„Deutsch­land muss für schwa­che EU-Län­der mehr tun“

DIHK-Prä­si­dent Schweit­zer: Wir brau­chen ei­nen In­ves­ti­ti­ons­fonds – War­nung vor Han­dels­krieg mit den USA

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik -

Von Bea­te Ten­fel­de

OS­NA­BRÜCK. Hat Eu­ro­pa über­haupt die Kraft, sein Schick­sal in ei­ge­ne Hän­de zu neh­men? Wie kann den schwa­chen Län­dern der EU bes­ser ge­hol­fen wer­den? Brin­gen US-Straf­zöl­le Job­ver­lust für Deut­sche? Da­zu im In­ter­view Eric Schweit­zer, Prä­si­dent des Deut­schen In­dus­trie­und Han­dels­kam­mer­tags (DIHK).

Eu­ro­pa muss sich laut Kanz­le­rin auf sei­ne ei­ge­ne Kraft kon­zen­trie­ren. Hat es über­haupt Kraft nach dem „Br­ex­it“und er­stark­tem Na­tio­na­lis­mus in vie­len Mit­glieds­län­dern?

Die EU hat als ei­ne der größ­ten Volks­wirt­schaf­ten der Welt ei­nen sehr gro­ßen An­teil am wirt­schaft­li­chen Wohl­stand in Deutsch­land. Da­her ist es enorm wich­tig, dass wir den Auf­lö­sungs­er­schei­nun­gen in Eu­ro­pa ent­schlos­sen ent­ge­gen­tre­ten, die mit der Grie­chen­land­kri­se und den Spe­ku­la­tio­nen über den „Gr­ex­it“be­gon­nen ha­ben. Wir er­le­ben ge­ra­de welt­weit, dass die Zu­sam­men­ar­beit zwi­schen Län­dern im­mer wie­der hart er­ar­bei­tet wer­den muss. Des­halb lohnt es sich, wenn wir uns für Eu­ro­pa mehr an­stren­gen.

Und das wä­re?

Ich be­für­wor­te die Ein­rich­tung ei­nes In­ves­ti­ti­ons­fonds auf EU-Ebe­ne. Län­der, die mit har­ten Re­for­men ih­re Volks­wirt­schaf­ten wett­be­werbs­fä­hi­ger ma­chen, soll­ten mit Mit­teln aus die­sem Fonds un­ter­stützt wer­den. Auch Deutsch­land muss da­zu sei­nen Bei­trag leis­ten. Wir müs­sen die schwä­che­ren Län­der in der EU bei ih­ren Struk­tur­re­for­men mehr als bis­her be­glei­ten. Ei­ne Leh­re aus der Ver­gan­gen­heit ist doch, nicht bloß zu sa­gen: Macht Re­for­men, dann kommt ihr schon selbst auf die Fü­ße. Wäh­rend die­ser Re­form­pro­zes­se müs­sen wir Län­dern wie Grie­chen­land zur Sei­te ste­hen.

Und wie wird der je­wei­li­ge An­teil be­rech­net?

Die wirt­schaft­li­che Trag­fä­hig­keit ei­nes Lan­des ist der Maß­stab. Sie kön­nen na­tür­lich nicht ver­lan­gen, dass Zy­pern im sel­ben Um­fang in den Fonds ein­zahlt wie Deutsch­land. Ja, es wird uns Geld kos­ten, wahr­schein­lich muss Deutsch­land dann min­des­tens ein Fünf­tel der an­ge­peil­ten Sum­me tra­gen. Aber die Rea­li­tät zwingt uns da­zu: Je­des ein­zel­ne EU-Mit­glieds­land ist zu schwach, um auf dem Welt­markt kon­kur­rie­ren zu kön­nen. Aber als Uni­on ist Eu­ro­pa stark – und da­von wer­den die Mit­glieds­län­der pro­fi­tie­ren.

Und wo­her soll das Geld kom­men?

Wir ha­ben star­ke und kon­ti­nu­ier­li­che Zu­wäch­se bei den Steu­er­ein­nah­men über ei­nen sehr lan­gen Zei­t­raum. Im Jahr 2020 nimmt der deut­sche Staat nach der jüngs­ten Steu­er­schät­zung fast 300 Mil­li­ar­den Eu­ro mehr ein als 2010. Das ist ein Plus von weit über 50 Pro­zent. Da­mit wir un­se­ren Wohl­stand hal­ten kön­nen, müs­sen wir da­mit jetzt mög­lichst vie­le In­ves­ti­tio­nen in die Zu­kunft aus­lö­sen: In un­se­re ei­ge­ne In­fra­struk­tur hier in Deutsch­land so­wie mit in­tel­li­gen­ten Steu­er­ent­las­tun­gen bei Un­ter­neh­men und ih­ren Be­schäf­tig­ten. 90 Pro­zent al­ler In­ves­ti­tio­nen wer­den pri­vat fi­nan­ziert. Auch ein sol­cher Im­puls in Deutsch­land kä­me un­se­ren Part­nern in der Eu­ro­zo­ne zu­gu­te.

