Ein Su­per­star im Ab­seits

Die Grün­de für das Pfeif­kon­zert ge­gen Schla­ger­star He­le­ne Fi­scher beim Po­kal­fi­na­le in Berlin

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Einblicke - Von Co­rin­na Berg­h­ahn und Chris­ti­an Lang

He­le­ne Fi­scher gilt als Deutsch­lands Schla­ger­star Num­mer 1. Doch ihr Auf­tritt in der Halb­zeit­pau­se des Po­kal­fi­na­les ge­riet zum Fi­as­ko: Sie wur­de ge­na­den­los aus­ge­pfif­fen. Wie konn­te es da­zu kom­men? Ei­ne Ana­ly­se.

He­le­ne Fi­scher ist ei­ne Ge­win­ne­rin. Mit ih­rer Mu­sik füllt die 32Jäh­ri­ge re­gel­mä­ßig die größ­ten Are­nen Deutsch­lands, mehr als zehn Mil­lio­nen Ton­trä­ger hat sie in ih­rer lan­gen und er­folg­rei­chen Kar­rie­re schon ver­kauft. He­le­ne Fi­scher ist nicht nur ei­ne Sän­ge­rin, sie ist ein stets gut ge­styl­tes Kunst­pro­dukt. Skan­da­le sucht man in der Vi­ta der Blon­di­ne ver­geb­lich.

Im­mer kon­trol­liert, im­mer Pro­fi: He­le­ne Fi­scher weiß ganz genau, wie sie sich ver­kau­fen muss – auch in schwie­ri­gen Si­tua­tio­nen. Das hat sie durch ih­ren um­strit­te­nen Auf­tritt in der Halb­zeit­pau­se des DFB-Po­kal-Fi­na­les zwi­schen Bo­rus­sia Dort­mund und Ein­tracht Frank­furt er­neut ein­drucks­voll be­wie­sen. „Atem­los durch die Nacht“ist ihr größ­ter Hit – und atem­los müs­sen die Fuß­ball­fans Sams­tag nach der Halb­zeit­pau­se im aus­ver­kauf­ten Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on tat­säch­lich ge­we­sen sein. Je­den­falls der Laut­stär­ke des Pfeif­kon­zerts nach zu ur­tei­len, mit dem vie­le von ih­nen den Auf­tritt der Schla­ger­sän­ge­rin be­glei­tet ha­ben. Doch war­um en­de­te die Show in ei­nem Fi­as­ko?

Die Per­son: Als Fi­scher 2014 nach dem WM-Sieg der deut­schen Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft ein Kon­zert am Bran­den­bur­ger Tor gab, ju­bel­ten ihr die Mas­sen noch zu. „War­um sie bei die­sem Auf­tritt nicht feh­len durf­te? Die Deut­schen lie­ben ih­re Fuß­ball­mann­schaft. Und die Deut­schen lie­ben eben­so sehr He­le­ne Fi­scher“, tönt die Sän­ge­rin auf ih­rer Home­page. Doch die­se Ein­schät­zung ist falsch. Denn kaum ei­ne Sän­ge­rin po­la­ri­siert der­art wie die 32-Jäh­ri­ge. Ih­re Fans be­zah­len drei­stel­li­ge Be­trä­ge, um ihr Idol live zu se­hen. Doch von vie­len Men­schen wird sie ge­hasst, ih­re Mu­sik als seich­ter Kom­merz­schla­ger ver­ur­teilt. Sa­ti­ri­ker Jan Böh­mer­mann be­zeich­ne­te sie als „sin­gen­de Sa­gro­tan-Fla­sche“– und mein­te

da­mit: Fi­scher ist Main­stream, sie ist der In­be­griff der deut­schen Rein­lich­keit und Per­fek­ti­on. Zu­dem gibt es kaum We­ge, dem Fi­scherHy­pe zu ent­ge­hen. So­wohl in den Me­di­en als auch auf Par­tys ist sie mits­amt ih­rer Mu­sik om­ni­prä­sent.

Auch nach dem Pfeif­kon­zert be­dien­te sie wie­der ge­konnt ihr Sau­ber­frau-Image. Kei­ne Wut, kein Be­kla­gen über das Ver­hal­ten der Fans. Statt­des­sen gu­te Mie­ne zum bö­sen Spiel: „Da muss ein Mu­si­ker viel­leicht auch mal durch“, sag­te sie am Sonn­tag­abend in der Sen­dung „Mensch Gott­schalk“. „Ich hab mir so ’ ne di­cke Haut in den letz­ten Jah­ren (zu­ge­legt), und seit ges­tern sind auch noch Haa­re ge­wach­sen.“

Die omi­nö­se Wet­te: Der Schla­ger­star er­klär­te die Pfif­fe ge­gen sich noch am Sams­tag­abend mit ei­ner an­geb­li­chen Wet­te, die Wir­te aus Frank­furt in­iti­iert hät­ten. Sie ver­spra­chen dem­nach Frei­bier, wenn die Ein­trach­tFans den Auf­tritt Fi­schers mit ei­nem gel­len­den Pfeif­kon­zert quit­tie­ren. Der Hin­ter­grund: Vie­le Frank­fur­ter war­fen dem DFB vor, mit der Ent­schei­dung, die Schla­ger­Queen sin­gen zu las­sen, we­nig Fin­ger­spit­zen­ge­fühl be­wie­sen zu ha­ben. Denn Fi­scher trat 2013 auf dem Ban­kett des BVB nach dem ver­lo­re­nen Cham­pi­ons-Le­agueFi­na­le ge­gen Bay­ern München auf – be­klei­det mit ei­nem schwar­zen Glit­zer­pul­li, der das Em­blem des Ruhr­pott-Clubs

trug. Noch am Sams­tag ver­tei­dig­te sich He­le­ne Fi­scher ge­gen den Vor­wurf, sie sei BVB-Fan. Doch ach­tet man auf ih­re ge­naue Wort­wahl, lässt sich schon er­ah­nen, dass sie wo­mög­lich nicht ganz un­par­tei­isch ins Fi­na­le ging. „Ich bin kein aus­ge­wie­se­ner Dort­mund-Fan“, kom­men­tier­te sie im „Sport­schau Club“, schob dann aber noch nach: „Ich ha­be ganz ehr­lich vom gan­zen Her­zen bei­den Mann­schaf­ten die Dau­men ge­drückt.“

