Ze­cken kön­nen Milch ver­seu­chen

Men­schen mit ge­fähr­li­cher Hirn­haut­ent­zün­dung in­fi­ziert – Neu­er Ver­dachts­fall in Tü­bin­gen

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Vorderseite -

Die OS­NA­BRÜCK. Hirn­haut­ent­zün­dung FSME ist ei­ne Vi­rus­er­kran­kung, die durch Ze­cken über­tra­gen wird. Jetzt zeigt sich: Sind zum Bei­spiel Zie­gen in­fi­ziert, kann das Vi­rus über die Roh­milch wei­ter­ge­ge­ben wer­den.

Ze­cken sind auch in Deutsch­lands Nor­den auf dem Vor­marsch. War­um sie die ge­fähr­lichs­ten Tie­re Deutsch­lands sind und wie Ze­cken­vi­ren in die Roh­milch kom­men, er­klärt die Pa­ra­si­to­lo­gin Ute Ma­cken­stedt von der Uni­ver­si­tät Ho­hen­heim.

Von Wal­traud Mess­mann

Die nur we­ni­ge Mil­li­me­ter gro­ßen Ze­cken wer­den oft als die ge­fähr­lichs­ten Tie­re Deutsch­lands be­zeich­net. Tra­gen sie die­sen Ti­tel zu Recht?

In­di­rekt schon. Denn sie ha­ben das Po­ten­zi­al, ei­ne gan­ze Brei­te von ver­schie­de­nen Er­re­gern zu über­tra­gen. Dar­un­ter auch sol­che, die schwe­re Er­kran­kun­gen wie zum Bei­spiel Früh­som­mer-Me­nin­go­en­ze­pha­li­tis (FSME) und Bor­re­lio­se aus­lö­sen kön­nen.

Im ver­gan­ge­nen Jahr wur­den bun­des­weit 348 FSME-Fäl­le ge­mel­det – 59 Pro­zent mehr als 2015. Jetzt wur­de ne­ben den Ze­cken auch noch ei­ne an­de­re An­ste­ckungs­quel­le ent­deckt . . .

In Reut­lin­gen und Tü­bin­gen sind jetzt zwei Fäl­le do­ku­men­tiert, wo sich Men­schen durch Roh­milch­pro­duk­te, die mit dem FSME-Vi­rus ver­un­rei­nigt war, an­ge­steckt ha­ben. Auch Roh­milch bzw. Roh­milch­pro­duk­te kön­nen al­so durch­aus FSME-Vi­ren ent­hal­ten. Wenn die­se Roh­milch­pro­duk­te nicht pas­teu­ri­siert wer­den, dann wer­den auch die Vi­ren nicht ab­ge­tö­tet.

Wie ge­lan­gen die Vi­ren in die Milch?

Im Land­kreis Reut­lin­gen ha­ben auf ei­nem Zie­gen­hof Ze­cken die FSME-Vi­ren auf Zie­gen über­tra­gen. In ei­ner be­stimm­ten Pha­se, die et­wa neun bis vier­zehn Ta­ge dau­ert, krei­sen die Vi­ren nach der An­ste­ckung in den Zie­gen. Wenn in die­ser Zeit Milch ab­ge­zapft und Men­schen an­ge­bo­ten wird, dann kön­nen die sich über das Trin­ken von Roh­milch oder so­gar Roh­milch­kä­se in­fi­zie­ren. Das scheint gar nicht so sel­ten zu sein, wie man bis­her ge­glaubt hat. Die­se Form der In­fek­ti­on ist in Ost­eu­ro­pa durch­aus gän­gig. In Deutsch­land war das aber der ers­te do­ku­men­tier­te Fall. Ein zwei­ter Fall wird ge­gen­wär­tig in Tü­bin­gen un­ter­sucht.

Wel­che Kon­se­quen­zen soll­ten dar­aus ge­zo­gen wer­den?

Man muss sich schon klar dar­über sein, dass, wenn die­se Roh­milch nicht wei­ter be­han­delt wird, al­so nicht pas­teu­ri­siert wird, das Ri­si­ko be­steht, dass dort Er­re­ger über­tra­gen wer­den kön­nen.

Bis­lang galt der Ge­mei­ne Holz­bock als Haupt-Übel­tä­ter bei der FSME-Über­tra­gung. Nun hat man of­fen­bar auch noch ei­nen zwei­ten Play­er aus­ge­macht . . .

