Im­mer noch Bock auf Kra­wall

Udo Lin­den­berg lädt zum knall­bun­ten Rie­sen­spek­ta­kel in der Bre­mer ÖVB-Are­na

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Ma­rei­ke Ban­nasch

BRE­MEN. Die Bo­xen dröh­nen noch ein letz­tes Mal, und wei­ßer Ne­bel nimmt die Sicht, wäh­rend Py­ro-Fon­tä­nen sen­gen­de Hit­ze über die oh­ne­hin schon schwit­zen­de Mas­se bla­sen. Ein Rie­sen­spek­ta­kel, das zu­min­dest ei­nen ziem­lich kalt lässt: den Mann im wei­ßen As­tro­nau­ten-An­zug, der über die Köp­fe Rich­tung Aus­gang schwebt – und die ÖVB-Are­na da­mit ge­nau­so ver­lässt, wie er sie vor knapp zwei­ein­halb St­un­den be­tre­ten hat­te.

Nach­dem die Sta­di­on­tour „Stär­ker als die Zeit“im ver­gan­ge­nen Jahr nur sie­ben Termine um­fasst hat­te, sol­len die­ses Mal auch die klei­ne­ren Städ­te ih­re Do­sis „Pa­nik“ab­be­kom­men. Man­che von ih­nen wie Bre­men so­gar zwei­mal. So ste­hen und sit­zen die Mas­sen am Frei­tag­abend dicht an dicht und war­ten ge­dul­dig auf ei­nen Kon­zert­abend, der leicht ver­spä­tet be­ginnt: Nach dem At­ten­tat in Man­ches­ter sind die Si­cher­heits­vor­keh­run­gen auch im be­schau­li­chen Bre­men ver­schärft wor­den. Doch Udo Lin­den­berg hat ein Ein­se­hen – und war­tet mit dem Start der Show ein­fach zehn Mi­nu­ten. Ei­ne Ak­ti­on, die an­kommt, wie über­haupt so ziem­lich al­les an die­sem Abend, der sich ei­gent­lich nur mit zwei Wör­tern be­schrei­ben lässt: groß­ar­tig ab­ge­dreht.

Der Pa­nikro­cker hat für sei­nen Auf­tritt an der We­ser so ziem­lich al­les auf­ge­fah­ren, was mög­lich ist – flie­gen­de Ufos, ein mit Kon­fet­ti ge­füll­tes Schlauch­boot in­klu­si­ve Go­ril­la, Mars­männ­chen, Akro­ba­tin­nen und mit Jo­han­nes Oer­ding ei­nen Gast­sän­ger, der nicht nur Te­enager­her­zen hö­her­schla­gen lässt. Nicht zu ver­ges­sen die klei­ne Ho­tel­bar: In ei­ner Ecke der Büh­ne pos­tiert, kre­denzt der Bar­kee­per in schö­ner Re­gel­mä­ßig­keit Eier­li­kör. Um die Stim­me zu ölen. Das hat er auch bit­ter nö­tig, haut das Pa­nik­or­ches­ter dem Pu­bli­kum doch ei­ne laut kra­chen­de Gibt den Sei­nen, was sie brau­chen:

Gi­tar­ren­sal­ve nach der an­de­ren um die Oh­ren. So laut, dass zu­min­dest wäh­rend der ers­ten Stü­cke manch ei­ne Text­zei­le un­ter­geht. Aber egal wie bom­bas­tisch Knall­ef­fek­te und die Reiz­über­flu­tung auch an­mu­ten mö­gen, sie sind doch nur gut ge­mach­te Staf­fa­ge für Lin­den­berg selbst. Auch mit 71 Jah­ren

ist er nicht zu brem­sen. Pas­send zur Par­ty ein­ge­klei­det, tän­zelt er wie eh und je über ei­nen im­po­san­ten Lauf­steg, zieht noch ein­mal kurz an sei­ner Zi­gar­re, schwenkt sein Mi­kro­fon und reiht al­te Hits an neue­re Stü­cke. Al­ler­dings gibt nicht nur der Mix An­lass zur Be­geis­te­rung. Die Hel­den­ver­eh­rung geht tie­fer: Sie macht nicht bei der At­ti­tü­de des schril­len Zir­kus­di­rek­tors die­ser Pa­nik­show halt, nein, sie be­ju­belt auch den Tex­ter Lin­den­berg – und sei­ne po­li­ti­sche Hal­tung. Der Ham­bur­ger hat­te schließ­lich schon im­mer et­was zu sa­gen, wie die An­ti­kriegs-Hym­ne „Wo­zu sind Krie­ge da?“aus dem Jahr 1981 ein­mal mehr be­weist. Am Frei­tag singt Lin­den­berg sie mit Pas­cal Kra­vetz, der ihn be­reits da­mals be­glei­tet hat­te. Al­ler­dings nicht lan­ge: Nach ein paar Tak­ten über­nimmt ein Kin­der­chor – ein un­miss­ver­ständ­li­ches Zei­chen, dass die Bot­schaft des Songs noch im­mer ak­tu­ell ist. Lei­der.

Pas­send zur noch im­mer ak­tu­el­len Abrech­nung mit der po­li­ti­schen La­ge lau­fen auf der Vi­deo­lein­wand Bil­der von Trump, Pu­tin und Er­do­gan, wo­bei auch die hei­mi­schen Po­pu­lis­ten, Pe­try, Storch, Hö­cke und Gau­land, nicht aus­ge­spart wer­den. Wäh­rend Lin­den­berg selbst für die­se un­säg­li­chen Ge­stal­ten nur den Mit­tel­fin­ger üb­rig hat, ver­passt er ih­nen auf der Lein­wand al­ber­ne Par­ty­hüt­chen. Mit Hu­mor ge­gen den un­ver­hüllt rech­ten Mob: Wenn es nur so ein­fach wä­re!

Doch so sehr ihm die An­stren­gung auch an­zu­se­hen ist: Udo Lin­den­berg hat Bock auf den gro­ßen Auf­tritt, auf Kra­wall und auf po­li­ti­sche De­bat­te.

Udo Lin­den­berg in der Stadt­hal­le. Fo­to: An­dré Ha­ver­go

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