Ve­ga­ner, Ve­ge­ta­ri­er und Fle­xi­ta­ri­er mi­schen den Markt auf

We­ni­ger Fleisch, mehr Bio: Wie Land­wir­te auf Trends re­agie­ren – Ge­sund für vie­le wich­ti­ger als le­cker

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Stefanie Wit­te

Zwi­schen Ge­mü­se­ab­tei­lung und Fer­tig­le­bens­mit­teln wie Cur­ryKing und back­fer­ti­gem Piz­za­t­eig leuch­tet bei Rewe ein Kühl­re­gal in fri­schem Hell­grün. „Ve­gan“steht auf ei­nem klei­nen Schild. Da gibt es ve­ge­ta­ri­sches Hack­fleisch aus So­ja­pro­te­inen, dem ge­räu­cher­tes Salz und Ka­ra­mell zu Ge­schmack ver­hel­fen. Und ve­ge­ta­ri­sche Mor­ta­del­la aus Ei­klar, Raps­öl und Farb­stof­fen. Ein Mann um die sech­zig greift zu den ve­ge­ta­ri­schen Fala­fel, hält zwei Wie­ner Schnit­zel aus So­ja- und Weiz­en­ei­weiß da­ne­ben und sieht sei­ne Frau fra­gend an. Am En­de ent­schei­den sie sich für das Schnit­zel.

Die­ses An­ge­bot im Kühl­re­gal ist ein In­diz für das wach­sen­de In­ter­es­se der Deut­schen an ve­ge­ta­ri­scher Er­näh­rung. Das be­deu­tet al­ler­dings nicht, dass ein Groß­teil der Men­schen nun wirk­lich ve­ge­ta­risch lebt. De­ren An­teil liegt im ein­stel­li­gen Pro­zent­be­reich – und va­ri­iert je nach Stu­die. Al­ler­dings wol­len of­fen­bar 37 Pro­zent der Be­völ­ke­rung ih­ren Fleisch­kon­sum re­du­zie­ren. Das

stell­te das Markt­for­schungs­in­sti­tut GfK fest. Die Trä­ger des Veg­gie-Booms sind da­mit die so­ge­nann­ten „Fle­xi­ta­ri­er“, die fle­xi­bel in ih­rem Kon­sum sind, aber zu­neh­mend ger­ne mal zu fleisch­lo­sen Le­bens­mit­teln grei­fen.

Vor al­lem Schwei­ne­fleisch ver­liert an Be­liebt­heit. Laut der Bun­des­an­stalt für Land­wirt­schaft und Er­näh­rung (BLE) aßen die Deut­schen 1996 im Schnitt 68 Ki­lo­gramm Schwei­ne­fleisch pro Per­son. Im ver­gan­ge­nen Jahr wa­ren es nur noch rund 60 Ki­lo.

Wo­her kommt das In­ter­es­se am Ge­mü­se? Er­näh­rungs­psy­cho­lo­ge Tho­mas Ell­rott von der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen

for­mu­liert es im Interview mit Spie­gel On­li­ne so: „Ve­ge­ta­ris­mus oder Ve­ga­nis­mus sind ja per se nicht schlecht, aber man­che An­hän­ger su­chen vor al­lem ei­ne Ord­nungs­struk­tur und fin­den sie in ei­nem Ess­ver­hal­ten, das ih­nen plötz­lich Sinn und Halt gibt.“Er­näh­rung kön­ne zu ei­ner Er­satz­re­li­gi­on wer­den. Auf der ei­nen Sei­te die­ne der Er­näh­rungs­stil da­zu, sich selbst zu in­sze­nie­ren. Auf der an­de­ren Sei­te wür­den Le­bens­mit­tel zur kör­per­li­chen Selbst­op­ti­mie­rung ge­nutzt.

Auch Bio­le­bens­mit­tel wer­den im­mer be­lieb­ter. Im Ja­nu­ar ver­öf­fent­lich­ten Tech­ni­ker Kran­ken­kas­se und food­watch ei­ne Stu­die, wo­nach knapp die Hälf­te der Er­wach­se­nen in Deutsch­land vor al­lem „ge­sund“essen wol­len. Die­ses stand da­mit erst­mals vor „le­cker“. Vie­le brin­gen Bio­le­bens­mit­tel mit Ge­sund­heit in Ver­bin­dung. Und so stieg der An­teil der­je­ni­gen, die be­vor­zugt Bio kau­fen, laut der Stu­die in den ver­gan­ge­nen drei Jah­ren um gut zwan­zig Pro­zent.

