Im­mer mehr Asyl­be­wer­ber kla­gen

Karls­ru­he ver­zeich­net im ers­ten Halb­jahr An­stieg der Ver­fas­sungs­be­schwer­den

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Politik - Von Ma­ri­on Trim­born Streit­the­ma Asyl: mehr auf noz.de/po­li­tik

Die Zahl der ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­ber, die vor Ge­richt zie­hen, steigt un­auf­halt­sam. In­zwi­schen wen­den sich vie­le ans Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – das führt zu mehr Ver­fas­sungs­be­schwer­den.

We­gen der zahl­rei­chen Asyl­kla­gen steigt die Be­las­tung der Karls­ru­her Rich­ter, die im ers­ten Halb­jahr wie­der mehr Ver­fas­sungs­be­schwer­den ver­zeich­ne­ten. Da­durch hat sich der lang­jäh­ri­ge Trend ge­dreht.

In den ers­ten sechs Mo­na­ten reich­ten Klä­ger ins­ge­samt 2912 Ver­fas­sungs­be­schwer­den in Karls­ru­he ein, das wa­ren 51 mehr als im Ver­gleichs­zeit­raum 2016. Das geht aus Zah­len des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vor, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­lie­gen. Der Zu­wachs be­traf vor al­lem den Zwei­ten Se­nat, der ins­ge­samt 113 Kla­gen mehr ver­zeich­ne­te. Grund da­für sei der „si­gni­fi­kan­te“An­stieg der Asyl­kla­gen beim Zwei­ten Se­nat ge­we­sen. Da­ge­gen gin­gen die Neu­ein­gän­ge beim Ers­ten Se­nat um 62 Fäl­le zu­rück.

Mit den Be­schwer­den wand­ten sich Asyl­be­wer­ber ge­gen die Ab­leh­nung ih­res Asyl­an­trags und dro­hen­de Ab­schie­bung, wenn sie zu­vor bei den Fach­ge­rich­ten – et­wa den Ver­wal­tungs­ge­rich­ten – ge­schei­tert wa­ren. Die Klä­ger sa­hen sich in ih­ren Grund­rech­ten ver­letzt und mach­ten et­wa gel­tend, dass ih­re Ein­wän­de nicht aus­rei­chend ge­hört wur­den und ih­nen bei Ab­schie­bung ins Hei­mat­land Fol­ter oder Ge­fäng­nis droh­ten. Der Prä­si­dent des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, Andre­as Voß­kuh­le, hat­te schon im Jah­res­be­richt 2016 von ei­ner „an­hal­tend ho­hen Be­las­tung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts“ge­spro­chen – die­ser Zu­stand hat sich seit­dem nicht ge­bes­sert.

Die Asyl­kla­gen be­las­ten so­mit al­le In­stan­zen der deut­schen Ge­rich­te. Der Bund Deut­scher Ver­wal­tungs­rich­ter hat­te jüngst vor ei­ner Über­las­tung deut­scher Ge­rich­te an­ge­sichts der vie­len Asyl­ver­fah­ren ge­warnt. Dem­nach lan­det et­wa je­de vier­te Ent­schei­dung des Bun­des­am­tes für Mi­gra­ti­on und Flücht­lin­ge (Bamf) vor Ge­richt. Da­durch ver­län­gern sich die Lauf­zei­ten der Ver­fah­ren.

Die Kla­gen sor­gen im­mer wie­der für Streit. So gibt es aus Jus­tiz­krei­sen den Vor­wurf, dass den Ge­rich­ten vie­le Ver­fah­ren er­spart blei­ben könn­ten, wenn das Bamf sei­ne Ent­schei­dun­gen sorg­fäl­ti­ger tref­fen wür­de.

Klä­ger kön­nen sich an das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wen­den, wenn sie ih­re Grund­rech­te ver­letzt se­hen. Die Kla­ge kann sich ge­gen Maß­nah­men ei­ner Be­hör­de, ge­gen Ur­tei­le oder ge­gen Ge­set­ze rich­ten. Im ers­ten Halb­jahr sprach das Ge­richt auch Ur­tei­le in vie­len an­de­ren Rechts­fel­dern, so er­klär­te es die Kern­brenn­stoff­s­teu­er für ver­fas­sungs­wid­rig und ent­schied, dass Bun­des­län­der den Be­trieb von Spiel­hal­len stren­gen Re­geln un­ter­wer­fen dür­fen.

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren wa­ren die Ver­fas­sungs­be­schwer­den kon­ti­nu­ier­lich zu­rück­ge­gan­gen. Seit dem Höchst­stand 2014 mit 6606 Be­schwer­den war die Zahl 2015 auf 5739 und 2016 auf 5610 Kla­gen ge­sun­ken.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­wies aber dar­auf, dass Kla­gen stark von ak­tu­el­len Ent­wick­lun­gen ab­hän­gig sind. So ha­ben bei­spiels­wei­se in der Ver­gan­gen­heit die Ein­füh­rung der Vor­rats­da­ten­spei­che­rung oder auch das Han­dels­ab­kom­men EU/Ka­na­da (Ceta-Ab­kom­men) zu zahl­rei­chen Ein­ga­ben beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ge­führt.

Un­ter­des­sen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach der grund­sätz­li­chen Bil­li­gung der Ab­schie­bung is­la­mis­ti­scher Ter­ror-Ge­fähr­der auch im Fall ei­nes 18-jäh­ri­gen Rus­sen aus Bre­men grü­nes Licht ge­ge­ben. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de des Man­nes wur­de ab­ge­wie­sen, wie aus dem am Wo­che­n­en­de ver­öf­fent­lich­ten Be­schluss her­vor­geht. Dem Mann, der fast sein gan­zes Le­ben in Deutsch­land ver­bracht hat, aber rus­si­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger ist, wird ein Ter­ror­an­schlag in Deutsch­land zu­ge­traut.

Asyl­kla­gen be­schäf­ti­gen die Karls­ru­her Rich­ter. Foto: dpa

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