Lie­bens­wert-ver­schro­be­ne Groß­tan­ten

ARD ver­filmt An­ne Gest­huy­sens Best­sel­ler „Wir sind doch Schwes­tern“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Medien / Fernsehen - Von Rein­hard Lü­ke

Manch­mal kann An­ne Gest­huy­sen ihr Glück kaum fas­sen. Erst hielt sich der De­büt­ro­man der ehe­ma­li­gen Mo­de­ra­to­rin des ARD-Mor­gen­ma­ga­zins über Mo­na­te in den Best­sel­ler-Lis­ten. Nun wird ihr Buch auch noch ver­filmt. Mit Jut­ta Spei­del, Hil­de­gard Schmahl und Ger­trud Roll in den Haupt­rol­len.

Jut­ta Spei­del sieht alt aus. Sehr alt so­gar. Wie sie da an ei­nem trü­ben Nach­mit­tag auf ei­nem Kirch­platz in der Vo­rei­fel steht, ist ihr Ge­sicht von un­zäh­li­gen Fal­ten ge­prägt, die die 63-Jäh­ri­ge wie ei­ne Grei­sin er­schei­nen las­sen. Nur die leuch­tend blau­en Au­gen dar­in ha­ben nichts von ih­rem Glanz ein­ge­büßt. Die mar­kan­te Ge­sichts­land­schaft der Mi­min ist das Kunst­werk der Mas­ken­bild­ner. Denn in we­ni­gen Mi­nu­ten wird Spei­del in der Rol­le der 84-jäh­ri­gen Bet­ty vor der Ka­me­ra ste­hen.

„Es macht un­ge­heu­ren Spaß, mal wie­der hoch­zu­spie­len“, sagt sie. „Die Ge­le­gen­heit be­kommt man in mei­nem Al­ter ja nur noch sel­ten.“„Hoch­spie­len“nen­nen es Schau­spie­ler, wenn von ih­nen ver­kör­per­te Cha­rak­te­re äl­ter sind als sie selbst. Da­bei ist Spei­del, so­wohl was ihr ei­ge­nes Al­ter als auch das ih­rer Fi­gur an­geht, das Nest­häk­chen un­ter den drei Frau­en, de­ren Le­bens­ge­schich­te der Film „Wir sind doch Schwes­tern“er­zählt. An Spei­dels Sei­te agie­ren Ger­trud Roll (81), die die 98-jäh­ri­ge Mar­tha ver­kör­pert, und Hil­de­gard Schmahl (77) als Hil­trud, de­ren 100. Ge­burts­tag gleich in

der Dorf­kir­che ze­le­briert wer­den soll. Für Re­gis­seur Till En­de­mann ist es nach ei­ge­nem Be­kun­den „schlicht ein Traum, mit die­sen drei Schau­spie­le­rin­nen zu ar­bei­ten“.

Ge­dreht wird die Sze­ne in der klei­nen Kir­che in Vett­weiß – ei­nem ver­schla­fe­nen Dorf zwi­schen Köln und Aa­chen. Doch ei­gent­lich spielt die Ge­schich­te um die drei ver­fein­de­ten Schwes­tern, die sich erst im ho­hen Al­ter wie­der zu­sam­men­rau­fen, am Nie­der­rhein.

Po­si­ti­ve Kri­ti­ken

Auf­ge­schrie­ben hat sie An­ne Gest­huy­sen in ih­rem Ro­man: ei­nem eben­so be­rüh­ren­den wie kurz­wei­li­gen Por­trät ih­rer drei lie­bens­wert-ver­schro­be­nen Groß­tan­ten. Das 2012 er­schie­ne­ne li­te­ra­ri­sche De­büt der Fern­seh-Mo­de­ra­to­rin (u.a. ARD-Mor­gen-Ma­ga­zin) hielt sich über Mo­na­te in

den Best­sel­ler­lis­ten und wur­de auch von der Kri­tik über­wie­gend po­si­tiv auf­ge­nom­men.

