Zweit­woh­nungs­boom in Deutsch­land

Im­mer mehr Men­schen le­ben an meh­re­ren Or­ten – Mul­ti­lo­ka­li­tät ver­än­dert Städ­te

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Gut Zu Wissen -

Fa­mi­lie hier, Job da – das ist für im­mer mehr Men­schen in Deutsch­land All­tag. Vie­le Fach- und Füh­rungs­kräf­te leis­ten sich Zweit­woh­nun­gen. Die Städ­te ha­ben Mü­he, sich dar­auf ein­zu­stel­len.

Mon­tag bis Frei­tag Berlin. Ei­ne Woh­nung im In-Vier­tel. Abends ein Drink mit Kol­le­gen. Frei­tag bis Mon­tag Stutt­gar­ter Umland. Ein Haus im Grü­nen. Gril­len mit der Fa­mi­lie, Gar­ten, Hund. Zwei Wel­ten. Da­zwi­schen St­un­den im Flie­ger, auf der Au­to­bahn oder im Zug.

Das ist All­tag für im­mer mehr Men­schen in Deutsch­land, die an meh­re­ren Or­ten zugleich le­ben. Statt „Ich hab noch ei­nen Kof­fer in Berlin“– wie einst Hil­de­gard Knef und Mar­le­ne Dietrich san­gen – gilt im­mer häu­fi­ger „Ich hab noch ei­ne Woh­nung in . . . Berlin, Frank­furt, München, In­gol­stadt, Köln oder Wolfs­burg“. Wis­sen­schaft­ler spre­chen von zu­neh­men­der Mul­ti­lo­ka­li­tät, die ganz neue An­for­de­run­gen an die groß­städ­ti­schen Woh­nungs­märk­te stellt.

Mehr als zwei Mil­lio­nen Haus­hal­te, so schät­zen die Ex­per­ten, un­ter­hal­ten in Deutsch­land dau­er­haft mehr als ei­nen Wohn­sitz. Be­last­ba­re Zah­len ge­be es zwar nicht, da lan­ge nicht al­le in Zweit­woh­nungs­sta­tis­ti­ken auf­tauch­ten, sagt Raum­for­scher Rai­ner Da­niel­zyk. In ei­ni­gen Stadt­tei­len aber wie in KölnSülz oder der Leip­zi­ger Süd­vor­stadt le­be je­der vier­te Haus­halt mul­ti­lo­kal, hat der Wis­sen­schaft­ler und Ge­ne­ral­se­kre­tär der Aka­de­mie für Raum­for­schung und Lan­des­pla­nung her­aus­ge­fun­den.

„Die Zahl nimmt wei­ter zu“, sagt auch der Stadt­geo­graf und Di­rek­tor des Ber­li­ner Mo­ses-Men­dels­sohn-In­sti­tuts, Ste­fan Brauck­mann.

Und zu den klas­si­schen Zweit­woh­nungs­be­sit­zern kom­men noch ein­mal zig­tau­send Men­schen, die für Pro­jek­te mo­na­te­lang zwi­schen zwei Wohn­sit­zen pen­deln. Fa­mi­lie hier, Job da.

Frü­her hät­ten oft Mon­teu­re und Bau­ar­bei­ter je nach Kon­junk­tur an un­ter­schied­li­chen Or­ten ge­ar­bei­tet. „Jetzt sind es zu­neh­mend hoch spe­zia­li­sier­te Fach- und

Füh­rungs­kräf­te“, sagt Brauck­mann. In­ge­nieu­re mit Pro­jekt­tä­tig­keit, Un­ter­neh­mens­be­ra­ter, Po­li­ti­ker, Wis­sen­schaft­ler. Der An­teil der Hoch­qua­li­fi­zier­ten mit meh­re­ren Le­bens­mit­tel­punk­ten stei­ge. Ei­ner DGB-Stu­die zu­fol­ge sind Wo­chen­end­pend­ler hö­her qua­li­fi­ziert und ver­die­nen bes­ser als der Durch­schnitt. Doch, dar­auf weist Da­niel­zyk hin: Auch Men­schen,

die in ih­rer Hei­mat kei­nen Job be­kom­men, ent­schei­den sich fürs Pen­deln.

Be­son­ders El­tern von schul­pflich­ti­gen Kin­dern ge­hen die­sen Kom­pro­miss für ei­nen Ar­beits­platz oder den Sprung auf der Kar­rie­re­lei­ter ein. Dar­auf wei­sen auch Zah­len des Sta­tis­ti­schen Bun­des­amts von 2013 hin. In nur 23 Pro­zent der Zweit­woh­nungs-Haus­hal­te leb­ten dem­nach Al­lein­ste­hen­de. Singles sei­en eher be­reit, ih­re Wur­zeln für den neu­en Job zu kap­pen, sagt Brauck­mann. Wer stark in sein so­zia­les Um­feld ein­ge­bun­den sei, tue sich schwe­rer.

Häu­fig zieht es die Mul­ti­lo­ka­len zum Ar­bei­ten in Groß­städ­te, de­ren Woh­nungs­märk­te en­ger und en­ger wer­den. Berlin nutzt den Boom aus und hat ge­ra­de sei­ne Zweit­woh­nungs­steu­er auf 15 Pro­zent ver­drei­facht. Auch, da­mit mehr Men­schen hier Erst­woh­nun­gen an­mel­den und dem Land Steu­er­ein­nah­men brin­gen.

Da­bei sind die An­sprü­che an ei­ne Zweit­woh­nung an­de­re als an die Haupt­woh­nung: zen­tral ge­le­gen, mit Au­to und Zug gut er­reich­bar. Vor al­lem aber muss sie ins Bud­get pas­sen. Bei Be­rufs­tä­ti­gen in Berlin sind das ei­ner Un­ter­su­chung zu­fol­ge mo­nat­lich im Schnitt knapp 900 Eu­ro. Da­von zwei Woh­nun­gen zu fi­nan­zie­ren ist schwie­rig. Und bei be­zahl­ba­ren Zwei-Zim­mer-Apart­ments ste­hen die In­ter­es­sen­ten Schlan­ge. Be­vor­zugt wird meist, wer lang­fris­tig blei­ben kann.

Wohn­ge­mein­schaf­ten von Be­rufs­tä­ti­gen sei­en da­her im Kom­men, hat Brauck­mann be­ob­ach­tet. München sei hier Spit­zen­rei­ter, auch in Berlin und an­de­ren Groß­städ­ten such­ten vie­le da­nach. Zugleich boomen An­ge­bo­te für mö­blier­tes Woh­nen auf Zeit. „Die star­re Gren­ze zwi­schen Be­her­ber­gungs­ge­wer­be und Woh­nungs­wirt­schaft ver­schwimmt mehr und mehr“, sagt der Geo­graf. Es bil­de sich ein völ­lig neu­es Markt­seg­ment für Ver­mie­tung zwi­schen ei­ni­gen Mo­na­ten und zwei Jah­ren. Doch laut Brauck­mann geht das zu lang­sam, das An­ge­bot sei viel zu klein. Auch Woh­nungs­bau­ge­sell­schaf­ten, so Da­niel­zyk, hät­ten Mul­ti­lo­ka­le noch nicht als Markt ent­deckt.

Fo­to: ima­go/Har­ten­fel­ser

„Ich hab noch ei­nen Kof­fer in Berlin“: Die­ser Klas­si­ker von Mar­le­ne Dietrich wird für vie­le Rea­li­tät, denn im­mer mehr Deut­sche set­zen auf ei­nen zwei­ten Wohn­sitz.

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