US-Prä­si­dent Trump hat auf dem G-7-Gip­fel die Deut­schen we­gen der Han­dels­bi­lanz­über­schüs­se als „bad“be­zeich­net. Sind Sie alar­miert?

Nein. Die­ser po­li­ti­sche Vor­wurf ist – ge­lin­de ge­sagt –

schwie­rig. Un­ser Han­dels­bi­lanz­über­schuss ist ja nicht po­li­tisch ver­ord­net wor­den. Wir ver­kau­fen ja nicht des­halb so vie­le Gü­ter, weil es der Bun­des­tag be­schlos­sen hat. Ver­brau­cher und Un­ter­neh­men aus al­ler Welt kau­fen ger­ne deut­sche Pro­duk­te, weil sie als qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig gel­ten.

Setzt Trump die Deut­schen her­ab, um vom schlech­ten Zu­stand der US-Wirt­schaft ab­zu­len­ken?

Mir liegt es fern, über die Ge­dan­ken des Prä­si­den­ten zu phi­lo­so­phie­ren. Klar ist: Die Ana­ly­se ist rich­tig, dass die ame­ri­ka­ni­sche In­dus­trie be­lebt und at­trak­ti­ver wer­den muss. Aber sei­ne Schluss­fol­ge­rung ist falsch. Das Schlecht­re­den der Kon­kur­renz oder gar Straf­zöl­le ma­chen US-Pro­duk­te nicht bes­ser. Die USA müs­sen mehr tun, um wett­be­werbs­fä­hi­ger zu wer­den. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten muss zum Bei­spiel in be­ruf­li­che Bil­dung und in In­fra­struk­tur drin­gend in­ves­tiert wer­den. Ich ha­be vor 27 Jah­ren in den USA ge­ar­bei­tet, seit­her hat sich auf man­chen Ge­bie­ten we­nig ver­än­dert. Noch heu­te hän­gen Strom­ka­bel of­fen an den Stra­ßen. Es sieht in Ein­zel­fäl­len fast aus wie in Ent­wick­lungs­län­dern.

Der In­ter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds for­dert mehr In­ves­ti­tio­nen auch in Deutsch­land, um Han­dels­bi­lanz­über­schüs­se ab­zu­bau­en . . .

Ja, auch wir müs­sen mehr tun: Beim Glas­fa­ser­aus­bau hin­ken wir hin­ter­her. Aber auch da, wo wir tra­di­tio­nell sehr gut sind, müs­sen wir bes­ser wer­den: Ju­gend­li­chen, die selbst­ver­ständ­lich mit dem Smart­pho­ne um­ge­hen, dür­fen wir kei­ne Be­rufs­schu­le mehr oh­ne W-LanNetz zu­mu­ten. Wer jun­ge Leu­te zeit­ge­mäß auf 330 Be­ru­fe vor­be­rei­ten will, kann dies nicht in Ge­bäu­den mit Tech­nik aus dem letz­ten Jahr­hun­dert tun.

Was droht Deutsch­land, wenn es tat­säch­lich zu US-Straf­zöl­len kommt? Deut­sche Un­ter­neh­men ste­hen für 700 000 Ar­beits­plät­ze in den USA. Und sie ha­ben mehr als 250 Mil­li­ar­den Eu­ro in den USA in­ves­tiert. BMW hat sein größ­tes Werk in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Kä­me es zu Straf­zöl­len, wür­den Jobs ge­fähr­det und ab­ge­baut. Au­ßer­dem führt Ak­ti­on zu Re­ak­ti­on: Die USPhar­ma­in­dus­trie, die ih­ren größ­ten Ab­satz­markt in Eu­ro­pa hat, wür­de schwe­re Ein­brü­che hin­neh­men müs­sen. Am En­de ste­hen Han­dels­krie­ge – die kann nie­mand wol­len. Des­halb dür­fen wir den Ge­sprächs­fa­den über die trans­at­lan­ti­sche Zu­sam­men­ar­beit nicht ab­rei­ßen las­sen.

Zum Schluss: Mor­gen be­schließt der Bun­des­tag ei­ne Au­to­bahn­ge­sell­schaft, die den Bau be­schleu­ni­gen soll . . .

Ja, da­für ist es höchs­te Zeit. Das ist ein über­fäl­li­ger ers­ter Schritt. Wenn Un­ter­neh­men we­gen ge­sperr­ter Au­to­bahn­brü­cken nur auf Um­we­gen be­lie­fert wer­den, ih­re Wa­ren nur ver­spä­tet aus­lie­fern kön­nen und ih­re Mit­ar­bei­ter stän­dig im Stau ste­hen, kos­tet das un­se­re Volks­wirt­schaft auf Dau­er rich­tig viel Geld.

Wort­füh­rer im O-Ton: Mehr Ge­sprä­che fin­den Sie auf noz.de/in­ter­view

Fo­to: AFP

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