Un­klar bleibt wei­ter­hin, ob Frank­fur­ter Kn­ei­pen­be­trei­ber tat­säch­lich vor dem Spiel ei­ne Wet­te ins Le­ben ge­ru­fen hat­ten. Dem Ho­tel- und Gas­tro­nie­ver­band De­ho­ga Hes­sen ist kei­ne der­ar­ti­ge Ak­ti­on be­kannt, heißt es auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on. Die Re­cher­che in den so­zia­len Netz­wer­ken er­gibt je­doch, dass die Frank­fur­ter Fans tat­säch­lich da­zu auf­ge­ru­fen wur­den, den Auf­tritt Fi­schers mit Pfif­fen zu be­glei­ten.

Kom­mer­zia­li­sie­rung: Ei­gent­lich hät­te es der DFB ah­nen kön­nen, dass man sich mit dem Auf­tritt in die Nes­seln setzt. Be­reits in der ver­gan­ge­nen Wo­che hat­te der FC Bay­ern Prü­gel be­zo­gen, als der Ver­ein Pop­star Anas­ta­cia so lan­ge sin­gen ließ, dass die zwei­te Halb­zeit im Spiel ge­gen den SC Frei­burg mit fast zehn­mi­nü­ti­ger Ver­spä­tung be­gann. Das ei­gent­li­che Spiel sei mitt­ler­wei­le nach­ran­gig ge­wor­den, dem Event-Cha­rak­ter und den kom­mer­zi­el­len In­ter­es­sen wer­de Vor­rang ge­währt, hieß es nicht nur von­sei­ten der Frei­burg-Of­fi­zi­el­len. Die Tat­sa­che, dass sich der Fuß­ball im­mer wei­ter von der Ba­sis ent­fernt, sorgt für har­sche Kri­tik bei den deut­schen Fuß­ball-Fans. Der Auf­tritt des Schla­ger­stars hat die­se Ten­denz eher noch wei­ter be­för­dert. Da­zu passt auch, dass es laut Me­dien­be­rich­ten nicht aus­schließ­lich die Ein­tracht-An­hän­ger wa­ren, die He­le­ne Fi­scher im Ber­li­ner Olym­pia­sta­di­on aus­pfif­fen. Auch die Dort­mund-Fans sol­len mit­ge­macht ha­ben – An­hän­ger, die sich seit Jah­ren ge­gen die fort­schrei­ten­de Kom­mer­zia­li­sie­rung des Fuß­balls zur Wehr set­zen.

„Es ging nicht pri­mär um die Fi­scher als Per­son oder ih­ren Ge­sang, son­dern dar­um, dass der DFB das Pro­dukt Fuß­ball nicht zu ver­mark­ten hat mit ir­gend­wel­chen Show Acts wie beim Su­per Bowl. Wir wol­len ehr­li­chen Män­ner­fuß­ball und kei­ne Popqueen!“, heißt es in ei­ner Stel­lung­nah­me der Frank­furt-Fans auf Face­book. Die Sa­ti­re-Home­page „Pos­til­lon“schoss eben­falls ge­gen den Deut­schen Fuß­ball­bund: Im nächs­ten Jahr sol­le das Po­kal­fi­na­le in der Pau­se ei­nes re­gu­lä­ren He­le­ne-Fi­scher-Kon­zerts statt­fin­den, um die Schla­ger-Fans zu be­lus­ti­gen, wit­zelt der „Pos­til­lon“. Die Hä­me und der Spott, die sich der DFB an­hö­ren müs­sen, zei­gen ziem­lich klar, dass den Fans vor al­lem ei­nes wich­tig ist: der Sport an sich.

Mög­li­cher­wei­se be­wegt das Fi­as­ko den DFB zum Um­den­ken und zur Ent­schei­dung, in Zu­kunft auf der­ar­ti­ge Show-Ein­la­gen zu ver­zich­ten. „Wir ana­ly­sie­ren nach je­dem Po­kal­fi­na­le die Ab­läu­fe, das wer­den auch in die­sem Jahr tun. Da­nach ent­schei­den wir, was wir bei­be­hal­ten oder ver­än­dern“, teil­te der DFB am Sonn­tag mit.

Fa­zit: Das Pfeif­kon­zert ge­gen He­le­ne Fi­scher mo­no­k­au­sal er­klä­ren zu wol­len, greift de­fi­ni­tiv zu kurz. Letzt­lich scheint ein Mix ver­schie­de­ner Fak­to­ren zu dem Eklat ge­führt zu ha­ben, für den letzt­lich der DFB die Haupt­ver­ant­wor­tung trägt. Fakt ist, dass der Ver­band da­mit we­der den Fuß­ball­fans noch der Sän­ge­rin ei­nen Ge­fal­len ge­tan hat.

Stars und Stern­chen: Ge­schich­ten aus der Glit­zer­welt auf noz.de/ver­misch­tes

Fo­to: ima­go/Ca­me­ra 4

Schwie­ri­ger Auf­tritt: In der Halb­zeit­show des DFB-Po­kal-Fi­na­les ern­te­te He­le­ne Fi­scher Pfif­fe.

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