„Me­dail­len­pro­gno­se wä­re wie Wür­feln“

DLV-Chef­trai­ner Gon­sch­in­s­ka über das Über­gangs­jahr 2017, Re­spekt vor den Fuß­bal­lern, Tra­di­ti­on und Ter­ror­ge­fahr

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Sport - Von Micha­el Jo­nas

2017 ist ein Über­gangs­jahr für die deut­schen Leicht­ath­le­ten. Das sagt DLV-Chef­trai­ner Id­riss Gon­sch­in­s­ka vor den am Frei­tag in Lon­don be­gin­nen­den Ti­tel­kämp­fe. Ei­ne Me­dail­len­pro­gno­se will der einst bes­te Hür­den­läu­fer der DDR nicht ab­ge­ben.

Herr Gon­sch­in­s­ka, wie schät­zen Sie das Leis­tungs­ni­veau der deut­schen Ath­le­ten vor der WM in Lon­don ein?

Man muss das Leis­tungs­ni­veau in der Leicht­ath­le­tik we­gen der vie­len Dis­zi­pli­nen dif­fe­ren­ziert be­trach­ten. Ge­ne­rell ist 2017 ein Über­gangs­jahr. Nach den Olym­pi­schen Spie­len in Rio fin­det ei­ne Neu­for­mie­rung der Na­tio­nal­mann­schaft hin­sicht­lich 2020 statt. Wir ha­ben bis­her schon ei­ni­ge Welt­klas­se­leis­tun­gen z. B. der Speer­wer­fer Tho­mas Röh­ler, Jo­han­nes Vet­ter und Andre­as Hoff­mann ge­se­hen. Ver­gleich­bar konn­ten sich die Mehr­kämp­fer/-in­nen um Ca­ro­lin Schä­fer, Ri­co Frei­muth und Kai Kaz­mie­rek, die Hin­der­nis­läu­fe­rin Ge­sa Krau­se oder auch über 1500 m Kon­stan­ze Klos­ter­hal­fen auf Welt­klas­se­ni­veau dar­stel­len. Zu­dem kommt auch Ku­gel­sto­ßer Da­vid Storl mehr und mehr in Schwung. Auch ha­ben wir zu­letzt gu­te Leis­tun­gen bei der U-23-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft im pol­ni­schen Bydgosz­cz ge­se­hen. Auf der an­de­ren Sei­te feh­len uns nach ih­rem Kar­rie­re­en­de Per­sön­lich­kei­ten wie im Wurf­be­reich Chris­ti­na Obergföll, Linda Stahl und Bet­ty Heid­ler oder Chris­ti­na Schwa­nitz nach der Ge­burt ih­rer Zwil­lin­ge. In Lon­don feh­len wer­den auch die ver­letz­te Hür­den­sprin­te­rin Cin­dy Ro­le­der, Dis­kus­wurf- Olym­pia­sie­ger Chris­toph Har­ting und der Bron­ze­me­dail­len­ge­win­ner von Rio Da­ni­el Jas­in­ski. Die­se Ath­le­ten/-in­nen kön­nen wir nicht ein­fach so er­set­zen.

Was ist wich­ti­ger – die Per­spek­ti­ven der jun­gen Ath­le­ten aus­zu­lo­ten oder die Me­dail­len­chan­cen in den Vor­der­grund zu stel­len?

Das ist schwer zu sa­gen. Bei­des ist wich­tig. Wir kön­nen die Welt­spit­ze ana­ly­sie­ren und fol­gend Ziel­vor­ga­ben so­wie An­for­de­rungs­pro­fi­le ab­lei­ten. Aber den Aus­gang von Wett­be­wer­ben bei in­ter­na­tio­na­len Meis­ter­schaf­ten kön­nen wir nicht vor­her­sa­gen. Das wä­re wie Wür­feln. Des­we­gen möch­te ich auch kei­ne Pro­gno­se ab­ge­ben, wie vie­le

Me­dail­len und Fi­nal­plat­zie­run­gen im Be­reich des Mög­li­chen sind.

Die DM in Er­furt hat ge­zeigt, wie fas­zi­nie­rend Leicht­ath­le­tik sein kann. Trotz­dem ist das In­ter­es­se an der olym­pi­schen Kern­sport­art eher ge­sun­ken. Wie kann man die Leicht­ath­le­tik für die Me­di­en und da­mit auch für Sport­be­geis­ter­te in­ter­es­san­ter ma­chen?

