Das Fi­na­le der ver­stö­ren­den Kon­tras­te

Das 74. Po­ka­l­end­spiel: Ein Er­folgs­trai­ner un­ter Druck, ein Fuß­ball­fest mit Schön­heits­feh­lern

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport -

Na­tür­lich ha­ben sie ge­ju­belt und ge­fei­ert. Na­tür­lich ha­ben sie es ge­nos­sen, als ih­nen die Fans zu­ju­bel­ten, erst in Berlin, dann in Dort­mund. Na­tür­lich hat­te der BVB den 2:1-Sieg ge­gen Ein­tracht Frankfurt ver­dient. Aber es la­gen Schat­ten über dem Tri­umph.

Von Ha­rald Pistorius

Und das war nur ei­ner von meh­re­ren ver­stö­ren­den Kon­tras­ten bei die­sem 74. Fi­na­le um den DFB-Po­kal.

Ein Er­folgs­trai­ner un­ter Druck: Tho­mas Tu­chel kehr­te sein In­ners­tes nach au­ßen, mal war er da­bei hei­ter, mal ein biss­chen me­lan­cho­lisch. „Ich bin leer, ich muss das erst noch ver­ar­bei­ten“, sag­te der Dort­mun­der Trai­ner, als er den ers­ten Ti­tel sei­ner Pro­fi­kar­rie­re ge­won­nen hat­te und sich schein­bar gar nicht so rich­tig freu­en konn­te. Er sei eben kei­ne Ram­pen­sau: „Ich bin noch et­was in mir ge­fan­gen. Aber ich kann gut fei­ern, da wird mir ein Gin To­nic hel­fen.“

So char­mant kann er al­so auch sein, der an­geb­lich so schwie­ri­ge Fuß­ball­leh­rer. Seit Mo­na­ten wird mit stei­gen­der In­ten­si­tät kol­por­tiert, dass das Ver­hält­nis zwi­schen Tu­chel und Ge­schäfts­füh­rer Hans-Joa­chim Watz­ke zer­rüt­tet sei. Kei­ner der Jour­na­lis­ten, die den BVB seit Jah­ren eng be­glei­ten, hält es für mög­lich, dass Tu­chel das an­ge­kün­dig­te Bi­lanz­ge­spräch mit Watz­ke über­steht. Doch war­um aus­ge­rech­net ein Trai­ner ge­hen soll, der nach dem En­de der gran­dio­sen Ära von Jür­gen Klopp ei­ne neue Mann­schaft ge­formt hat, un­vor­her­ge­se­he­ne

Ab­gän­ge von Top­spie­lern zu ver­kraf­ten hat­te, in sei­ner Amts­zeit kein Li­gaHeim­spiel ver­lo­ren hat und nun auch nach drei ver­lo­re­nen End­spie­len den DFB-Po­kal nach Dort­mund ge­bracht hat, ver­mag kei­ner so recht zu sa­gen.

Und so kann man sich vor­stel­len, in wel­che Er­klä­rungs­not Watz­ke und Sport­di­rek­tor Micha­el Zorc ge­ra­ten, wenn sie im Lauf die­ser Wo­che tat­säch­lich ver­kün­den, dass Tu­chel trotz lau­fen­den Ver­trags (bis 2018) ge­hen muss. In Berlin sag­te kei­ner von bei­den et­was Sub­stan­zi­el­les, Watz­ke mach­te ei­nen schwer ge­nerv­ten Ein­druck.

Tu­chel war red­se­li­ger. „Ja, ich möch­te mei­nen Ver­trag gern er­fül­len. Aber ich bin auch nicht na­iv und weiß, dass nun Ge­sprä­che an­ste­hen, die er­geb­nis­of­fen sind – min­des­tens…“Dass der de­tail­ver­ses­se­ne, ge­nia­li­sche Trai­ner, der schon in Mainz – auch dort an­ders als Klopp –

nicht vie­le Freun­de zu­rück­ge­las­sen hat, ist zwei­fel­los ein Be­leg da­für, dass der Um­gang mit die­ser ei­gen­wil­li­gen Per­sön­lich­keit ganz schön schwer sein kann. Das hät­te Watz­ke schon bei der Ver­pflich­tung wis­sen müs­sen, doch er er­lag of­fen­bar der Vor­stel­lung, er kön­ne An­pas­sungs­druck aus­üben auf den neu­en Coach.

Ein Fuß­ball­fest mit Stör­ak­tio­nen: 100000 Fans bei­der Ver­ei­ne sorg­ten für aus­ge­las­se­ne Stim­mung, blie­ben aber fricdlich; 20000 wa­ren oh­ne Ti­cket in die Haupt­stadt ge­kom­men, um bei idea­lem Wetter die le­gen­dä­re „Berlin! Berlin! Wir fah­ren nach Berlin“-Stim­mung zu ge­nie­ßen. Doch im Sta­di­on sorg­ten Chao­ten vor al­lem aus Dort­mund, aber auch aus Frankfurt für Py­ro-Eklat. Dut­zen­de ben­ga­li­scher Feu­er und Rauch­töp­fe wur­den ge­zün­det, be­ein­träch­tig­ten zeit­wei­se die Sicht auf das Spiel­feld. Der DFB

