Rät­sel um Tod Uwe Bar­schels

Po­litskan­dal er­schüt­tert Schles­wig-Holstein – Uwe Bar­schel tot in Ba­de­wan­ne

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite - Von Bert­hold Ha­mel­mann

OS­NA­BRÜCK. Er gab 1987 sein Eh­ren­wort, nichts von schmut­zi­gen Ma­chen­schaf­ten ge­wusst zu ha­ben – we­ni­ge Wo­chen spä­ter wur­de CDU-Senk­recht­star­ter Uwe Bar­schel tot auf­ge­fun­den. Der Fall bleibt un­ge­klärt.

Nur we­ni­ge Ta­ge nach sei­nem Rück­tritt wird der ehe­ma­li­ge CDU-Mi­nis­ter­prä­si­dent von Schles­wi­gHol­stein, Uwe Bar­schel, am 11. Ok­to­ber 1987 tot in ei­ner Ba­de­wan­ne des Gen­fer Lu­xus­ho­tels Beau-Ri­va­ge ge­fun­den. Ei­ner der größ­ten Po­litskan­da­le der deut­schen Ge­schich­te wirft noch im­mer Fra­gen auf.

Selbst­tö­tung durch ei­nen Me­di­ka­men­ten­cock­tail oder doch Mord? Bis heu­te gibt es kei­ne Ge­wiss­heit. Ver­schwö­rungs­theo­ri­en hal­ten die Bar­schel-Af­fä­re am Le­ben.

Klar ist: Der ehr­gei­zi­ge Über­flie­ger der CDU gilt als ei­ner der gro­ßen po­li­ti­schen Lü­gen­bol­de der Ge­gen­wart, auch wenn im Um­feld der Ge­scheh­nis­se vie­le sehr un­rühm­li­che Rol­len ge­spielt ha­ben.

Im Herbst 1987 ste­hen in Schles­wig-Holstein Land­tags­wah­len an. Es ist CDULand. Die Par­tei stellt seit 1950 un­un­ter­bro­chen den Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Von 1971 bis 1982 übt die­se Funk­ti­on Gerhard Stol­ten­berg aus. Den holt Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl nach sei­nem Wahl­sieg als Fi­nanz­mi­nis­ter ins Bun­des­ka­bi­nett.

Da­mit ist der Weg frei für Uwe Bar­schel. Er wird mit 38 Jah­ren im Ok­to­ber 1982 jüngs­ter deut­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent. Bei den Land­tags­wah­len

1983 ver­tei­digt die CDU un­ter sei­ner Füh­rung mit 49 Pro­zent der Stim­men die ab­so­lu­te Mehr­heit, ob­wohl die SPD mit Spit­zen­mann Björn Eng­holm auf­holt.

Vor der Land­tags­wahl 1987 deu­tet vie­les auf ein Kopf-an-Kopf-Ren­nen zwi­schen CDU und SPD hin. Mit dem sich läs­sig ge­ben­den, Pfei­fe rau­chen­den Björn

Eng­holm schielt ein SPDMann chan­cen­reich nach der Macht.

Dann der Schock für die Christ­de­mo­ka­ten: Mi­nis­ter­prä­si­dent Bar­schel über­lebt En­de Mai 1987 als Ein­zi­ger den Ab­sturz ei­ner Cess­na bei Lü­beck-Blan­ken­see, wird zwei Mo­na­te im Kran­ken­haus be­han­delt und steigt erst sie­ben Wo­chen vor der Land­tags­wahl wie­der ins po­li­ti­sche

Ta­ges­ge­schäft ein. Hier lau­fen der­weil schmut­zi­ge Tricks. Am Sams­tag vor dem Ur­nen­gang lan­ciert der „Spie­gel“über Vor­ab­mel­dun­gen sei­ne Ti­tel­ge­schich­te: „Wa­ter­ga­te in Kiel. Bar­schels schmut­zi­ge Ge­schäf­te“.

Da­nach ha­be der Mi­nis­ter­prä­si­dent mit­hil­fe sei­nes Me­di­en­re­fe­ren­ten Rei­ner Pfeif­fer ei­ne Dif­fa­mie­rungs­kam­pa­gne ge­gen Eng­holm ge­star­tet. Zen­tra­le Rol­len spie­len da­bei ei­ne von Pfeif­fer in­sze­nier­te an­ony­me An­zei­ge we­gen Steu­er­hin­ter­zie­hung oder ei­ne Bre­mer De­tek­tei, die auf das Lie­bes­le­ben des SPD-Kan­di­da­ten an­ge­setzt ist. Bis heu­te wird spe­ku­liert, in­wie­weit die „Spie­gel“-Ver­öf­fent­li­chung die Wahl be­ein­flusst hat. Die CDU ver­liert die ab­so­lu­te Mehr­heit. Die po­li­ti­schen Kon­stel­la­tio­nen er­ge­ben ein Patt.

Bar­schel selbst geht da­nach in die Of­fen­si­ve, ver­sucht, sei­nen Ruf wie­der­her­stel­len. Er be­strei­tet, sei­nen Me­di­en­re­fe­ren­ten zu den Ak­ti­vi­tä­ten ge­gen Eng­holm an­ge­stif­tet zu ha­ben, und un­ter­streicht dies mit der Ab­ga­be sei­nes Eh­ren­worts.

Doch Uwe Bar­schel scheint es mit der Wahr­heit nicht so ge­nau ge­nom­men zu ha­ben. Mit­ar­bei­ter, dar­un­ter auch Pfeif­fer, sa­gen nur Ta­ge spä­ter vor dem flugs ein­be­ru­fe­nen Un­ter­su­chungs­aus­schuss des Land­tags aus, vom Mi­nis­ter­prä­si­den­ten zu fal­schen Aus­sa­gen an­ge­stif­tet wor­den zu sein. Bar­schel steht als Lüg­ner da, ver­liert je­de Un­ter­stüt­zung.

Der Mi­nis­ter­prä­si­dent tritt am 2. Ok­to­ber zu­rück, sucht zu­sam­men mit sei­ner Frau ein we­nig Ru­he auf Gran Ca­na­ria. Noch steht sei­ne Aus­sa­ge vor dem Un­ter­su­chungs­aus­schuss be­vor. Da­zu kommt es nicht mehr.

Die Nach­richt sei­nes To­des schockt Deutsch­land. Das er­schüt­tern­de Bild, das Uwe Bar­schel tot in ei­ner Gen­fer Ho­tel-Ba­de­wan­ne zeigt, geht um die Welt.

Fo­to: dpa

Ge­zeich­net nach der Ab­ga­be sei­nes Eh­ren­worts: Mi­nis­ter­prä­si­dent Uwe Bar­schel be­teu­ert am 18. Sep­tem­ber 1987 sei­ne Un­schuld.

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