Ja. Die An­ga­ben ei­nes FSME-Pa­ti­en­ten ha­ben Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Leip­zig und des In­sti­tuts für Mi­kro­bio­lo­gie der Bun­des­wehr in München in ein Ge­biet ge­führt, wo sie sehr vie­le Au­wald-Ze­cken ge­fun­den ha­ben, aber we­ni­ger Holz­bö­cke. Bei der Un­ter­su­chung der Ze­cken ha­ben sie zu ih­rer Über­ra­schung dann fest­ge­stellt, dass auch Au­waldz­e­cken FSME-po­si­tiv wa­ren. Des­halb geht man jetzt da­von aus, dass noch ei­ne zwei­te Ze­cken­art ge­ge­be­nen­falls FSME-Vi­ren über­tra­gen kann. Ex­pe­ri­men­tell be­wie­sen ist das al­ler­dings noch nicht.

Die Au­waldz­e­cken gel­ten als kli­ma­tisch sehr ro­bust. Ver­schärft das die Ge­fah­ren­la­ge in Deutsch­land? Tat­säch­lich sind die Au­waldz­e­cken die ers­ten, die nach dem Win­ter wie­der ak­tiv sind. Al­ler­dings be­ob­ach­ten wir schon seit ei­ni­gen Jah­ren ei­ne zu­neh­men­de Win­ter­ak­ti­vi­tät von Ze­cken ins­ge­samt. Das hängt da­mit zu­sam­men, dass wir häu­fig Win­ter hat­ten, in de­nen die Tem­pe­ra­tu­ren im No­vem­ber bis Ja­nu­ar zwi­schen fünf und zehn Grad la­gen. Bei sol­chen Tem­pe­ra­tu­ren ist dann auch schon der Holz­bock ak­tiv. Ärz­te soll­ten sich al­so dar­über im Kla­ren sein, dass FSME-Fäl­le in­zwi­schen durch­aus auch schon früh im Jahr auf­tau­chen kön­nen.

US-Ex­per­ten ha­ben erst jüngst vor ei­nem neu­en Er­re­ger na­mens Po­was­sanVi­rus ge­warnt, der durch Ze­cken über­tra­gen wird. Täuscht der Ein­druck oder steigt die Zahl der Er­re­ger, die die Ze­cke über­trägt? Die Fra­ge ist zu­nächst mal, ob es in ei­ner Re­gi­on die­se Er­re­ger über­haupt gibt. Das ist ja nicht im­mer der Fall. Als Fol­ge des Kli­ma­wan­dels könn­ten aber auch nach Deutsch­land im­mer neue Ze­cken­ar­ten kom­men, mög­li­cher­wei­se sind sie auch schon da. Wenn sie aus dem Mit­tel­meer­raum oder aus Süd­ost­eu­ro­pa ein­wan­dern, kön­nen sie dann auch für un­se­re Brei­ten­gra­de neue Er­re­ger mit­brin­gen. Es ist al­so durch­aus mög­lich, dass sich das Er­re­ger­spek­trum auch bei uns in der Zu­kunft noch ver­än­dern wird.

Kann ein Holz­bock, der zum Bei­spiel Trä­ger von FSME-Vi­ren und von Bor­re­lio­se-Bak­te­ri­en ist, bei­de Er­re­ger gleich­zei­tig auf den Men­schen über­tra­gen ? Der Holz­bock kann theo­re­tisch fast al­les über­tra­gen: Ein­zel­ler, Fa­den­wür­mer, Bak­te­ri­en und Vi­ren – auch FSME-Vi­ren und Bor­re­lio­seBak­te­ri­en gleich­zei­tig. Al­ler­dings geht man da­von aus, dass die Ze­cken die ers­ten 12 bis 15 St­un­den eher kei­ne Bor­re­lia­bak­te­ri­en auf den Men­schen über­tra­gen, weil sie ei­ne ge­wis­se Zeit brau­chen, bis sie sich ent­wi­ckelt ha­ben. Wenn Sie die Ze­cken al­so sehr schnell ab­sam­meln, kön­nen Sie ei­ne Über­tra­gung noch ver­hin­dern. Bei FSME ist das aber lei­der nicht so. Die über­tra­gen so­fort.

Was hal­ten Sie denn für die bes­te Me­tho­de, die Tie­re zu ent­fer­nen?

Vor al­lem Schnel­lig­keit ist hier Mit­tel der Wahl. Zur Ent­fer­nung be­vor­zu­ge ich ei­ne Pin­zet­te. Wenn ich nichts da­bei ha­be, ver­su­che ich es mit den Fin­ger­nä­geln. Wich­tig ist, dass man ver­sucht, die Ze­cke di­rekt über der Haut zu er­wi­schen, und dann zieht man. Ob Sie dre­hen oder nicht, das spielt kei­ne Rol­le. Auch nicht, ob ge­gen oder mit dem Uhr­zei­ger­sinn.

