„Wo ist das Uni­ons-Kon­zept zur Ren­te?“

Nah­les kün­digt SPD-Plan für En­de Ju­ni an

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Bea­te Ten­fel­de

Was genau plant die SPD für Rent­ne­rin­nen und Rent­ner? Und war­um ist das ge­plan­te Rück­kehr­recht von Teil- in Voll­zeit ge­platzt? Da­zu im In­ter­view die Bun­des­mi­nis­te­rin für Ar­beit und So­zia­les, Andrea Nah­les (SPD).

Frau Nah­les, Spöt­ter nen­nen die SPD ma­nisch-de­pres­siv, mal him­mel­hoch jauch­zend, mal zu To­de be­trübt. Sind Auf­stieg und Fall von Mar­tin Schulz ein Be­weis da­für?

Blöd­sinn. Die SPD ist die äl­tes­te Par­tei Deutsch­lands und kämpft seit je­her für den Fort­schritt in un­se­rem Land – mit le­ben­di­gen Dis­kus­sio­nen und mit gro­ßem Er­folg. In die­ser Le­gis­la­tur ha­ben wir al­lein im Ar­beits- und So­zi­al­mi­nis­te­ri­um fast vier­zig Ge­set­ze durch­ge­setzt. Be­son­ders wich­tig war si­cher der Min­dest­lohn und die Ren­te ab 63. Nun geht es um die Ide­en für die Zu­kunft, die stellt Mar­tin Schulz in sei­nem Pro­gramm ganz kon­kret vor.

Wie kommt die SPD aus dem Loch her­aus, wenn sie im Ent­wurf für das Wahl­pro­gramm zur wich­ti­gen Fra­ge Ren­te va­ge bleibt?

Das Wahl­pro­gramm der SPD wird En­de Ju­ni beim Par­tei­tag in Dort­mund be­schlos­sen, bis da­hin wer­den Mar­tin Schulz und ich ein kon­kre­tes Kon­zept zur Ren­te vor­stel­len. Klar ist: Wir wol­len ge­mein­sam das Ren­ten­ni­veau sta­bi­li­sie­ren. Es ist doch nicht die SPD, die va­ge bleibt. Ich fra­ge mich viel­mehr: Wo sind ei­gent­lich die Ant­wor­ten der CDU/CSU? Was will Frau Mer­kel bei der Ren­te?

Wo muss es lang­ge­hen, da­mit bei der Ren­te die Ba­lan­ce stimmt?

Die Sta­bi­li­tät der Ren­ten­ver­si­che­rung und da­mit die Fra­ge der Si­cher­heit im Al­ter hat für die Men­schen ab­so­lu­te Prio­ri­tät. Da­zu brau­chen wir ei­ne dop­pel­te Hal­t­el­i­nie. Zum ei­nen ei­ne ge­setz­li­che Fest­le­gung, um das sin­ken­de Ren­ten­ni­veau auf­zu­fan­gen. Und zum an­de­ren müs­sen wir da­für sor­gen, dass die Bei­trä­ge nicht in den Him­mel wach­sen. Das ist ei­ne Fra­ge der Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit – auch die Jun­gen sol­len sich auf ei­ne sta­bi­le Ren­te ver­las­sen kön­nen. Das be­deu­tet na­tür­lich auch, dass wir hier­für zu­sätz­li­che Steu­er­mit­tel brau­chen, um die Bei­trags­zah­ler nicht über Ge­bühr zu be­las­ten.

Der Staat er­wirt­schaf­tet bis 2020 ein Steu­er-Plus von 54 Mil­li­ar­den Eu­ro. Wo­für wür­den Sie es aus­ge­ben?

In­ves­ti­tio­nen. Wir le­ben von der Sub­stanz, denn seit vie­len Jah­ren bleibt das rea­le Wachs­tum in un­se­rem Land hin­ter dem wirt­schaft­li­chen Wachs­tum zu­rück. Die­se In­ves­ti­ti­ons­lü­cke müs­sen wir schlie­ßen. Wir brau­chen gu­te Schu­len, mehr Po­li­zei, sta­bi­le Stra­ßen, ver­läss­li­che Ren­ten und mo­der­ne di­gi­ta­le In­fra­struk­tur. Da­für sind Steu­er­mit­tel da, das ist gut so.

Das von Ih­nen ge­plan­te Ge­setz zum Rück­kehr­recht von Teil- in Voll­zeit ist ge­schei­tert. Und nun?

Das ist ein kla­rer Bruch des Ko­ali­ti­ons­ver­tra­ges. Frau Mer­kel ver­wehrt da­mit Hun­dert­tau­sen­den Frau­en den Weg aus der Teil­zeit­fal­le. Ich ha­be bis zum Schluss Lö­sun­gen ge­sucht. Aber die Stra­te­gie von Uni­on und Ar­beit­ge­bern war Klein­ko­chen. Am En­de war es klar, dass Uni­on und Ar­beit­ge­ber das Ge­setz nicht wol­len. Denn all ih­re Vor­schlä­ge ziel­ten auf bü­ro­kra­ti­sche Hür­den, um die prak­ti­sche An­wen­dung des Ge­set­zes zu ver­hin­dern – es soll­te für so we­ni­ge Frau­en wie ir­gend mög­lich die­ses Recht in An­spruch neh­men kön­nen. Ein Ge­setz, das aber ei­nen Groß­teil der Be­rech­tig­ten von vorn­her­ein aus­schließt, ma­che ich nicht mit.

