Flücht­lin­ge füh­len sich wie im Ge­fäng­nis

Sam­mel­un­ter­kunft am Lim­berg kom­plett ein­ge­zäunt – Bun­des­an­stalt Bi­ma: „Gän­gi­ge Pra­xis“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - Von San­dra Dorn

Rund 220 Su­da­ne­sen le­ben zur­zeit auf dem ehe­ma­li­gen Ka­ser­nen­ge­län­de am Lim­berg in Osnabrück. Wer sie be­su­chen möch­te und den Haupt­we­gen auf dem Are­al folgt, steht am En­de vor ei­nem ver­schlos­se­nen Bau­zaun-Tor. War­um?

OSNABRÜCK. Das fragt sich Mo­ham­med Has­san. Der Su­da­ne­se lebt seit knapp drei Mo­na­ten in ei­ner der Ba­ra­cken, die Sol­da­ten der bri­ti­schen Rhein­ar­mee hin­ter­las­sen ha­ben. Zu Fuß und per Fahr­rad ist die Un­ter­kunft je­der­zeit über ei­nen von der Stra­ße Am Lim­berg ab­zwei­gen­den Weg er­reich­bar. Er ist kom­plett von Bau­zäu­nen ein­ge­fasst und führt in ei­nem Bo­gen zu den Ba­ra­cken. Die meis­ten Be­woh­ner nut­zen ei­ne Ab­kür­zung und ba­lan­cie­ren über ei­ne wa­cke­li­ge Me­tall-Leis­te, die sie wohl ir­gend­wann über ei­nen Gr­a­ben ge­legt ha­ben.

Au­tos kön­nen gar nicht auf das Ge­län­de der Sam­mel­un­ter­kunft ge­lan­gen, oh­ne dass die Fah­rer ei­nen Schlüs­sel für das Tor ha­ben, das mit Ket­te und Schloss ver­rie­gelt wird. In die­sem Mo­nat sei ein Kran­ken­wa­gen da­ran ge­schei­tert, er­zählt Has­san. In der Nacht hat­ten die Be­woh­ner den No­t­ruf ge­wählt, weil ein Mann be­wusst­los war. Die Feu­er­wehr ha­be an­rü­cken müs­sen, um die Ket­te zu kna­cken.

Es hand­le sich um ein Not­fall­schloss, sagt Stadt­spre­cher Sven Jür­gen­sen un­se­rer Re­dak­ti­on auf An­fra­ge. Ret­tungs­diens­te und Po­li­zei hät­ten al­le ei­nen Schlüs­sel da­für. „Es ist wohl mal vor­ge­kom­men, dass das je­mand nicht wuss­te.“Die Um­zäu­nung sei nicht auf Initia­ti­ve der Stadt er­folgt. Ei­gen­tü­mer des Are­als

ist die Bun­des­an­stalt für Im­mo­bi­li­en­auf­ga­ben (Bi­ma). „Wir kön­nen die Pa­vil­lons nut­zen“, er­läu­tert Jür­gen­sen, mit der Bi­ma sei je­doch ver­ab­re­det wor­den, dass es kei­nen

Zu­gang auf das üb­ri­ge Ka­ser­nen­ge­län­de ge­ben dür­fe, weil die Bi­ma nicht die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht für die Men­schen über­neh­me, die dort leb­ten. „Die Men­schen sind im Grun­de ge­nom­men nicht ein­ge­schlos­sen, son­dern aus­ge­schlos­sen“, so Jür­gen­sen.