Sie be­schäf­ti­gen sich in ei­nem For­schungs­pro­jekt vor al­lem mit den so­ge­nann­ten FSME-Hots­pots. Was ist Ih­re Fra­ge­stel­lung? Die FSME-Hots­pots ha­ben oft die Grö­ße von ei­nem Fuß­ball­feld, nicht mehr. Statt ei­ner flä­chi­gen Ver­tei­lung gibt es sehr häu­fig ei­ne Art Patch­work aus ganz klei­nen FSME-Flä­chen, die aber sta­bil sind. Ein sol­cher Hots­pot in ei­nem Vo­r­ort von Stuttgart ist zum Bei­spiel schon seit über 20 Jah­re be­kannt. Er ver­än­dert sich nicht, und um ihn her­um gibt es kei­ne FSME-po­si­ti­ven Ze­cken. In Ko­ope­ra­ti­on mit an­de­ren Ar­beits­grup­pen wol­len wir nun er­grün­den, war­um die FSME-Hots­pots so klein und so be­grenzt sind.

Nur kli­ma­tisch kann das ja nicht be­grün­det sein, denn es gibt die­se Hots­pots ja auch im Nor­den?

Die Ho­chen­de­mie-Ge­bie­te für die FSME sind nach wie vor Ba­den-Würt­tem­berg und Bay­ern. In die­sen bei­den Bun­des­län­dern fin­den et­wa 80 Pro­zent al­ler hu­ma­nen FSME-Er­kran­kun­gen statt. Dann gibt es noch ei­ni­ge we­ni­ge be­kann­te Hoch­ri­si­koGe­bie­te im Saarland und in Rhein­land-Pfalz. Die Ent­wick­lung der letz­ten Jah­re hat aber ge­zeigt, dass die An­zahl der hu­ma­nen FSME-Fäl­le auch in Nord­deutsch­land zu­nimmt: in Nie­der­sach­sen, in Nord­rhein-West­fa­len, in Thü­rin­gen und in Sach­sen. Die Kri­te­ri­en des Ro­ber­tKoch-In­sti­tuts für die Auf­nah­me in die Hoch­ri­si­ko-Ge­bie­te er­fül­len die­se Re­gio­nen aber noch nicht?

Das muss man aber si­cher wei­ter im Au­ge be­hal­ten. Man kann wohl nicht aus­schlie­ßen, dass es in Zu­kunft auch im Nor­den Hoch­ri­si­ko-Ge­bie­te ge­ben könn­te. Da läuft ge­ra­de et­was ab, was sich ab­schlie­ßend noch kei­ner er­klä­ren kann.

Ha­ben Sie ei­nen Ver­dacht, wo­mit die Zu­nah­me auch in nörd­li­chen Re­gio­nen zu­sam­men­hän­gen könn­te?

Da spie­len sehr vie­le Play­er ei­ne Rol­le. An ers­ter Stel­le steht wohl der Kli­ma­wan­del: Der Holz­bock zum Bei­spiel, der in Deutsch­land der Haupt­über­trä­ger der FSME-Vi­ren ist, wan­dert im­mer mehr nach Nor­den und kommt gleich­zei­tig aber auch in im­mer grö­ße­ren Hö­hen vor. Weil der FSME-Zy­klus nor­ma­ler­wei­se zwi­schen Ze­cken und Na­ge­tie­ren ab­läuft, spielt na­tür­lich auch de­ren Dich­te und Ver­brei­tung ei­ne Rol­le. Und in Frost­jah­ren ha­ben auch Na­ge­tie­re Schwie­rig­kei­ten, ih­re Jun­gen groß­zu­zie­hen oder zu über­le­ben. In die­sem Le­bens­zy­klus des FSME-Er­re­gers, der sich eben zwi­schen Ze­cken und Na­ge­tie­ren ab­spielt, spie­len Men­schen nor­ma­ler­wei­se gar kei­ne Rol­le. Ute Ma­cken­stedt ist Pa­ra­si­to­lo­gin an der Uni Ho­hen­heim.

Der hu­ma­ne FSME-Fall ist im Le­bens­zy­klus ei­ner Ze­cke al­so ei­ne Art Kol­la­te­ral­scha­den?

Ge­nau. Es ist wirk­lich ein Un­glück. Des­halb soll­ten wir uns in der Forschung viel mehr auf die öko­lo­gi­schen Fak­to­ren kon­zen­trie­ren. Wir müs­sen fra­gen: Wo fin­det man am ehes­ten die­se FSME-po­si­ti­ven Ze­cken? Wo­mit hängt das zu­sam­men? Viel­leicht mit der Dich­te der Rö­tel­mäu­se? Es macht kei­nen Sinn, wie es frü­her ge­macht wur­de, Ze­cken nur zu sam­meln und teu­re Un­ter­su­chun­gen durch­zu­füh­ren. Das hat de fac­to nichts ge­bracht.

Hilf­rei­che Tipps, wie Sie sich vor Ze­cken schützen kön­nen, le­sen Sie im In­ter­net auf noz.de

Wie­sen.

Ze­cken lie­ben Wald­rän­der, feuch­tes Un­ter­holz und schat­ti­ge Fo­to: ima­go/blick­win­kel

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