Beim Dreh in Vett­weiß ist auch Gest­huy­sen zu­ge­gen und zeigt sich sicht­lich be­wegt, die von ihr ent­wor­fe­nen Fi­gu­ren qua­si in le­bens­echt vor sich zu se­hen. „Schon das fer­ti­ge Dreh­buch in den Hän­den zu hal­ten und zu le­sen“, er­klärt sie, „war ei­ne un­ge­heu­er span­nen­de Er­fah­rung.“Ver­fasst hat es die Grim­me-Preis­trä­ge­rin Hei­de Sch­wo­chow („Born­hol­mer Stra­ße“), die mit Gest­huy­sen erst mal ei­ne Er­kun­dungs­tour an den Nie­der­rhein un­ter­nahm. „Be­vor ich mich an den Schreib­tisch set­ze“, so Sch­wo­chow, „muss ich ein Ge­spür für die Land­schaft und die Men­schen ent­wi­ckeln, die die Ge­schich­te prä­gen.“

Nach und nach kom­men an die­sem Nach­mit­tag auch die Kom­par­sen, die Mas­se in die

Kir­che brin­gen sol­len, zum Set. Ge­schminkt und aus­staf­fiert hat man sie in der Kn­ei­pe gleich ge­gen­über dem Got­tes­haus. Im Film fin­det der Got­tes­dienst im Jahr 1994 statt. Der letz­ten von drei Zeit­ebe­nen, auf de­nen sich der Ge­schwis­ter­zwist zu­trägt. Die bei­den an­de­ren spie­len in den Jah­ren 1915 und 1950 – wes­halb die drei kau­zi­gen Prot­ago­nis­tin­nen von ins­ge­samt neun Schau­spie­le­rin­nen ver­kör­pert wer­den.

Auch wenn es sich von der Ge­schich­te her ein­deu­tig um ei­nen Frau­en­film han­delt, spielt auch ein Mann dar­in ei­ne zen­tra­le, wenn auch we­nig rühm­li­che Rol­le. 1954 wur­de der CDU-Po­li­ti­ker Hein­rich des Ehe­bruchs mit sei­ner Haus­häl­te­rin Bet­ty an­ge­klagt, sei­ner­zeit noch ein straf­bar skan­da­lö­ses Ver­ge­hen. Frei­ge­spro­chen wur­de der Mann schließ­lich nur, weil Bet­ty Mar­tha und Hil­de­gard zu Fal­sch­aus­sa­gen un­ter Eid über­re­de­te. Seit dem Tag herrsch­te Funk­stil­le zwi­schen Bet­ty und ih­ren Schwes­tern. Ge­spielt wird die­ser Hein­rich von Ben­ja­min Sad­ler, der sei­ne we­nig sym­pa­thi­sche Fi­gur je­doch in Schutz neh­men möch­te: „Der Typ ist letzt­lich ein un­glück­li­cher, in Kon­ven­tio­nen ge­fan­ge­ner Mann in ei­ner Män­ner­ge­sell­schaft. Und mein schau­spie­le­ri­scher Ehr­geiz ist es, die­sem ver­meint­li­chen Ty­ran­nen auch et­was Mensch­li­ches zu ge­ben.“

Ne­ben den un­mit­tel­bar Be­tei­lig­ten hat an die­sem Nach­mit­tag auch Chris­ti­ne Strobl den Weg in die Vo­rei­fel ge­fun­den. Sie ist seit fünf Jah­ren Che­fin der ARD-Toch­ter De­ge­to, trägt für die­sen Film ne­ben dem WDR die re­dak­tio­nel­le Ver­ant­wor­tung und hat es in­zwi­schen ge­schafft, De­ge­toFil­me aus der Herz-Schmer­zE­cke zu be­frei­en. So lobt sie auch an die­sem Pro­jekt die his­to­ri­sche Di­men­si­on von 100 Jah­ren deut­scher Ge­schich­te an­hand pri­va­ter Schick­sa­le. Und dann be­rich­tet sie von ih­rer ers­ten Be­geg­nung mit dem Ro­man: „Als Pro­du­zent Ni­co Hof­mann mir das Buch auf den Tisch leg­te, hab ich spon­tan ge­sagt: Bit­te nicht schon wie­der so ein Buch von ei­ner Fern­seh-Tus­si.“Seit sie das Buch ge­le­sen hat, ver­ste­hen sich Strobl und die Fern­sehTus­si aber of­fen­bar glän­zend.

Die letz­te Klap­pe für den Film soll, so al­les gut geht, heu­te ge­schla­gen wer­den. Ein Aus­strah­lungs­ter­min im Ers­ten steht noch nicht fest.

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Fo­to: dpa

Die Au­to­rin im Krei­se der drei Schwes­tern: Hil­de­gard Schmahl (Hil­trud Jans­sen; von links), An­ne Gest­huy­sen, Jut­ta Spei­del (Bet­ty Jans­sen) und Ger­trud Roll (Mar­tha Pe­ters).

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