„Wie toll ist das denn?“

Zwil­ling­s­töch­ter „zwin­gen“die Schau­spie­le­rin und Mut­ter Ni­na Pe­tri da­zu, durch die Welt zu rei­sen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Im Gespräch - Von Joa­chim Schmitz Mehr aus die­sem Ge­spräch und al­le gro­ßen Sams­tags­in­ter­views le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de/ sams­tags­in­ter­view

Sie sind sel­ten ge­wor­den, die Auf­trit­te der wun­der­ba­ren Schau­spie­le­rin Ni­na Pe­tri im deut­schen Fern­se­hen. Man­gels gu­ter Rol­len­an­ge­bo­te hat sie sich mehr auf Hör­bü­cher, Le­sun­gen und das Thea­ter ver­legt. Nächs­ten Frei­tag aber ist sie mal wie­der zu se­hen – als kin­der­feind­li­che Top-Ar­chi­tek­tin in ei­ner ARD-Ko­mö­die über die Ver­ein­bar­keit von Kar­rie­re und Fa­mi­lie. Im Gar­ten ei­nes Ham­bur­ger Ca­fés un­ter­hal­ten wir uns über ih­ren Wer­de­gang, ih­re deutsch­bra­si­lia­ni­schen Zwil­ling­s­töch­ter und ih­re Pro­jek­te:

Frau Pe­tri, Ih­re Zwil­ling­s­töch­ter Pa­pou­la und Moema stu­die­ren in Frei­burg und in Schott­land. Das klingt nach mög­lichst weit weg von Ham­burg. Die bei­den sind ja Halb-Bra­si­lia­ne­rin­nen und al­lein durch ih­re Bi-Na­tio­na­li­tät schon sehr welt­of­fen. Und ich fänd’ s auch ein biss­chen blöd, wenn sie zum Stu­die­ren hier in Ham­burg ge­blie­ben wä­ren. Pa­pou­la stu­diert in Schott­land Psy­cho­lo­gie, hat so­gar schon ih­ren Ba­che­lor-Ab­schluss ge­macht, sucht sich jetzt ei­nen Job und bleibt auch erst mal auf der In­sel. In ei­nem drei­vier­tel Jahr hat sie fünf Jah­re da ge­lebt und trotz Br­ex­it ih­re un­ein­ge­schränk­te Auf­ent­halts­er­laub­nis.

Und Moema?

Die hat­te im­mer schon ein Au­ge auf Frei­burg ge­wor­fen, und da wur­de auch Rus­sisch und Chi­ne­sisch an­ge­bo­ten, was sie stu­die­ren woll­te. Seit Sep­tem­ber letz­ten Jah­res ist sie jetzt für ein Jahr in Twer und stu­diert dort.

Schau­spie­le­rei war nie ein The­ma für Ih­re Töch­ter? Ei­gent­lich nicht, auch wenn Moema mal eher halb­her­zig ein paar Auf­nah­me­prü­fun­gen ge­macht hat. Aber die bei­den ha­ben na­tür­lich mit­ge­kriegt, dass der Be­ruf nicht nur Son­nen­sei­ten hat. Sie fan­den es auch gar nicht so pri­ckelnd, ei­ne pro­mi­nen­te Mut­ter zu ha­ben. Da ka­men eher Sprü­che wie: Ma­ma, wie­so spre­chen die dich schon wie­der an? Kön­nen wir jetzt mal wei­ter­ge­hen?

Jetzt sind die bei­den aus dem Haus. Hat das weh­ge­tan oder war es eher ei­ne Er­leich­te­rung für Sie? So­wohl als auch. Als sie 15 wa­ren, sind die bei­den für ein Jahr nach Bra­si­li­en ge­gan­gen, da hat­te ich schon mal ein Übungs­jahr. Seit zwei Jah­ren fin­de ich es so­gar rich­tig ge­ni­al, denn ich be­su­che jetzt mei­ne Kin­der da, wo sie sind. Ei­ne mei­ner Töch­ter hat­te ei­nen Freund in Ruan­da, al­so war ich auch mal in Ruan­da. Ich war in Chi­na, über Weih­nach­ten und Sil­ves­ter war ich in Russ­land, na­tür­lich schon ein paar Mal in Frei­burg, und bald fah­re ich wie­der nach Schott­land. Wie toll ist das denn? Mei­ne Töch­ter zwin­gen mich da­zu, durch die Welt zu rei­sen.

