Eu­er Durch­laucht

Neue Osnabrucker Zeitung - Lotte, Westerkappeln, Mettingen, Tecklenburg - - Osnabrück - E-Mail: till@noz.de

Tills Kol­le­gin wird geih­rzt. Wann im­mer sie auf ih­ren Nach­barn trifft, re­det er sie mit „Ihr“und „Eu­er“an. Et­wa: „Ihr müss­tet Eu­er Au­to mal wa­schen.“Oder: „Hat­tet Ihr ei­nen schö­nen Ur­laub?“Nun wohnt Tills Kol­le­gin al­lei­ne, wie Till weiß und wie es auch ihr (er­heb­lich äl­te­rer) Nach­bar wis­sen müss­te. Es kann sich al­so nicht um ein Du­zen in der zwei­ten Per­son Plu­ral han­deln, fin­det Tills Kol­le­gin. Al­so er­gänzt sie in Ge­dan­ken stets „Eu­er Durch­laucht“. Et­wa: „Habt Ihr heu­te auch kei­ne Zei­tung be­kom­men (Eu­er Durch­laucht)?“Wäh­rend im Mit­tel­al­ter die Ad­li­gen und das hö­her­ge­stell­te Stadt­bür­ger­tum das nie­de­re Volk mit dem plum­pen „Du“an­re­de­ten, ver­wen­de­ten sie un­ter­ein­an­der das fei­ne „Ihr“und „Eu­er“. Man war ja was Bes­se­res (dach­te man). Das Sie­zen ist noch ver­hält­nis­mä­ßig jung und hat sich in Deutsch­land wohl ab dem spä­ten 17. Jahr­hun­dert am Ho­fe ent­wi­ckelt. Und doch gab es bis ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein noch Kin­der, die ih­re El­tern ih­rz­ten. Heut­zu­ta­ge, wo im­mer mehr ge­duzt wird – in der Wer­bung, im Fern­se­hen, im Fit­ness­stu­dio, und, und, und – wei­gert sich Tills Kol­le­gin je­den­falls, die son­der­ba­re An­re­de ih­res Nach­barn als „ich kann mich nicht ent­schei­den, ob ich Sie du­zen oder sie­zen soll“ab­zu­tun. Nein, sie wird geih­rzt und fühlt sich da­mit stets ein klein we­nig ge­adelt.

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