Al­les bricht aus­ein­an­der

Das Jahr­hun­dert in ein paar Ta­gen: Ge­schon­neck ver­filmt Ru­ges „In Zei­ten des ab­neh­men­den Lichts“

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von Da­ni­el Be­ne­dict Trai­ler und Bil­der zum Film fin­den Sie auf noz.de/ki­no

Eu­gen Ru­ges Ro­man „In Zei­ten des ab­neh­men­den Lichts“wur­de 2011 zum Best­sel­ler. Mat­ti Ge­schon­neck bringt ihn jetzt mit ei­nem Vor­zei­geEn­sem­ble ins Ki­no.

Kurz vor ih­rem ei­ge­nen 40. Jah­res­tag fei­ert die DDR den 90. Ge­burts­tag des ver­dien­ten Funk­tio­närs Wil­helm Po­wi­leit. Am En­de kracht die Fest­ta­fel un­ter der Last von Mayon­nai­se-Ei und Würst­chen zu­sam­men. Der Ju­bi­lar hat den Tisch dies­mal selbst auf­ge­baut; und er ist da­bei mit der Grob­heit vor­ge­gan­gen, die das Na­zi-Erb­stück in sei­nen Au­gen eben ver­dient. Bis­lang war sein En­kel Sa­scha da­für zu­stän­dig; aber der ist ge­ra­de in den Wes­ten ge­flo­hen. We­nig spä­ter wird die Mau­er fal­len.

Ei­ne Fa­mi­lie zer­bricht – und mit ihr die gan­ze Ge­sell­schaft, in der sie lebt. Eu­gen Ru­ges Best­sel­ler „In Zei­ten des ab­neh­men­den Lichts“(2011) durch­streift für die­se Ge­schich­te das ver­gan­ge­ne Jahr­hun­dert über meh­re­re Ge­ne­ra­tio­nen: Er schil­dert Wil­helms me­xi­ka­ni­sches Exil und sei­nen Auf­stieg im Os­ten, er er­zählt von Wil­helms Stief­sohn Kurt, des­sen Glau­be an die DDR un­ter sei­ner so­wje­ti­schen La­ger­haft lei­det. Und er ver­knüpft das En­de der so­zia­lis­ti­schen Uto­pie mit der Re­pu­blik­flucht von Wil­helms En­kel Sa­scha. Die­ser Über­blick ist für das Ki­no ei­ne kaum zu be­wäl­ti­gen­de Auf­ga­be; die Ver­fil­mung bricht klu­ger­wei­se ra­di­kal mit der Dra­ma­tur­gie. Die Jahr­zehn­te um­span­nen­de Er­zäh­lung kon­den­siert das Skript auf den Po­wi­leit-Fest­akt; die Sa­ga wird zum Kam­mer­spiel. Wie gut das funk­tio­niert, zeigt schon die Epi­so­de um die kol­la­bie­ren­de Fest­ta­fel, in der deut­sche Ge­schich­te vom Hit­ler-Reich bis zur Re­pu­blik­flucht in ei­nem ein­zi­gen Bild zu­sam­men­schnurrt.

Ru­ges Vor­la­ge stellt die Per­spek­ti­ven al­ler Fi­gu­ren ge­gen­ein­an­der. Auch das ist auf der Lein­wand ein Pro­blem, das die Ad­ap­ti­on mit dem tol­len En­sem­ble auf­fängt. Ehe­män­ner und -frau­en, Vä­ter und Söh­ne – in Wil­helms Fa­mi­lie wer­den die engs­ten Ver­wand­ten zu An­t­ago­nis­ten. Und in lau­ter gleich star­ken Schau­spie­lern be­kommt da­bei je­de Fi­gur ei­nen An­walt, der über­zeu­gend für sie ein­tritt. Im Zen­trum steht Bru­no Ganz als se­ni­ler Ju­bi­lar; und auf im­mer neue Wei­se un­ter­läuft er sei­ne lie­be­vol­le Par­odie ei­nes zän­ki­schen Grei­ses: Zwi­schen ab­ge­stan­de­nen Bon­mots lässt er ech­ten Mut­ter­witz auf­blit­zen, ideo­lo­gi­schen Starr­sinn kon­tras­tiert er mit ver­letz­ba­ren Mo­men­ten. So wahrt Bru­no Ganz, der hier noch ein­mal ei­nen ganz an­de­ren „Un­ter­gang“spielt, Mit­ge­fühl für ei­nen Men­schen, des­sen Geist ge­nau­so ver­schwin­det wie die Ge­sell­schaft, in der er et­was war. Zu Wil­helms Geg­nern im Fa­mi­li­en­kreis ge­hört zu­al­ler­erst die ei­ge­ne Frau Char­lot­te. Hil­de­gard Schmahl gibt ih­rem wa­chen Geist ei­ne bos­haf­te Über­le­gen­heit und schafft zu­gleich Mit­ge­fühl für ei­ne Frau, die ihr Le­ben an der Sei­te des Ar­bei­ter­hel­den als Fehl­ent­schei­dung be­dau­ert. Syl­ves­ter Groth macht Wil­helms Stief­sohn zu ei­nem Phan­tom, das sei­ne gan­ze Exis­tenz als Rol­le be­greift und je­den Satz un­ter An­stren­gun­gen wie aus­wen­dig ge­lernt spricht. Ihm ge­gen­über steht Ev­ge­nia Do­di­na als sei­ne Ehe­frau, die den Le­bens­lü­gen der DDR Hem­mungs­lo­sig­keit und Ex­zess ent­ge­gen­setzt.

Ru­ges Ro­man ist au­to­bio­gra­fisch; und für die Ad­ap­ti­on ar­bei­ten zwei Fil­me­ma­cher zu­sam­men, die ei­ne in­ti­me Stoff­kennt­nis ver­bin­det: Das Buch stammt von Wolf­gang Kohl­haa­se, der bei der DEFA Klas­si­ker wie „Ich war neun­zehn“oder „So­lo Sun­ny“ge­schrie­ben hat; die Ins­ze­nie­rung über­nimmt Mat­ti Ge­schon­neck, der nach ei­nem Mos­kau­er Re­gie­stu­di­um nach der Bier­mann-Aus­bür­ge­rung in Ungna­de fiel und 1978 in den Wes­ten ging.

Man spürt ih­re Nä­he zur fil­mi­schen Welt im­mer wie­der: in ei­nem Hu­mor, der das ge­sell­schaft­li­che Le­ben so kennt­nis­reich be­lä­chelt, wie es Lo­ri­ot im Wes­ten vor­ge­macht hat. Und auch sei­ne Sets bringt Ge­schon­neck auf ei­ne fa­mi­liä­re Wei­se zum Spre­chen – von der aus­ge­tre­te­nen Bür­ger­lich­keit in Wil­helms Emp­fangs­zim­mer bis zur er­starr­ten Sehn­sucht des zu­ge­müll­ten Win­ter­gar­tens, in dem Char­lot­te vom un­er­reich­ba­ren Me­xi­ko träumt.

„In Zei­ten des ab­neh­men­den Lichts“. D 2017. R: Mat­ti Ge­schon­neck. D: Bru­no Ganz, Syl­ves­ter Groth, Hil­de­gard Schmahl. 100 Min. Oh­ne Al­ters­be­schrän­kung.

Das letz­te Abend­mahl der DDR: Ge­schon­necks „In Zei­ten des ab­neh­men­den Lichts“macht Ru­ges Fa­mi­li­en­sa­ga zum Kam­mer­spiel. Fo­to: Han­nes Hu­bach/X-Verleih

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