Mer­kel: Eu­ro­pa muss ei­gen­stän­di­ger wer­den

Ent­täu­schung nach Blo­cka­de­hal­tung der USA auf G-7-Gip­fel – „Kei­ne Kom­pro­mis­se beim Kli­ma“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite -

Mit Do­nald Trump ist auch beim G-7-Gip­fel nichts mehr wie vor­her. Die Grup­pe der gro­ßen In­dus­trie­län­der kann ein De­ba­kel nur knapp ver­mei­den.

TAOR­MI­NA. Nach dem er­folg­lo­sen G-7-Gip­fel mit der weit­ge­hen­den Blo­cka­de durch US-Prä­si­dent Do­nald Trump hat Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel Eu­ro­pa da­zu auf­ge­ru­fen, sich auf sei­ne ei­ge­nen Kräf­te zu be­sin­nen. „Wir Eu­ro­pä­er müs­sen un­ser Schick­sal wirk­lich in un­se­re ei­ge­ne Hand neh­men“, sag­te die CDU-Vor­sit­zen­de am Sonn­tag bei ei­ner Wahl­kampf­ver­an­stal­tung in München. „Die Zei­ten, in de­nen wir uns auf an­de­re völ­lig ver­las­sen konn­ten, die sind ein Stück vor­bei.“

Trump hat die Grup­pe der sie­ben gro­ßen In­dus­trie­na­tio­nen (G7) mit sei­nem Kon­fron­ta­ti­ons­kurs

in ei­ne schwe­re Kri­se ge­stürzt. Nur in letz­ter Mi­nu­te konn­te auf ih­rem zwei­tä­gi­gen Gip­fel in Taor­mi­na auf Si­zi­li­en ein Fi­as­ko ab­ge­wen­det wer­den. Mas­si­ve Dif­fe­ren­zen gab es

im Kli­ma­schutz und beim Um­gang mit Flücht­lin­gen. Die sechs an­de­ren Staa­ten ap­pel­lier­ten ein­dring­lich an Trump, dem Kli­ma­ab­kom­men von Paris treu zu blei­ben. Al­lein in der Han­dels­po­li­tik

nä­her­ten sich die Staats- und Re­gie­rungs­chefs an.

In ei­nem un­ge­wöhn­li­chen Schritt hiel­ten die G 7 den Kli­ma-Streit so­gar im Ab­schluss­kom­mu­ni­qué fest. Mer­kel und Frank­reichs Staats­prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron be­ton­ten, kei­ne Kom­pro­mis­se zu­las­sen zu wol­len. Um­welt­schüt­zer be­grüß­ten, dass ei­ne Auf­wei­chung des Ab­kom­mens ver­hin­dert wor­den sei. „Wenn Ame­ri­ka wa­ckelt, müs­sen wir ste­hen“, sag­te Grü­nen-Chef Cem Öz­de­mir.

Die Blo­cka­de­po­li­tik Trumps lässt für Mer­kel in sechs Wo­chen ei­nen schwe­ren Gip­fel der In­dus­trie- und Schwel­len­län­der (G 20) in Ham­burg er­war­ten. Am Mitt­woch emp­fängt sie Chi­nas Re­gie­rungs­chef Li Ke­qiang in Berlin, der dann zum ers­ten EU-Chi­na-Gip­fel in der Ära Trump nach Brüssel wei­ter­reist.

Die Pre­mie­re Trumps bei den Spit­zen­tref­fen der G 7 und Nato stieß auf schar­fe Kri­tik. „Was wir auf den Gip­feln er­lebt ha­ben, ent­spricht we­der dem, was wir in­tel­lek­tu­ell, noch was wir vom Po­ten­zi­al Ame­ri­kas her von ei­nem ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten er­war­ten“, sag­te der Ko­or­di­na­tor für trans­at­lan­ti­sche Be­zie­hun­gen, Jür­gen Hardt.

Die „Grup­pe der Sie­ben“(G 7) ent­stand ab 1975 als in­for­mel­les Netz­werk wich­ti­ger In­dus­trie­na­tio­nen. Sie un­ter­liegt we­der kon­kre­ten Re­geln, noch hat sie of­fi­zi­el­le Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se. Viel­mehr die­nen ih­re Zu­sam­men­künf­te dem Mei­nungs­aus­tausch und der Er­ar­bei­tung ge­mein­sa­mer Po­si­tio­nen. Das we­sent­li­che Aus­wahl-Kri­te­ri­um für die Mit­glied­schaft in die­sem ex­klu­si­ven Club (USA, Ja­pan, Deutsch­land, Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Ita­li­en, Ka­na­da) war und ist: Bei den Län­dern soll es sich um die sie­ben füh­ren­den In­dus­trie­na­tio­nen han­deln. Die­ses Ziel wird aber schon seit Jah­ren ver­fehlt. Ge­mes­sen am Brut­to­in­lands­pro­dukt (BIP) näm­lich, ge­hö­ren Ita­li­en und Ka­na­da heu­te nicht in die G 7. An ih­rer Stel­le müss­ten ei­gent­lich Chi­na und In­di­en in der Grup­pe ver­tre­ten sein. Chi­na kam nach Be­rech­nung des In­ter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds im Jahr 2016 mit 11,2 Bil­lio­nen Dol­lar auf das zweit­größ­te BIP nach den USA. In­di­en lag im Ran­king mit ei­nem BIP von 2,3 Bil­lio­nen Dol­lar auf Platz sie­ben. Deutsch­land steht mit 3,5 Bil­lio­nen Dol­lar an vier­ter Po­si­ti­on.

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