Sie ha­ben ja mehr­fach sehr of­fen über die Schat­ten­sei­ten Ih­res Be­rufs ge­spro­chen. Was gab’s für Re­ak­tio­nen? In mei­ner Bran­che ha­be ich un­fass­bar viel po­si­ti­ven Zu­spruch be­kom­men. Wo­bei ich nicht ge­ahnt hat­te, dass es fast so ist, als wür­de man sich aus­zie­hen. Bis heu­te wer­de ich im­mer wie­der dar­auf an­ge­spro­chen. Wenn wir am Thea­ter ar­bei­ten oder Fil­me dre­hen, zah­len wir im­mer in die So­zi­al­kas­sen ein, al­so auch in die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung. Und dann kommt es wie bei mir: Ich hat­te letz­tes und vor­letz­tes Jahr meh­re­re Thea­ter­en­ga­ge­ments und war mir ei­gent­lich to­tal si­cher, dass ich zum ers­ten Mal in mei­nem Le­ben ei­nen An­spruch auf Ar­beits­lo­sen­geld ha­be. Am En­de fehl­ten mir acht Ta­ge – En­de im Ge­län­de. Was krie­gen Sie dann? Gar nichts. Mir geht’ s ja gut, ich hab ja Geld. Mei­ne Si­tua­ti­on ist okay, aber Kol­le­gen, die nicht noch so viel frei­be­ruf­lich ar­bei­ten kön­nen wie ich mit mei­nen Le­sun­gen und Hör­bü­chern, ste­hen ganz an­ders da. Die krie­gen Hartz IV. Was nutzt ei­ne Ta­ges­ga­ge von 2000 Eu­ro, wenn Sie nur vier sol­che Dreh­ta­ge im Jahr ha­ben? Ich ha­be über­mor­gen mei­nen zwei­ten voll be­zahl­ten Dreh­tag in die­sem Jahr, und ich bin rich­tig froh, dass ich die­se an­de­ren Be­rei­che ha­be, denn vom Dre­hen könn­te ich schon lan­ge nicht mehr le­ben, und die Kin­der hät­te ich da­von seit min­des­tens zehn Jah­ren nicht mehr durch­füt­tern kön­nen. Ei­ne Zeit lang hat­te ich den Ein­druck, dass man mich im­mer fragt, wenn es um No- oder Lo­wBud­get-Fil­me geht. Aber wenn Geld da ist, nimmt man die an­de­ren.

Sind die Ga­gen nicht auch un­ge­recht ver­teilt? Ma­ria Furt­wäng­ler kas­siert an­geb­lich pro Tat­ort 220 000 Eu­ro und hat am En­de viel­leicht neun Mil­lio­nen Zu­schau­er – wenn

Ni­na Pe­tri Tat­or­tKom­mis­sa­rin wür­de, hät­te sie viel­leicht 8,8 Mil­lio­nen Zu­schau­er, aber ei­ne deut­lich ge­rin­ge­re Ga­ge. Mir ist es so was von egal, was an­de­re Leu­te ver­die­nen. Ich möch­te ein­fach von dem le­ben kön­nen, was ich tue. Bei den Sen­de­an­stal­ten sit­zen je­de Men­ge Re­dak­teu­re, die je­den Mo­nat ihr fes­tes Ge­halt ha­ben und dar­über be­stim­men, ob ich ei­nen Job krie­ge oder nicht. Sie und nicht mehr die Re­gis­seu­re be­set­zen die Fil­me, und wie tun sie es? Sie ach­ten auf die Ein­schalt­quo­ten und gu­cken bei Face­book, wie vie­le Li­kes je­mand hat. Es gibt kaum noch Leu­te bei den Sen­dern, die ei­nen Stoff wirk­lich mit Lei­den­schaft be­han­deln. Des­we­gen se­hen wir ja auch im­mer die­sel­ben Ge­sich­ter im Fern­se­hen.

Al­so mehr Ab­wechs­lung?

