„Ich hät­te mit mir ver­län­gert . . .“

VfL-Pro­fi Michael Hohn­stedt über Ab­schied, Hö­hen, Tie­fen und Spitz­na­men

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport Regional -

Nach vier Jah­ren muss Michael Hohn­stedt den VfL Os­na­brück ver­las­sen. Ein – vor­erst – letz­tes In­ter­view mit dem „Kampf­schwein“über das En­de, den schöns­ten Mo­ment, den Tief­punkt und sei­nen Spitz­na­men.

Von Ha­rald Pis­to­ri­us

Wenn Sie Trai­ner wä­ren: Hät­ten Sie mit dem Spie­ler Hohn­stedt ver­län­gert?

Oh, das ist gleich zu An­fang ei­ne ge­mei­ne Fra­ge… Aber wenn man weiß, wel­che Tu­gen­den zur Mann­schaft und zum Pu­bli­kum pas­sen, dann soll­te man sol­che Spie­ler hal­ten, die ge­ra­de die­se Ei­gen­schaf­ten ha­ben. Ja, ich hät­te mir wohl noch ei­nen Ein­jah­res­ver­trag ge­ge­ben.

Den­noch ha­ben Sie be­tont, dass Sie die Ent­schei­dung des VfL nach­voll­zie­hen kön­nen. Wie passt das zu­sam­men?

Ich kann den Ver­ein und sei­ne Ar­gu­men­ta­ti­on ein we­nig ver­ste­hen, aber man hät­te auch an­ders ent­schei­den kön­nen. Klar, mit Der­cho, Ren­ne­ke und Rei­mer­ink sind drei Spie­ler für die lin­ke Sei­te un­ter Ver­trag, der Back-up soll auch we­gen der U-23-Re­gel jung sein. Auf der an­de­ren Sei­te war ich ganz si­cher kei­ner der Top­ver­die­ner, und man wuss­te im­mer, was man an mir hat. Ich ha­be im­mer al­les ge­ge­ben, ich ha­be mich auf je­des Trai­ning ge­freut und bin auch pro­fes­sio­nell da­mit um­ge­gan­gen, wenn ich nicht ge­spielt ha­be.

Bli­cken wir ein biss­chen zu­rück. Wel­che Mo­men­te wer­den Sie nie ver­ges­sen? Auf Platz eins mei­ner per­sön­li­chen Lis­te steht das Fall­rück­zie­her-Tor ge­gen Han­sa Ros­tock – ob­wohl wir das Spiel ver­lo­ren ha­ben. Es gab ei­nen Rie­sen­rum­mel, bei der Ab­stim­mung zum Tor des Michael Hohn­stedt er­warb sich Re­spekt und Sym­pa­thie.

Mo­nats fehl­ten mir hin­ter Chris­ti­an Gent­ner nur acht Pro­zent zu Platz eins. Das größ­te Spiel der vier Jah­re ist ganz klar das 3:2 ge­gen RB Leip­zig: Frei­tag­abend, Flut­licht. Wir ma­chen ei­nen Rück­stand wett, rei­ßen das Pu­bli­kum mit und wer­den zum Sieg ge­tra­gen – das war das emo­tio­nals­te und tolls­te Spiel, bei dem ich da­bei war.

Aber auch der Tief­punkt hat­te mit Leip­zig zu tun...

Na­tür­lich, das war der ab­so­lu­te Tief­punkt, und ei­gent­lich woll­te ich nie wie­der dar­über re­den. Wir füh­ren im Po­kal­spiel ge­gen Leip­zig, Gras­si ver­hin­dert ge­gen Sel­ke mit ei­ner sen­sa­tio­nel­len Grät­sche ei­ne Chan­ce, Eck­ball. Ich war di­rekt ne­ben dem Tor, wir Ein­wech­sel­spie­ler lie­fen uns dort warm. Ich will Da­vi­de pus­hen, ma­che zwei, drei Schrit­te auf den Platz. Sel­ke kommt auf mich zu, es gibt ein Wort­ge­fecht

und ein Ger­an­gel. Der Schieds­rich­ter kommt da­zu – und dann fliegt das Feu­er­zeug… Das, was da­nach kam, war mei­ne schlimms­te Zeit im Fuß­ball. Klar, ich hat­te ei­nen Rie­sen­feh­ler ge­macht und ge­be mir ei­ne Mit­schuld. Aber ich wur­de zum Buh­mann ge­macht, be­kam rich­tig auf die Fres­se. Bes­ser ging es mir erst, als ich im ers­ten Spiel un­ter Joe ein Tor zum Sieg in Cott­bus bei­steu­ern konn­te. Es tat vie­len leid, dass Ihr letz­tes Spiel in Li­la-Weiß nach­träg­lich über­schat­tet wur­de von dem plötz­lich be­kannt ge­wor­de­nen Ma­ni­pu­la­ti­ons­ver­dacht.

Ja, das war scha­de. Aber wäh­rend des Spiels, da konn­te ich es ge­nie­ßen. Wenn man vom Pu­bli­kum so ge­fei­ert wird, dann kann man nicht viel falsch ge­macht ha­ben. Ich glau­be, ich war auf ei­ne Art auch ei­ne Iden­ti­fi­ka­ti­ons­fi­gur für vie­le Fans. Ich ha­be an je­dem ein­zel­nen Tag al­les für den VfL ge­ge­ben und im­mer Freu­de dar­an ge­habt – das ha­ben die Leu­te ge­spürt. Ich ha­be es im­mer re­spek­tiert, wenn ich nicht ge­spielt ha­be und nie schlech­te Stim­mung ver­brei­tet oder über Kol­le­gen ge­läs­tert. Viel­leicht hat der ei­ne oder an­de­re jun­ge Spie­ler da­von ge­lernt, ich wür­de es mir wün­schen.

Zum Schluss müs­sen wir über Ih­ren Spitz­na­men re­den. Kampf­schwein – im ers­ten Mo­ment klingt das gar nicht so nett.

Ja, das stimmt wohl, aber ich se­he das längst als Eh­ren­be­zeich­nung an. Ver­passt hat ihn mir ja Ma­ik Wal­pur­gis, und über­nom­men hat er es von den Schal­kern, die ja Marc Wil­mots so ge­nannt ha­ben. Das war ja auch ei­ner, der sich im­mer rein­ge­hau­en hat oh­ne Rück­sicht auf Ver­lus­te. Das war ja auch mein An­satz, aber ich möch­te auch mal sa­gen, dass ich schon ein biss­chen ki­cken kann. Ich ma­che zwar kei­ne Über­stei­ger, aber ich bin mehr als ein Ra­sen­mä­her auf zwei Bei­nen. Kampf­schwein – das ha­ben man­che be­lä­chelt. Aber so weit muss man es erst mal brin­gen, in der 3. Li­ga über­haupt ei­nen Spit­zen­na­men zu be­kom­men.

Wer­der-Fan, Ka­bi­nenMo­ti­va­tor und Wal­pur­gis-Er­in­ne­run­gen: mehr Hohn­stedt-O-Tö­ne im Netz noz.de/vfl

Lei­den­schaft­lich: Fo­to: Hel­mut Kem­me

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