Tie­ri­sche Le­bens­räu­me in mensch­li­chen Ge­schich­ten

Me­n­as­ses Er­zähl­band „Tie­re für Fort­ge­schrit­te­ne“zeigt, wie wir von Ge­füh­len und In­stink­ten ge­trie­ben wer­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Kultur - Von An­ne Rei­nert

Wenn es in Li­te­ra­tur und Kunst um Tie­re geht, dann ist ei­gent­lich im­mer der Mensch ge­meint. So ist das auch in Eva Me­n­as­ses Er­zähl­band „Tie­re für Fort­ge­schrit­te­ne“. Jah­re­lang hat sie Nach­rich­ten über Tie­re aus Zei­tun­gen aus­ge­schnit­ten und ge­sam­melt. Ihr ein­zi­ges Kri­te­ri­um: Die Ge­schich­ten muss­ten et­was ha­ben, was Me­n­as­se als zu­tiefst mensch­lich emp­fand. Aus den Be­rich­ten über Rau­pen, Schlan­gen, En­ten und Kro­ko­di­len hat die aus Ös­ter­reich stam­men­de Au­to­rin Er­zäh­lun­gen über Ehe­paa­re, ver­las­se­ne Part­ner, Vor­ur­tei­le und an­de­re Men­schen­ge­schich­ten ge­macht.

Auf schma­lem Grat

Die Er­zäh­lun­gen sind nach den Tie­ren be­nannt, die sie in­spi­riert ha­ben. „Rau­pen“heißt et­wa die über ei­nen al­ten Mann, der sei­ne de­men­te Ehe­frau pflegt. Mit al­ler Kraft ver­sucht er das Un­mög­li­che, näm­lich ihr ehe­ma­li­ges Le­ben auf­recht­zu­er­hal­ten. Denn er spürt, dass mit den schwin­den­den Er­in­ne­run­gen sei­ner Frau ihr ge­mein­sa­mes Le­ben in Ver­ges­sen­heit ge­rät. Die Töch­ter, die sich ein­mi­schen wol­len, schmeißt er aus dem Haus und schickt statt­des­sen als ei­ne Art frag­wür­di­ge The­ra­pie sei­ne kran­ke Frau zum Fens­ter­put­zen auf ei­ne Lei­ter.

Die­se ge­fähr­li­che Si­tua­ti­on, die die al­ten Ge­wohn­hei­ten er­hal­ten soll, zeigt, auf was für ei­nem schma­len Grat das Paar sich be­wegt – so wie die ti­tel­ge­ben­den Ta­bak­schwär­merRau­pen, de­ren Ver­dau­ungs­se­kre­te die Ta­bak­pflan­ze Duft­stof­fe frei­set­zen lässt, die wie­der­um Fress­fein­de der Rau­pe an­lo­cken. Was le­bens­er­hal­tend sein soll, wird zur Le­bens­ge­fahr.

„Rau­pen“ist ei­ner der be­rüh­rends­ten Er­zäh­lun­gen in Me­n­as­ses Buch. Da­bei glänzt sie bei ih­rer Er­for­schung mensch­li­cher Ver­hal­tens­wei­sen oh­ne­hin mit durch­ge­hend star­ken Ge­schich­ten. In „Haie“et­wa zeigt sie, dass auch die Mit­tel­schicht kei­nes­wegs frei von Vor­ur­tei­len ist. Dort ge­win­nen die Vor­be­hal­te ge­gen ei­ne li­ba­ne­si­sche Fa­mi­lie ei­ne un­auf­halt­sa­me Ei­gen­dy­na­mik. Me­n­as­se geht ganz nah an ih­re Prot­ago­nis­ten her­an. Der Le­ser fühlt sich, als stün­de er mit­ten im Le­ben die­ser Mit­tel­stands­fi­gu­ren. Das wür­de auch oh­ne die vor­an­ge­stell­ten Ti­er­nach­rich­ten funk­tio­nie­ren. So aber er­mög­li­chen die Tier­ge­schich­ten noch mal ei­nen an­de­ren Blick auf die mensch­li­chen Be­weg­grün­de. Und zei­gen, wie der Mensch von Ge­füh­len und In­stink­ten ge­trie­ben wird.

Eva Me­n­as­se: „Tie­re für Fort­ge­schrit­te­ne“. Kie­pen­heu­er & Witsch, 320 Sei­ten, 20 Eu­ro.

In­spi­riert von Tie­ren: Eva Me­n­as­se. Fo­to: Jür­gen Bau­er

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