­gen, was sie äßen, ver­schaf­fe Mill­en­ni­als drei­mal am Tag „das Ge­fühl, Kon­trol­le über das ei­ge­ne Le­ben zu ha­ben“.

Auch Selbst­ver­mes­sung ver­schafft die­ses Kon­troll­ge­fühl. Nach­dem es seit ei­ni­gen Jah­ren An­bie­ter von DNA-Tests auf Ba­sis von Spei­chel­pro­ben gibt, kommt nun die nächs­te Wel­le von Ana­ly­sel­ö­sun­gen wie Ha­bit. Hier er­hal­ten Kun­den ein op­tisch an­spre­chen­des Pa­ket, mit dem sie sich ei­ne Spei­chel­pro­be so­wie drei Blut-Pro­ben ab­neh­men, für Letz­te­re reicht ein Piks in den Fin­ger. Zwi­schen­durch müs­sen sie ei­nen Tag lang fas­ten und da­nach ei­ne mit­ge­lie­fer­te Fer­tig­d­rink­mi­schung zu sich neh­men. Ha­bit wer­tet all das aus und lie­fert dann ei­nen in­di­vi­du­el­len Er­näh­rungs­plan.

Von sol­chen Trends will auch Pa­na­so­nic pro­fi­tie­ren. Der Elek­tro­nik­kon­zern prä­sen­tier­te in sei­nem Fir­men­haus den Pro­to­typ Ca­loRie­co: Der Nut­zer schiebt sei­nen Tel­ler mit Es­sen in das Ge­rät, dort wird es ge­wo­gen, ver­mes­sen und sei­ne Be­stand­tei­le er­kannt – Es­sen und Tech­nik: Der Ca­loRie­co von Pa­na­so­nic (oben) ana­ly­siert die Er­näh­rungs­wer­te von Mahl­zei­ten. Die­se wer­den heut­zu­ta­ge mit Vor­lie­be in so­zia­len Netz­wer­ken ge­teilt und be­wer­tet (links). Viel Wert wird da­bei auf lo­ka­le Her­stel­lung ge­legt: In ei­nem li­la be­leuch­te­ten Foo­dT­ruck wird et­wa Sa­lat an­ge­baut (rechts).

Fo­tos: imago/Wol­terFo­to, Knüwer an­schlie­ßend zeigt der Bild­schirm Er­näh­rungs­wer­te wie Ka­lo­ri­en oder Fett­ge­halt.

„Für die­se Ge­ne­ra­ti­on ist Food ei­ne so­zia­le Wäh­rung“, be­stä­tigt Vik­ram Bhas­ka­ran, Mit­grün­der des So­ci­al Net­works Pin­te­rest: „Wann im­mer ei­ne Kon­ver­sa­ti­ons­pau­se ent­steht, zie­hen Mill­en­ni­als ihr Han­dy und zei­gen, wo sie zu­letzt gut ge­ges­sen ha­ben – ob­wohl sie gleich­zei­tig kaum ih­re Mie­te zah­len kön­nen.“

Die­ser Wil­le, sich per Es­sen et­was Gu­tes zu tun treibt auch Ge­schäfts­mo­del­le. Bei­spiel: Blue Apron. Das Un­ter­neh­men ver­schickt Bo­xen mit Zu­ta­ten und Re­zep­ten, be­tont da­bei aber sei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit un­ab­hän­gi­gen Far­mern. Er­folg: Wäh­rend deut­sche An­bie­ter wie Hel­lo Fresh nicht recht Fuß fas­sen, schreibt Blue Apron schwar­ze Zah­len bei ei­nem Um­satz zwi­schen 750 Mio. und 1 Mrd. US-Dol­lar. Den Un­ter­schied macht auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on: Hel­lo Fresh be­tont, wie le­cker die so ge­koch­ten Ge­rich­te sind – Blue Apron die Qua­li­tät der Zu­ta­ten.

Manch ei­ner je­ner Mill­en­ni­als über­denkt dann so­gar sei­ne Le­bens­pla­nung. Un­ter Groß­stadt­Hips­tern an der Ost- und West­küs­te gibt es ei­nen neu­en

Wunsch­be­ruf: Land­wirt. Tho­mas Knüwer ist Grün­dungs­part­ner der di­gi­ta­len Stra­te­gie­be­ra­tung kpunkt­null. Der ehe­ma­li­ge „Han­dels­blatt“-Re­dak­teur bloggt über Me­di­en und Mar­ke­ting in sei­nem Blog „In­dis­kre­ti­on Eh­ren­sa­che“und über Es­sen und Rei­sen bei Go­to­rio. In die­sem Jahr fuhr er zum sechs­ten Mal zur SXSW.

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