Aber war­um dür­fen die Su­da­ne­sen nicht über die Haupt­we­ge zu ih­ren Zim­mern ge­lan­gen? Auf dem Ka­ser­nen­are­al sind un­ter an­de­rem der Stadt­sport­bund und ei­ne Ki­ta an­säs­sig. Wer dort­hin möch­te, kann sich doch auch frei auf dem Are­al be­we­gen. „Dass Flücht­lings­un­ter­künf­te ein­ge­zäunt wer­den, ist im Grun­de gän­gi­ge Pra­xis“, teilt die Bi­ma-Pres­se­stel­le

auf An­fra­ge un­se­rer Re­dak­ti­on mit. „Be­son­ders, wenn es sich um über­las­se­ne Teil­flä­chen ei­ner Groß­lie­gen­schaft han­delt.“Da die Bi­ma nicht die Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht über­neh­men möch­te, müss­te die Stadt als Nut­zer des Ge­län­des für je­den Scha­den ein­ste­hen, „der durch schuld­haf­te Ver­let­zung der ihm über­tra­ge­nen Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht ent­steht“, so die Bi­ma-Pres­se­stel­le wei­ter. „Aus die­sem Grund war es aus Sicht der Bi­ma not­wen­dig, die­se Flä­chen vom Rest der Ka­ser­nen­an­la­ge zu tren­nen, in der sich zum ei­nen ei­ne er­heb­li­che An­zahl von Ge­wer­be­mie­tern und zum an­de­ren ei­ni­ge Ge­fah­ren­stel­len be­fin­den.“

Die Or­ga­ni­sa­ti­on „No La­ger Osnabrück“hat be­reits Alarm ge­schla­gen und spricht von „un­mensch­li­chen Be­din­gun­gen“, zu­mal re­gel­mä­ßig Be­woh­ner ab­ge­scho­ben wer­den. Die Ge­bäu­de selbst sind je­doch in Schuss. Je­weils drei Män­ner tei­len sich ein Zim­mer, die lan­gen Gän­ge, von de­nen die Räu­me ab­zwei­gen, sind sau­ber. In Ge­bäu­de Num­mer 99 sind tags­über Mit­ar­bei­ter des Jo­han­ni­ter-Un­fall­diens­tes An­sprech­part­ner für die Ge­flüch­te­ten. Die Jo­han­ni­ter ha­ben vor knapp ei­nem Jahr von der Stadt den Zu­schlag für die Be­treu­ung der Flücht­lings­un­ter­kunft er­hal­ten, die im Herbst 2016 be­zo­gen wur­de. Wer die Be­woh­ner fragt, wie es ih­nen in den Ba­ra­cken ge­fällt, be­kommt recht zu­frie­de­ne Ant­wor­ten – wenn nur der Zaun nicht wä­re.

„Es fühlt sich hier an wie im Ge­fäng­nis“, sagt Mo­ham­med Has­san. Denn auch auf dem Ge­län­de: Bau­zäu­ne, so weit das Au­ge reicht. Und Lan­ge­wei­le. Das Are­al ist ab­ge­le­gen, ei­ne In­ter­net­ver­bin­dung gibt es nicht. Für ein we­nig Zer­streu­ung sorgt ei­ne eh­ren­amt­lich be­trie­be­ne Fahr­rad­werk­statt, an­sons­ten ver­ge­hen die Ta­ge für die meis­ten Be­woh­ner mit War­ten.

Ein Vi­deo so­wie wei­te­re Be­rich­te über Ge­flüch­te­te in Osnabrück auf noz.de/os

Über­all das­sel­be Bild: Bau­zäu­ne, so weit das Au­ge reicht. Fo­tos: Gert West­dörp

Mou­ta­sin Nou­rel­din teilt sich sein Zim­mer mit zwei wei­te­ren Flücht­lin­gen, ist mit den Wohn­be­din­gun­gen je­doch zu­frie­den. Er war­tet sehn­lichst dar­auf, dass es mit sei­nem Asyl­ver­fah­ren wei­ter­geht, da­mit er sei­ne bei­den Kin­der aus dem Su­dan zu sich ho­len kann– ob nach Deutsch­land oder Ita­li­en, wo er zu­erst re­gis­triert wur­de, ist ihm mitt­ler­wei­le egal.

lebt seit drei Mo­na­ten am Lim­berg und sagt: „Es ist wie im Ge­fäng­nis.“

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