kün­dig­te Ermittlungen an; bei­den Clubs dro­hen emp­find­li­che Stra­fen. Da­zu könn­ten auch Aus­schlüs­se von Zu­schau­ern ge­hö­ren, denn bei­de Ver­ei­ne sind in die­ser Hin­sicht vor­be­las­tet. DFB-Ge­ne­rals­se­kre­tär Fried­rich Cur­ti­us nann­te das „völ­lig in­ak­zep­ta­bel“und sprach von „kri­mi­nel­ler Ener­gie“, weil trotz ver­stärk­ter Kon­trol­len so viel Feu­er­werk ins Sta­di­on ge­bracht wer­den konn­te. Mög­li­cher­wei­se ahn­det der DFB auch die zahl­rei­chen Schmäh­ge­sän­ge und Trans­pa­ren­te ge­gen den Ver­band. Zehn­tau­sen­de in bei­den Fan­kur­ven rie­fen vor dem An­pfiff fast zwei Mi­nu­ten lang: „Scheiß DFB!“und „Fuß­ball­ma­fia DFB!“Auf Trans­pa­ren­ten stand „Scheiß Po­li­zei!“und „Krieg dem DFB!“.

Der DFB fei­ert, die Fans pfei­fen: Viel­leicht hat­te He­le­ne Fi­scher ge­ahnt, was kom­men wür­de. In ei­ner vor­aus­ei­len­den Ge­gen­maß­nah­me ver­brei­te­te sie ein Fo­to von sich, das sie in ei­nem halb wei­ßen und halb gel­ben Tri­kot zeig­te; da­zu ver­brei­te­te sie die Bot­schaft, sie drü­cke bei­den Teams die Dau­men. Das al­lein zeigt, wie weit die Schla­ger-Sän­ge­rin ent­fernt ist von der Welt der Fans. Die pfif­fen den Star bei sei­nem Halb­zeit-Act gna­den­los aus. Das war nicht nur ei­ne Atta­cke ge­gen Fi­scher, son­dern auch ein Si­gnal, dass vie­len Fans die aus­ufern­de Kom­mer­zia­li­sie­rung und Even­ti­sie­rung von gro­ßen Spie­len zu viel ge­wor­den ist. Sie wol­len die Stim­mung mit­ge­stal­ten und – bei­spiels­wei­se – bei der Sie­ger­eh­rung ih­rer Mann­schaft nicht durch bom­bas­ti­sche Laut­spre­cherMu­sik kom­plett über­tönt wer­den. Ein­tracht-Sport­di­rek­tor Fre­di Bo­bic be­zog klar Stel­lung zum Auf­tritt von Fi­scher: „Das hat beim Pokalfinale nichts zu su­chen, weil wir Fuß­ball spie­len, und die wah­ren Fans des Fuß­balls ha­ben in der Halb­zeit­pau­se kei­ne Lust dar­auf.“

Ein po­pu­lä­rer Wett­be­werb soll ver­än­dert wer­den: Viel­leicht hat­te man­chen Fan auch die Idee ei­nes Adi­da­sMa­na­gers auf­ge­schreckt, der laut dar­über nach­dach­te, man kön­ne im Zu­ge der Ero­be­rung asia­ti­scher Märk­te das Pokalfinale mal nach Schang­hai ver­le­gen. Im­mer­hin: Da­ge­gen hat sich DFBPrä­si­dent Reinhard Gr­in­del klar po­si­tio­niert, und auch die Rück­hol­ak­ti­on der Po­kal-Aus­lo­sun­gen auf ei­nen zu­schau­er­freund­li­chen Zeit­punkt passt in die­ses Bild.

Doch die gra­vie­ren­den Än­de­run­gen, die dem Wett­be­werb un­ter dem Druck der Top­ver­ei­ne dro­hen, sind noch nicht vom Tisch. Die gro­ßen Clubs wol­len sich um die ers­ten bei­den Run­den her­um­drü­cken, um Kraft zu spa­ren und Bla­ma­gen zu ver­mei­den. Um das den Ama­teu­ren schmack­haft zu ma­chen, sol­len weit mehr Ver­ei­ne als bis­her ein Start­recht – und da­mit ein An­tritts­ho­no­rar – für die 1. Haupt­run­de be­kom­men. Doch dann wä­re es vor­bei mit der idea­len Kon­stel­la­ti­on, dass es in der ers­ten Run­de na­he­zu aus­schließ­lich zu Du­el­len zwi­schen Groß und Klein kommt.

So ver­dräng­ten The­men, die für die Schat­ten­sei­ten des mo­der­nen Fuß­balls ste­hen, die sport­li­chen. Scha­de, denn es war ein ras­si­ger Po­kal­fight, in dem der Au­ßen­sei­ter über sich hin­aus­wuchs und dem Fa­vo­ri­ten al­les ab­ver­lang­te. So muss der Po­kal sein, die­sen Reiz darf er nicht ein­bü­ßen – nicht im Fi­na­le, nicht in den Run­den zu­vor. Scha­de, dass nie­mand ein Trans­pa­rent auf­häng­te mit dem Satz: „Fin­ger weg vom DFB-Po­kal!“

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