Wenn man sich aber an­schaut, wie vie­le der­je­ni­gen, die sich für Bio­le­bens­mit­tel in­ter­es­sie­ren, die­se tat­säch­lich kau­fen, ver­än­dert sich das Bild. Wenn die Deut­schen ein­kau­fen ge­hen, ha­ben Bio­le­bens­mit­tel laut Markt­for­schungs­in­sti­tut GfK näm­lich nur ei­nen An­teil von 5,5 Pro­zent an den Aus­ga­ben.

We­ni­ger Schwein, mehr Ge­mü­se, mehr Bio: Was be­deu­ten die­se Än­de­run­gen im Kon­sum­ver­hal­ten für die deut­schen Land­wir­te? Pro­fes­sor Al­fons Bal­mann un­ter­sucht am Leib­niz-In­sti­tut für Agra­r­ent­wick­lung in Trans­for­ma­ti­ons­öko­no­mi­en die Ve­rän­de­run­gen in der Agrar­wirt­schaft. Er er­klärt: Wenn we­ni­ger Deut­sche Schwei­ne­fleisch äßen, be­deu­te das nicht, dass der Markt ein­bricht. „Ein Teil der Pro­duk­ti­on wird be­reits jetzt ins Aus­land ex­por­tiert – zum Bei­spiel nach Chi­na.“Der Markt ent­wi­cke­le sich eher schlei­chend. „Gro­ße Ve­rän­de­run­gen von heu­te auf mor­gen fin­den sel­ten statt“, sagt der Agrar­wis­sen­schaft­ler. Ei­ne Aus­nah­me sei der BSESchock von 2001 ge­we­sen – da sei die Nach­fra­ge stark ein­ge­bro­chen.

Neue Ni­schen tun sich auf

Ähn­li­ches las­se sich beim In­ter­es­se an Bio-Le­bens­mit­teln be­ob­ach­ten. „Im klei­ne­ren Bio­sek­tor kön­nen sich schnel­ler Über­ka­pa­zi­tä­ten ent­wi­ckeln. Das kann da­zu füh­ren, dass sich Bio­pro­duk­te nicht mehr ab­set­zen las­sen.“Bio­le­bens­mit­tel wer­den zwar auch in Bio­märk­ten und Öko­lä­den ver­kauft, vor al­lem aber im Sor­ti­ment gro­ßer Su­per­markt­ket­ten. Hier be­schrän­ke sich der An­spruch häu­fig dar­auf, dass es über­haupt ein Bio­sie­gel ge­be. An­sons­ten kom­me es vor al­lem auf den Preis an. Wer be­son­ders güns­tig pro­du­zie­ren kann, kommt zum Zug – und das muss nicht un­be­dingt der Land­wirt um die Ecke sein. Als Bei­spiel nennt Bal­mann Bio-Ge­trei­de, das aus Ost- und Süd­ost­eu­ro­pa im­por­tiert wird. Beim Veg­gie­boom las­se sich da­ge­gen be­ob­ach­ten, dass neue Ni­schen ent­stün­den. Land­wir­te könn­ten et­wa auf die Pro­duk­ti­on von Hül­sen­früch­ten set­zen – Lin­sen zum Bei­spiel.

Fa­zit: Auch wenn sich die Kon­sum­ge­wohn­hei­ten der Deut­schen kon­ti­nu­ier­lich wan­deln – den Agrar­sek­tor brin­gen Trends wie Veg­gie und Bio nicht aus dem Gleich­ge­wicht. Zum ei­nen ent­wi­ckeln sich die Än­de­run­gen in Ge­schmack und In­ter­es­se nur lang­sam, so­dass sich die Pro­du­zen­ten dar­auf ein­stel­len kön­nen. Zum an­de­ren hat die Glo­ba­li­sie­rung der Märk­te zur Fol­ge, dass ein klei­ner An­teil der Kon­su­men­ten in Deutsch­land nicht für all­zu gro­ße Ver­wer­fun­gen sor­gen kann.

Fo­to: dpa

Wo Wurst drauf­steht, muss kein Fleisch drin sein: Ve­ga­ne Mor­ta­del­la ist im Su­per­markt schon Stan­dard.

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