Rück­blick auf die letz­ten vier Jah­re: Was lief falsch? Und was woll­ten Sie sonst noch durch­set­zen?

Wir ha­ben als Bun­des­re­gie­rung ei­ne gu­te Bi­lanz in schwie­ri­gen Zei­ten vor­ge­legt. Die SPD-Mi­nis­ter wa­ren stets die trei­ben­de Kraft. Bei zen­tra­len Zu­kunfts­an­lie­gen sieht man aber, wo die Gren­zen sind. Sei es bei der In­te­gra­ti­on in den Ar­beits­markt oder auch beim Rück­kehr­recht für Frau­en aus der Teil­zeit: Die Uni­on ist nicht am Fort­schritt in­ter­es­siert, wir kom­men nicht vor­an. Ich är­ge­re mich sehr, dass wir uns hier nicht auf Ver­ein­ba­run­gen mit der Uni­on ver­las­sen konn­ten, und wer­de mich wei­ter ve­he­ment für die Rech­te von Frau­en am Ar­beits­markt ein­set­zen.

An­de­res The­ma: Di­gi­ta­li­sie­rung ver­än­dert die Ar­beits­welt und macht vie­len Ar­beit­neh­mern Angst. Was sa­gen Sie de­nen?

Ich neh­me die Sor­gen um ih­re per­sön­li­che Zu­kunft sehr ernst. Aber die all­ge­mei­ne Be­fürch­tung, dass uns die Ar­beit aus­geht, ist un­be­grün­det – die Be­schäf­ti­gungs­quo­te ist bei uns so hoch wie nie. Klar ist: Die Ar­beit wird sich ver­än­dern, Be­ru­fe wer­den sich än­dern. Die Di­gi­ta­li­sie­rung ist des­halb ei­ne po­li­ti­sche Gestal­tungs­auf­ga­be. Wir müs­sen jetzt die Wei­chen für gu­te Ar­beits­plät­ze stel­len. Wir müs­sen da­für sor­gen, dass Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer mit dem Wan­del Schritt hal­ten kön­nen, neue Ar­beits­for­men so­zi­al ab­si­chern und neue so­zia­le Rech­te schaf­fen. Qua­li­fi­zie­rung, neu­es Aus­pro­bie­ren, aber auch neue Si­cher­hei­ten schaf­fen für Ar­beit­neh­me­rin­nen und Ar­beit­neh­mer, das ist jetzt un­se­re wich­ti­ge Auf­ga­be.

Zum Schluss: Liegt die SPD mit ih­rem Slo­gan „Zeit für mehr Ge­rech­tig­keit“ne­ben der Spur, weil es laut ei­ner Um­fra­ge in Deutsch­land schon ge­recht zu­geht und vie­le Bun­des­bür­ger sich zu­frie­den äu­ßern?

Ganz und gar nicht. Ers­tens ist die Sche­re zwi­schen Arm und Reich im­mer noch viel zu weit aus­ein­an­der. Zwei­tens geht es um ganz kon­kre­te Fra­gen, die fast al­le Po­li­tik­fel­der be­tref­fen: Es geht um Ar­beit und So­zia­les, um Ge­ne­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit, um Ren­te, die zum Le­ben reicht, um an­stän­di­ge Löh­ne und fai­re Ar­beits­ver­trä­ge. Es geht um die Ab­schaf­fung der sach­grund­lo­sen Be­fris­tung, die jun­gen Men­schen den Start ins Be­rufs- und Fa­mi­li­en­le­ben er­schwert. Es geht aber auch um ge­rech­te Si­cher­heits­po­li­tik, um mehr Po­li­zei auf un­se­ren Stra­ßen in un­ru­hi­gen Zei­ten. Es geht dar­um, dass nur rei­che Men­schen sich ei­nen schwa­chen Staat leis­ten kön­nen. Und es geht na­tür­lich auch um ge­rech­te Steu­ern und Fi­nan­zen, weil star­ke Schul­tern mehr tra­gen soll­ten als schwa­che. Ich hal­te das für ab­so­lut wich­tig. Und ob das ir­gend­ein Um­fra­ge­hei­ni un­wich­tig fin­det, ist mir dann ehr­lich ge­sagt herz­lich egal. Für all das lohnt es sich zu strei­ten und im Sep­tem­ber zur Wahl zu ge­hen.

„Wir le­ben von der Sub­stanz“: Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) for­dert mehr staat­li­che In­ves­ti­tio­nen. Fo­to: dpa

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