Prä­si­dent und Hoff­nungs­trä­ger

Vor 100 Jah­ren wur­de John F. Ken­ne­dy ge­bo­ren – Trump ent­schei­det über Frei­ga­be der At­ten­tat-Ak­ten

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite - Von Kon­rad Ege und Gre­tel Johns­ton

WASHINGTON. Mil­lio­nen setz­ten ih­re Hoff­nun­gen in ihn: Heu­te vor 100 Jah­ren wur­de John F. Ken­ne­dy ge­bo­ren. Das At­ten­tat auf den 35. USPrä­si­den­ten scho­ckier­te nicht nur Ame­ri­ka. Ken­ne­dy war der Po­lit-Pop­star sei­ner Zeit.

Sei­ne Re­den wer­den im­mer noch zi­tiert, Ge­bäu­de auf der gan­zen Welt sind nach ihm be­nannt: John F. Ken­ne­dy wä­re heu­te 100 Jah­re alt ge­wor­den. Ame­ri­ka­ner fra­gen sich noch im­mer: Was wä­re ge­we­sen, wenn ... ?

Was hät­te John F. Ken­ne­dy noch er­rei­chen kön­nen? Vie­le USA­me­ri­ka­ner sind über die­se Fra­ge nie wirk­lich hin­weg­ge­kom­men. Was hät­te die­ser jun­ge, cha­ris­ma­ti­sche An­füh­rer al­les noch er­rei­chen kön­nen – wä­re er nicht 1963, ge­ra­de ein­mal 1000 Ta­ge im Amt, in Dal­las/Te­xas er­schos­sen wor­den?

Wä­re das Land Ken­ne­dys Vi­si­on ge­recht ge­wor­den? Der Vi­si­on von je­man­dem, der sich zu ei­nem Zeit­punkt für De­mo­kra­tie und Welt­frie­den ein­setz­te, an dem die Welt sich mit der Mög­lich­keit ab­fand, dass ein Druck auf den ro­ten Knopf je­der­zeit die ge­gen­sei­ti­ge nu­klea­re Zer­stö­rung be­deu­ten konn­te? Bür­ger­rech­te, Wis­sen­schaft, Bil­dung, Sport, Kunst – hät­ten die Men­schen ge­nau­so hoch hin­aus ge­wollt wie er? Es sind die­se Fra­gen, über wel­che die USA jetzt nach­den­ken, zu Ken­ne­dys 100. Ge­burts­tag an die­sem 29. Mai.

Ei­ne spe­zi­el­le Kom­mis­si­on hat zu dem Da­tum ei­ne Rei­he von Ver­an­stal­tun­gen an­ge­setzt, von ei­ner Aus­stel­lung his­to­ri­scher Fotos bis zu Ge­denk­kon­zer­ten. Ken­ne­dys Prä­si­den­ten­bi­blio­thek in Bos­ton zeigt ei­ne Aus­stel­lung per­sön­li­cher Ge­gen­stän­de, und quer durchs Land fin­det ei­ne Rei­he von Foot­ball­spie­len zu sei­nem An­den­ken statt. Sei­ne Toch­ter Ca­ro­li­ne und ih­re Kin­der er­in­nern in ei­nem Vi­deo an das Ver­mächt­nis des Va­ters und des nie­mals persönlich ge­kann­ten Groß­va­ters.

Zur Aus­stel­lung ge­hört ein Buch mit JFKs be­kann­tes­ten Re­den. Ei­ne da­von kam nie über sei­ne Lip­pen.

Ken­ne­dy hat­te ge­plant, sei­nen Auf­tritt in Dal­las zu nut­zen, um den Wert von Bil­dung und die „Ver­bin­dung zwi­schen Füh­ren und Ler­nen“ zu un­ter­strei­chen. „Un­wis­sen­heit und Des­in­for­ma­ti­on“woll­te Ken­ne­dy ver­dam­men: Ge­wän­nen die­se in der Au­ßen­po­li­tik die Ober­hand, so hat­te er vor zu war­nen, be­dro­he das die Si­cher­heit der USA. Wer­de Ame­ri­kas Füh­rung nicht von Ler­nen und Ver­nunft ge­lei­tet, wür­den „je­ne, die Rhe­to­rik mit Rea­li­tät und das Plau­si­ble mit dem Mög­li­chen ver­wech­seln, mit ih­ren ver­meint­lich flin­ken und ein­fa­chen Lösungen für je­des Pro­blem der Welt die öf­fent­li­che Mei­nung für sich ge­win­nen“. Es sind Wor­te, über die Washington nach­denkt, mehr als 50 Jah­re, nach­dem Ken­ne­dy sie ver­fass­te – und we­ni­ge Mo­na­te nach ei­ner Prä­si­den­ten­wahl, in der „Fa­ke News“und ein­fa­che Lösungen ei­ne Rol­le spiel­ten.

An­er­kann­ter For­scher

Sie er­in­nern Ame­ri­ka auch dar­an, dass Ken­ne­dy sich als Stu­dent der Ge­schich­te ho­hes An­se­hen er­warb. Ge­schich­te war ei­ne Lei­den­schaft von ihm – mög­li­cher­wei­se seit sei­ner Eu­ro­pa­rei­se 1937, wäh­rend sei­nes zwei­ten Jah­res an der Eli­te-Uni Har­vard. Er be­such­te Ös­ter­reich und Deutsch­land und stu­dier­te fort­an die Staats­chefs der Welt – in­klu­si­ve Hit­ler. Sei­ne Ab­schluss­ar­beit schrieb er über die ge­schei­ter­te Ein­däm­mung von Hit­lers Po­li­tik vor dem Zwei­ten Welt­krieg.