Die Ein­schalt­quo­ten bei der Deut­schen Meis­ter­schaft wa­ren gut, die Mit­glie­der­zah­len in den Ver­ei­nen ge­stal­ten sich sta­bil. Leicht­ath­le­tik ist un­strit­tig die Grund­sport­art und auch als Trai­nings­mit­tel in an­de­ren Sport­ar­ten ge­fragt. Na­tür­lich wün­schen wir uns noch mehr Über­tra­gungs­zeit und Auf­merk­sam­keit im Fern­se­hen. Ich kann nicht be­stä­ti­gen, dass das In­ter­es­se in der Öf­fent­lich­keit ge­sun­ken ist. Das ist au­ßer­dem ei­ne Fra­ge, die Sie Mar­ke­ting­ex­per­ten stel­len müs­sen.

Der Sport im TV wird vom Fuß­ball do­mi­niert. Geht Ih­nen das ge­gen den Strich?

Die Ent­wick­lung im Fuß­ball muss man hin­neh­men. Au­ßer­dem ver­dient die sport­li­che Leis­tung der Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft mei­nen ab­so­lu­ten Re­spekt.

Spielt Tra­di­ti­on noch ei­ne Rol­le in der Leicht­ath­le­tik? Tra­di­ti­on ist na­tür­lich wich­tig. Auf der an­de­ren Sei­te gilt es sich zu ent­wi­ckeln. Es ist al­so ein schwie­ri­ger Spa­gat, die Tra­di­ti­on auf­recht­zu­er­hal­ten und gleich­zei­tig den Trans­fer zu schaf­fen, die Tra­di­ti­on in den mo­der­nen Sport und de­ren Ziel­grup­pen ein­zu­bau­en.

In Er­furt ist über ein Man­gel an Trai­nern in gro­ßen Stütz­punk­ten ge­klagt wor­den. Wie kann man das än­dern?

Fakt ist, dass ein Rück­gang an Übungs­lei­tern in den Ver­ei­nen zu ver­zeich­nen. Zu­dem muss das Be­rufs­bild des Trai­ners ver­bes­sert wer­den. Grund­sätz­lich gibt es ver­gleich­bar zu an­de­ren olym­pi­schen Sport­ar­ten die­ses Pro­blem in der Leicht­ath­le­tik.

Lon­don gilt nach Ter­ror­an­schlä­gen als ei­ner der ge­fähr­lichs­ten Plät­ze der Welt. Be­rei­ten Sie Ih­re Ath­le­ten auf mög­li­che Ge­fah­ren vor?

Wir wis­sen, wo wir hin­fah­ren und wir wis­sen, dass wir ei­ne Ver­ant­wor­tung für un­se­re Ath­le­ten ha­ben. Das Be­dro­hungs­po­ten­zi­al hat sich welt­weit ver­än­dert. Ins­ge­samt 25 rus­si­sche Ath­le­ten dür­fen trotz der Do­ping­sper­re ih­res na­tio­na­len Ver­ban­des un­ter neu­tra­ler Flag­ge an­tre­ten und bei der Er­fül­lung der Nor­men an der WM teil­neh­men. Ist das ge­recht? Wenn Sie des Do­pings über­führt wur­den, müs­sen die Ath­le­ten ge­sperrt wer­den. Wenn ein Ver­band sich nicht an den in­ter­na­tio­na­len An­ti­do­ping­be­stim­mun­gen ori­en­tiert, gilt dies eben­so. Wenn Sie zu­ge­las­sen wer­den und ent­spre­chen­de Prüf­ver­fah­ren dies be­grün­den, muss man sie je­doch auch fair be­han­deln.

Im Mit­tel­punkt der WM wird der Ab­schied von Usain Bolt ste­hen. Se­hen Sie ihn als den größ­ten Leicht­ath­le­ten al­ler Zei­ten? Das will ich nicht sa­gen. Er ist ein Ath­let, der in sei­ner Dis­zi­plin al­les er­reicht hat. Er hat den Sprint über vie­le Jah­re ge­prägt und in ei­ne neue Di­men­si­on ent­wi­ckelt. Mit sei­nem Show­ta­lent hat er zu­dem die Wahr­neh­mung der Leicht­ath­le­tik deut­lich wei­ter­ent­wi­ckelt. Aber es gibt und gab auch vie­le an­de­re gro­ße Ath­le­ten.

Su­per­star und Me­dail­len­aspi­ran­ten: Sprint­le­gen­de Usain Bolt will ein letz­tes Mal Gold ho­len. Die deut­schen Hoff­nun­gen ru­hen auf Speer­wer­fer Tho­mas Röh­ler und Läu­fe­rin Kon­stan­ze Klos­ter­hal­fen. Fo­tos: dpa (2), Wit­ters

Id­riss Gon­sch­in­s­ka Foto: dpa

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