Ich will doch nicht in der zehn­ten Rol­le se­hen, wie die­ser oder je­ne Schau­spie­ler mit den glei­chen Be­we­gun­gen und dem glei­chen Ge­sichts­aus­druck wie­der was an­de­res ver­sucht zu spie­len. Da wür­de ich auch ir­gend­wann an mei­ne Gren­zen kom­men und den­ken: Was soll ich denn jetzt noch an­ders ma­chen? Ir­gend­wann nützt auch das Haa­re­fär­ben nichts mehr. Was ist denn das Schö­ne an die­sen gan­zen Se­ri­en aus En­g­land, Ame­ri­ka und den nor­di­schen Län­dern? Dass man auf der gan­zen Li­nie neue Schau­spie­ler und neu­en Stoff ge­lie­fert be­kommt. Hat­ten Sie im Lau­fe Ih­rer Kar­rie­re mal das Ge­fühl, ganz un­ten zu sein? Frü­her war das schlim­mer, und es war auch schlecht für mei­ne Kin­der, wenn Sie mit­krieg­ten, dass ih­re Mut­ter ein biss­chen Pa­nik schiebt. Da war ich nicht cool ge­nug, aber ich war ja auch al­lein und hat­te kei­nen Part­ner, der das hät­te aus­glei­chen kön­nen.

Wor­an hat es denn ge­ha­pert?

Nach­dem ich mit An­fang 30 mit Fil­men wie „Töd­li­che Ma­ria“, „Lo­la rennt“und „Bin ich schön?“sehr er­folg­reich war, hat­te ich ge­dacht, dass es jetzt los­geht. Es ging aber nicht los. Ich weiß nicht, was da pas­siert ist, und ha­be es bis heu­te nicht ver­stan­den. Da­mals ha­be ich mal dar­über nach­ge­dacht, ei­nen an­de­ren Plan auf­zu­ma­chen. Aber das, was ich mir hät­te vor­stel­len kön­nen, war ei­gent­lich ähn­lich be­scheu­ert: Archäo­lo­gie und Lin­gu­is­tik zu stu­die­ren. Am En­de hat’ s ja im­mer ir­gend­wie hin­ge­hau­en. Ir­gend­wann ge­wöhnt man sich ein we­nig an die­se Exis­tenz­ängs­te und merkt: Ir­gend­wie kommt im­mer was.

Als Schau­spie­le­rin Mut­ter zu wer­den ist ver­mut­lich auch nicht ganz ein­fach. Als ich mei­ne Kin­der krieg­te, war ich ge­ra­de 31 ge­wor­den, und die gan­ze Bran­che wuss­te Be­scheid. Mein Mann und ich wa­ren ge­ra­de su­per­arm, weil kei­ner von uns Geld ver­dient hat. Nur ein Cas­ter hat­te es nicht mit­be­kom­men. Und der rief mich an: Du, Ni­na, ich hab da ’ ne Rol­le dich. Zehn Dreh­ta­ge für die Se­rie „Wes­ter­deich“, ei­ne bel­gi­sche Pro­duk­ti­on.

Und?

Ich ha­be ihn ge­fragt: Hast du gar nicht mit­ge­kriegt, dass ich Zwillinge ge­kriegt ha­be? Und ich still die voll, das heißt, die krie­gen nichts an­de­res. Wenn du dem Pro­du­zen­ten klar­ma­chen kannst, dass ich mei­ne Kin­der mit­neh­me, da­zu noch mei­nen Mann oder mei­ne Mut­ter, und dass ich voll stil­le, ih­nen al­so al­le drei St­un­den die Brust ge­be, dann ver­such das mal. Ich will aber mei­ne vol­le Ta­ges­ga­ge. We­nig spä­ter rief er wie­der an und sag­te: Ist ge­bongt. Und dann stand tat­säch­lich auf je­der Dis­po­si­ti­on: Den Be­dürf­nis­sen der Zwillinge von Frau Pe­tri ist un­be­dingt Fol­ge zu leis­ten.

Wie sah das dann aus? Wir ha­ben in Cux­ha­ven ge­dreht. Mein Mann ist dann am Deich mit den Kin­dern spa­zie­ren ge­gan­gen, und wenn die sich be­merk­bar ge­macht ha­ben, hat er sich übers Wal­ky Tal­ky ge­mel­det – da­mals gab’ s noch kei­ne Han­dys. Dann brauch­te er noch ma­xi­mal zehn Mi­nu­ten, wir hat­ten ei­nen ex­tra Raum zum Stil­len, ich hab den Dreh un­ter­bro­chen, die bei­den an­ge­legt – ei­ne links, ei­ne rechts –, dann ha­ben sie ge­trun­ken, und schließ­lich ha­be ich ih­nen noch die Win­deln ge­wech­selt. Das dau­ert al­les in al­lem ei­ne St­un­de. Und dann bin ich wie­der zum Dreh. Das hat uns da­mals ge­ret­tet, weil end­lich mal wie­der Geld floss. Aber es wä­re heu­te un­denk­bar. Heu­te wür­den sie sa­gen: Balla­bal­la, geht’ s noch? Ei­ne Frau mit Zwil­lin­gen am Set?