„Wie vie­le un­se­rer Prä­si­den­ten ken­nen sich in der Ge­schich­te aus?“, fragt La­wrence Schil­ler, ei­ner der Ku­ra­to­ren der Fo­to­aus­stel­lung. Zweck von Aus­stel­lung und Buch sei es zu zei­gen, „dass Ken­ne­dys Vi­si­on heu­te noch re­le­vant ist, nicht nur für die USA, son­dern für die Welt“. Denn ei­ni­ge der­sel­ben Pro­ble­me, die Ken­ne­dy hat­te, be­schäf­tig­ten die USA im 21. Jahr­hun­dert im­mer noch, sagt Schil­ler.

Ken­ne­dys 100. Ge­burts­tag er­in­nert auch dar­an, dass die Ame­ri­ka­ner im­mer De­tails aus dem Le­ben ei­nes Prä­si­den­ten moch­ten, die au­ßer­halb sei­nes po­li­ti­schen Le­bens lie­gen: vom Auf­wach­sen in sei­ner rei­chen irisch­ka­tho­li­schen Fa­mi­lie über sei­ne Traum­hoch­zeit mit „Ja­ckie“bis zu den ihm stets nach­ge­sag­ten Af­fä­ren.

Ken­ne­dy war mit 43 Jah­ren der jüngs­te ge­wähl­te USPrä­si­dent. Er führ­te die Na­ti­on von Ja­nu­ar 1961 bis zu sei­ner Er­mor­dung am 22. No­vem­ber 1963: Der po­li­ti­sche Hoff­nungs­trä­ger fuhr in ei­nem Lin­coln Continental Ca­brio­let durch Dal­las in Te­xas, ne­ben ihm sei­ne Ehe­frau Ja­ckie, als Schüs­se ihn am Kopf und im Na­cken tra­fen. Der mut­maß­li­che At­ten­tä­ter Lee Har­vey Os­wald wur­de zwei Ta­ge da­nach er­mor­det.

Der of­fi­zi­el­le Un­ter­su­chungs­be­richt kam zum Schluss: Os­wald sei ein Ein­zel­tä­ter ge­we­sen. Aber das wird vie­ler­orts in den USA ein­fach nicht ge­glaubt. Man hät­te gern ei­nen ge­wich­ti­ge­ren Tä­ter als ei­nen 24-jäh­ri­gen Ge­le­gen­heits­ar­bei­ter. In ei­ner Um­fra­ge am 50. Jah­res­tag des At­ten­tats vor vier Jah­ren mut­maß­ten 61 Pro­zent der Be­frag­ten, Ken­ne­dy sei Op­fer ei­ner Ver­schwö­rung ge­we­sen. Der Ver­dacht fiel un­ter an­de­ren auf Fi­del Cas­tro und den Ge­heim­dienst CIA.

Zu sei­nem 100. Ge­burts­tag wird nun mit vie­len Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen an ihn er­in­nert. Ex-Prä­si­dent Ba­rack Oba­ma er­klär­te An­fang Mai in der Ken­ne­dy-Bi­b­lio­thek in Bos­ton, John F. Ken­ne­dy ha­be ihn ge­prägt: mit dem Ge­dan­ken, dass Po­li­tik ei­ne „ehr­wür­di­ge Be­ru­fung“sein kön­ne, und mit der Idee, dass „das Ver­spre­chen von Ame­ri­ka“auch für die „frü­her ein­mal Aus­ge­sperr­ten“gel­te.

Aus­ge­rech­net Do­nald Trump kann nun da­zu bei­tra­gen, die ei­ne oder an­de­re De­tail­fra­ge rund um Ken­ne­dys Tod zu klä­ren. Mehr als 3000 amt­li­che Do­ku­men­te, so­ge­nann­te „files“, zum At­ten­tat sind noch ge­heim. Laut dem Ge­setz zum Ken­ne­dy-Ma­te­ri­al muss spä­tes­tens im Ok­to­ber 2017 al­les ver­öf­fent­licht wer­den – es sei denn, der Prä­si­dent ent­schei­det, „der iden­ti­fi­zier­ba­re Schaden“durch Frei­ga­be über­wie­ge ge­gen­über dem öf­fent­li­chen In­ter­es­se an den Do­ku­men­ten.

Cha­ris­ma: Der frü­he­re US-Prä­si­dent John Fitz­ge­rald Ken­ne­dy gilt als Iko­ne. Drei Jah­re währ­te sei­ne Amts­zeit, bis er 1963 bei ei­nem Be­such in Dal­las er­schos­sen wur­de. Die Bil­der (un­ten rechts) gin­gen um die Welt – eben­so wie die von der Bei­set­zung (oben), als sei­ne Kin­der Ca­ro­li­ne und John F. Ju­ni­or so­wie sei­ne Frau Jac­que­line und Bru­der Ro­bert trau­er­ten. Fotos: dpa

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