„Eh­ren­mord“: Frei­spruch im Fall Sü­rücü

Kei­ne Be­wei­se ge­gen Brü­der

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Weltspiegel - Von Susanne Güsten

Mehr als zwölf Jah­re nach dem „Eh­ren­mord“an Ha­tun Sü­rücü in Ber­lin muss die Fa­mi­lie des Mord­op­fers vor­erst kei­ne Straf­ver­fol­gung be­fürch­ten. Ein Istan­bu­ler Ge­richt sprach zwei Brü­der des Op­fers, die ih­ren jün­ge­ren Bru­der zu Schüs­sen auf ih­re Schwes­ter an­ge­stif­tet ha­ben sol­len, frei.

ISTAN­BUL. Das Ge­richt be­grün­de­te die Frei­sprü­che mit ei­nem Man­gel an Be­wei­sen; bei ei­ner Ver­ur­tei­lung hät­ten die An­ge­klag­ten mit je­weils bis zu 20 Jah­ren Haft rech­nen müs­sen. Ha­tun Sü­rücü, die als Te­enager von ih­ren El­tern in der Tür­kei zwangs­ver­hei­ra­tet wor­den war, war we­gen ih­rer west­li­chen Le­bens­wei­se an ei­ner Bus­hal­te­stel­le in Ber­lin mit drei Kopf­schüs­sen ge­tö­tet wor­den.

Der Fall hat­te in Deutsch­land ei­ne hef­ti­ge Dis­kus­si­on über so­ge­nann­te „Eh­ren­mor­de“aus­ge­löst, die un­ter an­de­rem durch das Ver­hal­ten der Fa­mi­lie an­ge­facht wur­de. Der als To­des­schüt­ze ver­ur­teil­te jün­ge­re Sü­rücü-Bru­der Ay­han be­rich­te­te vor dem Ge­richt in Ber­lin von sei­ner Ver­ach­tung für die Le­bens­wei­se sei­ner Schwes­ter.

Der Istan­bu­ler Pro­zess ge­gen die bei­den äl­te­ren Sü­rücü-Brü­der Mut­lu und Al­pars­lan be­gann im Ja­nu­ar 2016 und war ei­ne Fol­ge der Ge­richts­pro­zes­se in Deutsch­land. In Ber­lin war Ay­han Sü­rücü im Jahr 2006 zu neun Jah­ren Haft ver­ur­teilt und nach Ver­bü­ßung der Stra­fe in die Tür­kei ab­ge­scho­ben wor­den, wo auch sei­ne heu­te 36 und 38 Jah­re al­ten Brü­der le­ben. Ay­han soll als Tä­ter aus­ge­sucht wor­den sein, weil er als da­mals 19-Jäh­ri­ger mit ei­ner re­la­tiv mil­den Stra­fe rech­nen konn­te.

Mut­lu und Al­pars­lan stan­den in Ber­lin zwar eben­falls vor dem Rich­ter, wur­den aber aus Man­gel an Be­wei­sen frei­ge­spro­chen und setz­ten sich an den Bo­spo­rus ab. Deut­sche Aus­lie­fe­rungs­an­trä­ge nach der Auf­he­bung der Frei­sprü­che durch den Bun­des­ge­richts­hof im Jahr 2007 lehn­te die Tür­kei ab und lei­te­te statt­des­sen ein ei­ge­nes Ver­fah­ren ein.

Vor den Istan­bu­ler Rich­tern wie­der­hol­ten die drei Sü­rücüs ih­re Ver­si­on der Din­ge: Ay­han be­kräf­tig­te, er ha­be den Mord al­lein und oh­ne Hil­fe sei­ner Brü­der be­gan­gen. Im Üb­ri­gen be­daue­re er es, dass sich die tür­ki­sche Jus­tiz mit der Sa­che be­fas­sen müs­se. Reue we­gen des Mor­des an sei­ner Schwes­ter war bei ihm nicht er­kenn­bar. Ay­hans Brü­der ver­wie­sen auf ih­re Frei­sprü­che in Deutsch­land und blie­ben in Istan­bul auf frei­em Fuß.

Zeu­gin nicht ver­nom­men

Mit­hil­fe von Te­le­fonauf­zeich­nun­gen aus Deutsch­land woll­te die Istan­bu­ler Staats­an­walt­schaft den Sü­rücü-Brü­dern nach­wei­sen, dass sie un­mit­tel­bar nach dem Mord mit­ein­an­der spra­chen. Zu­dem soll Ay­han Sü­rücü sei­ner da­ma­li­gen Freun­din ge­sagt ha­ben, er sei von sei­nen Brü­dern un­ter­stützt wor­den. Die Frau wur­de im Istan­bu­ler Pro­zess je­doch nicht ver­nom­men.

Nach den Frei­sprü­chen kann die Istan­bu­ler Staats­an­walt­schaft nun Ein­spruch bei ei­nem über­ge­ord­ne­ten Ge­richt ein­le­gen. Am Di­ens­tag blieb zu­nächst al­ler­dings of­fen, ob dies ge­sche­hen wird. Gül­süm Kav, Vor­sit­zen­de der Grup­pe „Wir stop­pen die Ge­walt ge­gen Frau­en“, sag­te, sie set­ze kei­ne gro­ßen Hoff­nun­gen mehr in die tür­ki­sche Jus­tiz.

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