Der Va­ter Ih­rer Töch­ter ist Bra­si­lia­ner. Ja, er war Men­schen­recht­ler in Bra­si­li­en. Ein Kämp­fer für die Rech­te der Schwar­zen, er selbst ist ja auch Schwar­zer. In Rio ist er ziem­lich be­rühmt, An­ti­ras­sis­mus und Men­schen­rech­te sind sei­ne Le­bens­the­men. Aber sei­nen Ver­pflich­tun­gen als un­ter­halts­pflich­ti­ger Va­ter ist er nie nach­ge­kom­men. Das war schon krass, da ist bis zum heu­ti­gen Tag nichts zu er­war­ten.

Wie alt wa­ren Ih­re Töch­ter, als Sie sich ge­trennt ha­ben? Drei, das ist schon ewig lan­ge her. Bis vor fünf Jah­ren hat er in Deutsch­land ge­lebt, und mei­ne Töch­ter hat­ten auch im­mer Kon­takt zu ihm und be­su­chen ihn jetzt in Bra­si­li­en.

Le­sun­gen, Thea­ter und Hör­bü­cher sind heu­te Ih­re haupt­säch­li­chen Stand­bei­ne. Wie liest man ei­gent­lich so ein Hör­buch ein? Muss man das pro­ben, oder kann man auch ein Buch le­sen, das man gar nicht kennt? Es soll ja Kol­le­gen ge­ben, die das ma­chen und schum­meln sich ganz ge­schickt um das Nicht­ver­ste­hen des Tex­tes her­um. Aber ich hö­re es, wenn es so ist. Ich le­se die Tex­te ein­mal, mar­kie­re mir be­stimm­te Sa­chen, ge­he ins Stu­dio und le­se. Das Tol­le ist, dass ich al­le Rol­len ein­neh­men kann – ich darf ja al­les sein: Kind, Mann, Frau, die Lei­den­den, die Wit­zi­gen, die Fie­sen. Ne­ben­her ent­wer­fe ich auch noch das gan­ze Sze­na­rio, und das al­les nur mit mei­ner Stim­me. Das macht ei­nen Höl­len­spaß. Es ist, als wür­de ich ei­nen Film dre­hen und al­le Rol­len spie­len. Ich bin Re­gis­seu­rin, Schau­spie­le­rin, Büh­nen­bild, ein­fach al­les.

Und wel­ches ha­ben Sie am liebs­ten ein­ge­le­sen? Es gibt ein re­la­tiv al­tes Hör­buch, das ich wirk­lich sehr ger­ne ge­macht ha­be und das auch ei­ne rich­ti­ge Her­aus­for­de­rung für mich war. Das war ein Buch von An­na Ga­val­da, die­ser fran­zö­si­schen Au­to­rin: „Ich ha­be sie ge­liebt“, ei­ne re­la­tiv kur­ze Ge­schich­te. In der Kü­che un­ter­hal­ten sich Schwie­ger­va­ter und Schwie­ger­toch­ter und trin­ken da­bei ei­nen gu­ten fran­zö­si­schen Wein. Sie hat sich ge­ra­de von ih­rem Mann ge­trennt, al­so vom Sohn des Schwie­ger­va­ters. Und dann er­zählt er von sei­ner gro­ßen Lie­be und sei­nem Le­ben. In die Fi­gur die­ses al­ten Man­nes ein­zu­tau­chen war so was von toll für mich. Ich konn­te sei­ne Ge­füh­le so rich­tig nach­emp­fin­den, das war wirk­lich groß­ar­tig.

Die Kämp­fe­rin: Ni­na Pe­tri hat nicht nur ih­re Töch­ter al­lein auf­ge­zo­gen, son­dern auch im Be­ruf so man­che Hür­de über­win­den müs­sen. Fo­to: Hei­ner Orth

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